Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?
Wenn zwei Fitnessstudio-Angestellte eine CD mit den Memoiren eines geschassten CIA-Analysten finden, beginnt keine Spionagegeschichte. Es beginnt eine Tragödie der Selbstüberschätzung. Die Coen-Brüder nennen ihr Ergebnis „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“ und verweigern jede Heldenerzählung. An die Stelle des Bourne-Helden treten Dummköpfe. An die Stelle des Geheimnisses tritt eine Datei mit Zahnarztrechnungen. Dass daraus eine ganze Kette von Leichen wird, ist die eigentliche Pointe dieses Films.

| Dauer: | 96 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2008 |
| Kategorien: | Komödie, Krimi |
| Regie: | Ethan Coen, Joel Coen |
| Produzenten: | Ethan Coen, Joel Coen |
| Hauptdarsteller: | George Clooney, Frances McDormand, Brad Pitt |
| Nebendarsteller: | John Malkovich, Tilda Swinton, Richard Jenkins, Elizabeth Marvel |
| Studio: | Focus Features, StudioCanal, Relativity Media, Working Title Films, Mike Zoss Productions |
Die Brüder aus Minnesota haben sich 2008 mit diesem Werk einen Spaß erlaubt, dessen Bitterkeit man erst beim zweiten Blick schmeckt. Zwischen „No Country for Old Men“ und „A Serious Man“ liegt dieses kleine Biest. Carter Burwells Taiko-Trommeln treiben die Figuren vor sich her, als hätten sie tatsächlich eine Mission. Sie haben keine. Genau hier beginnt die Faszination. Was bleibt, wenn man einen Thriller nimmt und jede Form von Intelligenz herausschneidet?
Besetzung, Regie und Drehorte
Joel und Ethan Coen haben „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“ vollständig selbst verantwortet. Sie schrieben das Drehbuch, produzierten den Film und übernahmen unter ihrem gemeinsamen Pseudonym Roderick Jaynes den Schnitt. Die Kamera führte erstmals seit „Miller’s Crossing“ nicht Roger Deakins, sondern Emmanuel Lubezki, der zeitgleich für andere Projekte unter Vertrag stand. Mary Zophres zeichnete als Kostümbildnerin verantwortlich, bereits im achten Coen-Film in Folge. Carter Burwell komponierte die Musik, sein elfter Score für das Brüderpaar. Die Kombination garantiert formale Dichte auf höchstem Niveau.
Der Cast versammelt eine außergewöhnliche Riege amerikanischer Stars. George Clooney spielt den notorischen Fremdgänger Harry Pfarrer. Brad Pitt verkörpert den Fitnesstrainer Chad Feldheimer, Frances McDormand seine Kollegin Linda Litzke. John Malkovich gibt den gefeuerten CIA-Analysten Osborne Cox, Tilda Swinton dessen eiskalte Ehefrau Katie. Dazu kommen Richard Jenkins als heimlich verliebter Studio-Manager sowie David Rasche und J. K. Simmons als CIA-Offiziere. Viele dieser Rollen schrieben die Coens speziell für ihre Wunschdarsteller.
Der Film läuft 96 Minuten und trägt in Deutschland eine FSK 12. Produziert wurde er mit einem Budget von rund 37 Millionen US-Dollar, weltweit spielte er über 163 Millionen ein. Die Premiere fand am 27. August 2008 zur Eröffnung der Filmfestspiele von Venedig statt. Nominierungen folgten bei den Golden Globes und den British Academy Film Awards, unter anderem für McDormand, Pitt und Swinton.
Handlung & Inhalt vom Film „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“
Washington D.C., Gegenwart. Der alternde CIA-Analyst Osborne Cox wird wegen eines Alkoholproblems degradiert und quittiert daraufhin wutentbrannt den Dienst. Danach beginnt er, seine Memoiren zu schreiben. Seine Frau Katie, die längst eine Affäre mit dem Finanzbeamten Harry Pfarrer unterhält, bereitet unterdessen im Stillen die Scheidung vor. Auf Anweisung ihres Anwalts kopiert sie daher Osbornes Finanzdaten auf eine CD. Mit auf dem Datenträger landet außerdem der Memoiren-Entwurf. Die Assistentin des Anwalts verliert die Scheibe jedoch in der Umkleide eines Fitnessstudios. Dort fällt sie schließlich dem Trainer Chad Feldheimer und seiner Kollegin Linda Litzke in die Hände. Die beiden halten den Fund daraufhin für brisantes Geheimmaterial.
Linda braucht dringend Geld. Mehrere Schönheitsoperationen stehen nämlich auf ihrer Liste, doch die Krankenkasse zahlt nicht. Gemeinsam mit Chad entwirft sie deshalb einen Erpressungsversuch gegen Cox. Der Ex-Agent weist sie allerdings brüsk ab und droht zugleich mit Konsequenzen. Linda lässt dennoch nicht locker und beschließt schließlich, die vermeintlichen Geheimnisse an die russische Botschaft zu verkaufen. Ein Informant im russischen Apparat meldet den Vorgang daraufhin an die CIA, die zunächst nur beobachten lässt. Parallel dazu lernen sich Linda und der notorisch untreue Harry Pfarrer über ein Dating-Portal kennen. Harry beginnt außerdem eine Affäre mit ihr, ohne jedoch zu ahnen, welche Rolle Osborne Cox in seinem Leben spielen wird.
Konfrontation und Konsequenzen
Die Russen signalisieren inzwischen Interesse an weiteren Dokumenten. Deshalb überredet Linda Chad, in das Haus der Coxes einzubrechen und den Computer zu plündern. Dort wird Chad jedoch von Harry überrascht, der aus reinem Reflex schießt. Der junge Trainer ist sofort tot. Harry lässt anschließend die Leiche verschwinden und findet am Opfer weder Ausweis noch Kleidermarken, da Linda ihren Komplizen entsprechend instruiert hatte. Harry hält den Toten deshalb für einen Regierungsagenten. Im CIA-Hauptquartier rätseln unterdessen ein Abteilungsleiter und sein Vorgesetzter, was hinter den Vorgängen steckt. Die Motive bleiben dabei undurchsichtig. Um jedoch eine Einschaltung des FBI zu vermeiden, ordnet der Vorgesetzte schließlich die Vertuschung an.
Harry bemerkt später eine Verfolgung und stellt den Mann daraufhin. Es handelt sich allerdings um einen Scheidungsdetektiv seiner Ehefrau. Geknickt sucht er danach Trost bei Linda, die wiederum den Verschwundenen sucht. Als sie schließlich die Adresse nennt, zu der Chad zuletzt unterwegs war, erkennt Harry sein Opfer. Er hält Linda nun für eine Spionin und flieht deshalb nach Venezuela. Am Flughafen Dulles wird er jedoch abgefangen. Cox dringt zur selben Zeit mit einer Axt in sein eigenes Haus ein und erwischt dort den Studio-Manager Ted, den Linda zuvor zu einem weiteren Datendiebstahl überredet hatte.
Cox schießt daraufhin auf Ted und jagt ihn anschließend auf die Straße. Auf offener Strecke schlägt er mit der Axt zu. Ein CIA-Agent, der eigentlich nur beobachten sollte, feuert daraufhin auf Cox und bringt ihn ins Koma. Die Überlebenschancen sind dabei gering. Harry wird nach Rücksprache der Vorgesetzten dennoch laufen gelassen und darf nach Venezuela ausreisen. Linda wird dagegen festgenommen. Sie verspricht allerdings Schweigen gegen die Finanzierung ihrer Schönheitsoperationen. Der CIA-Vorgesetzte genehmigt dies schließlich genervt. Am Ende sitzen zwei Geheimdienstmänner im Büro und beschließen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Was genau passiert ist, wissen sie allerdings nicht.
Filmkritik und Fazit zum Film „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“
„Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“ entfaltet seine Wirkung über ein doppeltes Spiel. Die Coens inszenieren eine Agentenfarce, die ihren eigenen Apparat sabotiert. Carter Burwells perkussiver Score mit Taiko-Trommeln suggeriert Dringlichkeit, wo keine ist. Emmanuel Lubezkis kühle, sauber komponierte Kamera beobachtet die Figuren ohne jede Wärme. Die Schauspielregie verdient besondere Erwähnung. Malkovich explodiert in jeder zweiten Szene, Pitt liefert als dümmlich-euphorischer Chad eine Selbstparodie seiner Starrolle, Swinton friert als Katie die Luft ein. Richard Jenkins spielt den liebeskranken Ted mit einer Zurückhaltung, die schmerzt.
Das Tempo steigert sich aus einer bewusst zähen Exposition in einen grotesken Strudel. Wer anfangs den Überblick verliert, ist auf der richtigen Spur – die Figuren verlieren ihn auch. Die eigentliche Brillanz liegt in den CIA-Szenen zwischen David Rasche und J. K. Simmons. Zwei Männer versuchen, aus einem Chaos aus Unfähigkeit und Zufall eine Geheimdienstaffäre zu rekonstruieren. Der Rahmen bleibt trotzdem eng. Die Coens zeichnen ihre Figuren als Monster, was ein Vorteil ist und ein Nachteil zugleich. Emotionale Bindung entsteht kaum, Mitleid noch weniger. Die Kritik an Washington bleibt dadurch oberflächlich, die Menschenstudie indes trifft.
Der Film reiht sich nicht ganz vorn in die Filmografie der Coens ein. Er hat die Form einer Fingerübung zwischen zwei Gipfeln. Genau darin liegt sein Charme. Wer schwarze Komödien liebt und bereit ist, sich auf Figuren einzulassen, die niemand nach Hause begleiten möchte, findet hier 96 Minuten dichten, bösen Humor. Für Coen-Einsteiger ist das Werk die falsche Tür. Für Fans ist es eine kleine, gehässige Kostbarkeit.