Akira

Es gibt Filme, deren Wirkung sich nicht in der Summe ihrer Bilder erschöpft, sondern in der Erschütterung, die sie hinterlassen. „Akira“ gehört zu dieser seltenen Kategorie. Katsuhiro Otomos Verfilmung seines eigenen Mangas aus dem Jahr 1988 verdichtet ein Jahrhundertepos auf 124 Minuten. Was dabei entsteht, ist mehr als ein Animationsfilm. Es ist eine kulturelle Zäsur. Der Film verschob die Grenzen dessen, was japanischer Trickfilm sein durfte.

Akira
Dauer: 124 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 1988
Kategorien: Action, Science-Fiction
Regie: 大友克洋
Produzenten: 加藤俊三, Ryohei Suzuki
Hauptdarsteller: Mitsuo Iwata, Nozomu Sasaki, Mami Koyama
Nebendarsteller: 石田太郎, 鈴木瑞穂, Tessyo Genda, 北村弘一
Studio: MBS, Sumitomo Corporation, TOHO, Kodansha, