Belfast
Ende der 1960er Jahre stand Nordirland am Rand des Bürgerkriegs. Straßen, die Generationen lang geteilt worden waren, wurden plötzlich durch Barrikaden zu Frontlinien. In dieses aufgewühlte Belfast kehrt Kenneth Branagh mit „Belfast“ zurück – nicht als politischer Chronist, sondern als Kind, das sich an seine Kindheit erinnert. Es ist ein Film über das Verschwinden von Vertrautem, über Loyalitäten, die sich niemand ausgesucht hat, und über die Frage, was Heimat bedeutet, wenn sie einem entrissen wird.

| Dauer: | 98 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2021 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | Kenneth Branagh |
| Produzenten: | Becca Kovacik, Laura Berwick, Tamar Thomas, Kenneth Branagh |
| Hauptdarsteller: | Jude Hill, Jamie Dornan, Caitríona Balfe |
| Nebendarsteller: | Lewis McAskie, Judi Dench, Ciarán Hinds, Lara McDonnell |
| Studio: | TKBC, Northern Ireland Screen |
Branagh, 1960 in Belfast geboren, schrieb dieses Drehbuch als autofiktionales Zeugnis einer prägenden Zeit. Die Kamera sieht mit den Augen eines Neunjährigen. Sie registriert, was ein Kind registriert: die Stimmung der Erwachsenen, das Stocken des Alltags, das Schweigen beim Abendbrot. Was sie nicht zeigt, ist mindestens ebenso bedeutsam wie das, was sie zeigt. Welchen Preis zahlt eine Kindheit, wenn die Welt um sie herum zu bröckeln beginnt?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Belfast“ ist ein britisches Filmdrama aus dem Jahr 2021. Kenneth Branagh führte Regie und schrieb das Drehbuch. Als Kameramann fungierte Haris Zambarloukos, der bereits bei Branaghs „Mord im Orient-Express“ und „Artemis Fowl“ hinter der Kamera stand. Den Schnitt übernahm Úna Ní Dhonghaíle. Die Filmmusik stammt überwiegend vom nordirischen Singer-Songwriter Van Morrison, der acht bestehende Songs sowie den eigens komponierten Titel „Down to Joy“ beisteuerte.
Den neunjährigen Buddy spielt der Newcomer Jude Hill. Jamie Dornan und Caitríona Balfe verkörpern seine Eltern, die im Film schlicht als Ma und Pa bezeichnet werden. Ciarán Hinds spielt Buddys Großvater Pop, Judi Dench seine Großmutter Granny. Lewis McAskie gibt den älteren Bruder Will, Lara McDonnell die Cousine Moira. Colin Morgan ist als Antagonist Billy Clanton zu sehen. In einer letzten Filmrolle ist der im November 2020 verstorbene britische Schauspieler John Sessions zu erleben.
Der Film läuft 99 Minuten und ist ab FSK 12 freigegeben. „Belfast“ feierte seine Weltpremiere im September 2021 beim Telluride Film Festival und gewann wenige Wochen später beim Toronto International Film Festival den Publikumspreis. Bei der Oscarverleihung 2022 erhielt der Film sieben Nominierungen, darunter für den besten Film und die beste Regie. Den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewann Kenneth Branagh. In Deutschland kam der Film am 24. Februar 2022 in die Kinos.
Handlung & Inhalt vom Film „Belfast“
Belfast, Sommer 1969. Der neunjährige Buddy wächst in einem Arbeiterviertel der nordirischen Hauptstadt auf, zwischen Pflastersteinen, Nachbarschaftsgeräuschen und dem vertrauten Rhythmus einer engen Gemeinschaft. Sein Vater pendelt zwischen Belfast und England, wo die Bezahlung besser ist, und ist deshalb für zwei Wochen im Monat abwesend. Die Kindererziehung liegt weitgehend bei der Mutter und den Großeltern, die in der Nähe wohnen. Buddy hat einen älteren Bruder namens Will. Er verliebt sich in seine Mitschülerin Catherine, die Katholikin ist. Sein Alltag ist der Spielplatz der Gassen, sein Horizont das Viertel, in dem er geboren wurde.
Im August 1969 ziehen protestantische Randalierer durch das mehrheitlich katholische Wohnviertel. Buddy wird Zeuge der Ausschreitungen, die erst durch das Eingreifen der Armee gestoppt werden. Straßensperren trennen fortan die verfeindeten Bevölkerungsgruppen. Buddys Familie ist protestantisch, aber in dem Viertel verwurzelt und an einer Eskalation nicht interessiert. Sein Vater predigt ihm, Menschen nach ihrem Charakter zu beurteilen, nicht nach ihrer Konfession. Buddy hält an seiner Zuneigung zu Catherine fest. Gleichzeitig gerät die Familie durch Sportwetten des Vaters und einen abzubezahlenden Kredit in finanzielle Bedrängnis. Der Vater erwägt, mit der Familie nach Sydney oder Vancouver auszuwandern.
