Reservoir Dogs – Wilde Hunde

Es gibt Regiedebüts, die sich behutsam an die Regeln des Mediums herantasten – und es gibt jene, die gleich beim ersten Schuss das ganze System umstellen. Quentin Tarantinos „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“ gehört unmissverständlich zur zweiten Kategorie. Der Film aus dem Jahr 1992 wurde rasch zur Blaupause eines neuen Independentkinos. Mit 1,2 Millionen Dollar Budget, einer leerstehenden Leichenhalle als Hauptschauplatz und einem überschaubaren Ensemble entstand ein Werk, das bis heute als Maßstab gilt. Empire erklärte ihn später zum größten Independentfilm aller Zeiten.

Reservoir Dogs - Wilde Hunde
Dauer: 99 Min.
FSK: 18 (DE)
Jahr: 1992
Kategorien: Action, Krimi
Regie: Quentin Tarantino
Produzenten: Lawrence Bender
Hauptdarsteller: Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen
Nebendarsteller: Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Randy Brooks
Studio: Live Entertainment, Dog Eat Dog Productions

Seine Wirkung verdankt der Film weniger dem, was gezeigt wird, als dem, was konsequent ausgespart bleibt. Der Juwelenraub selbst, dramaturgisches Herzstück jedes klassischen Heist-Movies, findet nie vor der Kamera statt. Stattdessen bleibt die Erzählung bei den Konsequenzen. Tarantino vertraut auf Dialog, auf Rückblenden, auf eine knappe Kulisse. Die Gewalt wird dabei nie entschärft, wohl aber rhythmisiert. Wie verhält sich ein Film zu seinem eigenen Genre, wenn er dessen Regeln bewusst gegen sich selbst wendet?

Besetzung, Regie und Drehorte

Mit „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“ legte Quentin Tarantino 1992 sein Kinodebüt als Regisseur und Drehbuchautor vor. Produziert wurde der Film von Lawrence Bender über Live Entertainment und Dog Eat Dog Productions in den Vereinigten Staaten. Die Kamera führte Andrzej Sekuła, für den Schnitt zeichnete Sally Menke verantwortlich, die Musikauswahl verantwortete Karyn Rachtman. Gedreht wurde überwiegend in einer stillgelegten Leichenhalle in Los Angeles, die inzwischen abgerissen ist. Die niedrigen Produktionskosten ergaben sich auch aus diesem reduzierten Schauplatz.

In den Hauptrollen agieren Harvey Keitel als Mr. White, Michael Madsen als Mr. Blonde, Steve Buscemi als Mr. Pink und Tim Roth als Mr. Orange. Lawrence Tierney verkörpert den Verbrecherboss Joe Cabot, Chris Penn dessen Sohn „Nice Guy“ Eddie. Tarantino selbst übernimmt die Nebenrolle des Mr. Brown, Edward Bunker – im realen Leben einst Bankräuber – spielt Mr. Blue. Kirk Baltz gibt den gefangenen Polizisten Marvin Nash. Komiker Steven Wright leiht dem fiktiven Radio-DJ K-Billy seine Stimme.

Mit einer Laufzeit von 99 Minuten erhielt der Film in Deutschland die Altersfreigabe FSK 18. Die deutsche Synchronfassung entstand 1992 bei Cinephon unter der Dialogregie von Manfred Lehmann, der zugleich Mr. Blonde seine Stimme lieh. Bei Produktionskosten von rund 1,2 Millionen Dollar spielte der Film etwa 2,8 Millionen Dollar ein. Der Titel selbst geht auf eine verballhornte Aussprache von „Au revoir les enfants“ zurück.

Handlung & Inhalt vom Film „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“

Ein Restaurant in Los Angeles, acht Männer an einem Tisch, und zunächst ein ausschweifendes Gespräch über Madonnas „Like a Virgin“ sowie den Sinn von Trinkgeldern. Zunächst wirkt die Runde vertraut, doch tatsächlich ist sie es nur bedingt. Denn der Verbrecherboss Joe Cabot und sein Sohn „Nice Guy“ Eddie haben ein Team zusammengestellt, das sich bewusst nicht kennen soll. Deshalb tragen die sechs Gangster statt Namen Farbcodes: Mr. White, Mr. Orange, Mr. Blonde, Mr. Pink, Mr. Blue und Mr. Brown. Währenddessen steht der Plan fest: ein Juwelenraub. Zwar scherzen und streiten die Männer in schwarzen Anzügen, doch nichts deutet darauf hin, dass wenige Stunden später bereits mehrere von ihnen tot sein werden. Außerdem wird der Überfall nur beiläufig erwähnt.

Daraufhin folgt ein harter Schnitt, der den Zuschauer in ein fahrendes Auto versetzt. Dort liegt Mr. Orange schwer verletzt auf dem Rücksitz, während Mr. White am Steuer versucht, ihn zu beruhigen. Gleichzeitig steuern sie das vereinbarte Treffpunktlagerhaus an. Kurz darauf trifft auch Mr. Pink ein und schildert in einer Rückblende seine Flucht, wobei er schnell zur Diagnose kommt: Der Überfall wurde verraten. Folglich muss sich ein Maulwurf unter ihnen befinden. Währenddessen ist Mr. Brown bereits tot und Mr. Blue verschwunden. Zusätzlich deutet eine weitere Rückblende die lange Geschichte zwischen Mr. White und Joe Cabot an.

Konfrontation, Verrat und letzte Schüsse

Mit dem Auftauchen von Mr. Blonde kippt die Lage schließlich endgültig. Einerseits bringt er einen gefesselten Polizisten, Marvin Nash, ins Lagerhaus, andererseits eskaliert die Situation sofort. Während Eddie anordnet, die Fahrzeuge zu entfernen, fährt er gemeinsam mit Mr. White und Mr. Pink los. Zur gleichen Zeit bleibt Mr. Orange scheinbar bewusstlos zurück, wodurch Mr. Blonde allein mit dem Polizisten beginnt, ihn brutal zu foltern. Währenddessen läuft „Stuck in the Middle with You“, und parallel schneidet er ihm das Ohr ab, übergießt ihn mit Benzin und greift schließlich zum Feuerzeug. Genau in diesem Moment richtet sich Mr. Orange auf und erschießt ihn.

Im Anschluss daran folgt eine Aufdeckung in Zeitlupe. Zunächst gibt sich Mr. Orange als Undercover-Kollege zu erkennen, während Nash trotz der Folter geschwiegen hat. Gleichzeitig zeigt eine ausgedehnte Rückblende, wie Freddy Newendyke in die Rolle des Gangsters gelangte. Zurück in der Gegenwart erschießt Eddie den Polizisten, und anschließend fordern die verbliebenen Gangster eine Erklärung von Mr. Orange. Kurz darauf erscheint Joe Cabot und identifiziert ihn als Spitzel.

Schließlich eskaliert alles in einem mexikanischen Standoff, in dem Joe, Mr. White und Eddie gleichzeitig ihre Waffen aufeinander richten. Daraufhin fallen drei Schüsse nahezu gleichzeitig, wodurch Joe und Eddie sterben, während Mr. White schwer verletzt überlebt. Parallel dazu flieht Mr. Pink mit der Beute und wird draußen von der Polizei gestellt. Im letzten Moment gesteht der sterbende Mr. Orange seinem einzigen Vertrauten, tatsächlich der Informant zu sein. Währenddessen hält Mr. White ihm die Waffe an den Kopf, und als die Polizei stürmt und ihn auffordert, sie zu senken, fällt schließlich ein Schuss – und das Bild endet mit einem Mann am Boden.

Filmkritik und Fazit zum Film „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“

Was „Reservoir Dogs – Wilde Hunde“ so beharrlich jung hält, ist die disziplinierte Verweigerung dessen, was das Genre eigentlich verlangt. Tarantino entzieht dem Heist-Movie sein Zentrum, den Überfall, und verlagert die Dramaturgie in die Nachspielzeit. Die Kamera von Andrzej Sekuła bleibt dabei auffallend zurückhaltend, bewegt sich präzise zwischen Nähe und Distanz. Harvey Keitel verleiht Mr. White eine fast väterliche Würde, Michael Madsen spielt den Psychopathen Mr. Blonde mit einer Beiläufigkeit, die kälter wirkt als jede Explosion. Steve Buscemis nervöse Präsenz liefert den rhythmischen Gegenschlag.

Die Inszenierung erzeugt ihren eigentlichen Sog durch ein bewusst eingesetztes Paradox: Sie setzt Musik gezielt als Kontrapunkt zur Gewalt ein. Wenn Mr. Blonde zu „Stuck in the Middle with You“ tanzt und dabei zum Rasiermesser greift, verstärkt der Film die Verstörung genau durch diese Gleichzeitigkeit von Leichtigkeit und Brutalität, die kein rein explizit gezeigter Gewaltakt in dieser Form erreichen würde. Das Tempo folgt dabei nicht einer klassischen Action-Logik, sondern orientiert sich vielmehr an der Kammerspiel-Dramaturgie eines Bühnenstücks. Der Film trägt sich vor allem über Dialoge, begrenzt konsequent den Raum und strukturiert die Handlung über Rückblenden. Sally Menkes Schnitt verschachtelt die Chronologie dabei nicht spielerisch, sondern nutzt sie gezielt als Werkzeug zur Charakterzeichnung. Gleichzeitig dienen die Wortgefechte über Popkultur nicht dem Vorantreiben des Plots, sondern formen präzise die Figuren selbst.

Unter der coolen Oberfläche arbeitet der Film an einem strengen moralischen System: Loyalität gegen Verrat, Vertrauen gegen Täuschung. Der tragische Bogen lässt niemandem eine Ausweichtür. Für Freunde des Independentkinos, des klassischen Gangsterfilms und stilsicher entworfener Ensembledramen bleibt Tarantinos Debüt eine Pflichtsichtung. Wer feuilletonistisches Genre-Kino sucht, das seine Regeln kennt, um sie mit Haltung zu brechen, findet hier einen seltenen Glücksfall.

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