Druck von innen und außen
Billy Clanton, ein Mitglied der protestantischen Bewegung, setzt den Vater unter Druck, wobei er die Nähe der Familie zu Katholiken als direkte Bedrohung wertet. Gleichzeitig fordert er ein klares Bekenntnis zur eigenen Seite, andernfalls droht er mit Gewalt. Dennoch lehnt der Vater ab. Während sich zudem in England ein besser bezahlter Job abzeichnet, beginnt er, die skeptische Mutter schrittweise von einem Umzug zu überzeugen. Allerdings sperrt sich Buddy vehement dagegen, da er Catherine, seine Großeltern und das gesamte Viertel nicht verlassen will. Folglich besteht seine Welt ausschließlich aus diesen Menschen und diesen Straßen.
Darüber hinaus überredet Buddys Cousine Moira ihn zu einem Ladendiebstahl in einem Süßigkeitengeschäft. Obwohl Buddy sie bei einer anschließenden Befragung durch die Polizei nicht verrät, nimmt sie ihn anschließend in ihre Gruppe auf – eine protestantische Randalierergemeinschaft, die später einen Supermarkt plündert. Gleichzeitig bekommt Buddys Mutter die Ausschreitungen mit und zwingt ihren Sohn konsequenterweise, das gestohlene Diebesgut zurückzugeben. Infolgedessen nutzt Billy Clanton die Situation aus und setzt die Familie schließlich als menschlichen Schutzschild gegenüber der Polizei ein.
Kurz darauf trifft Buddys Vater rechtzeitig ein und überwältigt Clanton, der anschließend von der Polizei abgeführt wird. Zwar ist die unmittelbare Bedrohung damit vorerst gebannt, jedoch bleibt das Sicherheitsgefühl der Familie dauerhaft erschüttert. Zusätzlich verstärkt sich die Situation, als Buddys Großvater kurz darauf an einer Krankheit stirbt. Dadurch fällt letztlich der endgültige Entschluss zum Wegzug. Schließlich verabschiedet sich Buddy von Catherine, und gemeinsam verlässt die Familie Belfast mit dem Bus, während die Großmutter zurückbleibt. Somit bleibt die Stadt, die Buddy kannte, nur noch als Erinnerung bestehen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Belfast“
„Belfast“ ist ein Film, der in seiner Inszenierung genau weiß, was er will – und diesen Anspruch konsequent einlöst. Branagh arbeitet mit einem Schwarzweißbild, das sich bewusst von der Rekonstruktion des Historischen abwendet und stattdessen den Aggregatzustand der Erinnerung abbildet. Farbige Sequenzen treten nur in Kinobesuchen und Theateraufführungen auf, wenn Buddy in Welten eintaucht, die außerhalb seiner Straße existieren. Dieser Kontrast ist keine dekorative Spielerei, sondern eine präzise Aussage über die Funktion von Kunst als Refugium. Jude Hill trägt die Last dieser Perspektive mit bemerkenswerter Natürlichkeit.
Das Ensemble funktioniert als emotionales Gravitationszentrum des Films. Ciarán Hinds und Judi Dench geben den Großeltern eine stille Würde, die keine sentimentalen Gesten benötigt. Caitríona Balfe findet in den Konfrontationsszenen eine emotionale Genauigkeit, die das Drehbuch bisweilen an seine Grenzen trägt. Van Morrisons Musik entfaltet Melancholie ohne Aufdringlichkeit. Was hingegen fehlt, ist Raum. Belfast als Stadt bleibt weitgehend Kulisse: Das Viertel, auf das sich die Handlung konzentriert, vermittelt wenig von der spezifischen Topografie einer Stadt, deren Name Titel und Versprechen zugleich ist.
„Belfast“ ist ein ehrlicher, handwerklich solider Film über Verlust und Verwurzelung, der seinen stärksten Momenten in der Enge des Familiären findet. Wer Dramen schätzt, die persönliche Geschichte mit politischem Hintergrund verknüpfen, ohne in Didaktik zu verfallen, wird hier fündig. Der Film ist keine große Analyse des Nordirlandkonflikts – er will es auch nicht sein. Er ist ein Familienalbum aus bewegten Zeiten, und das mit einer Aufrichtigkeit, die trägt.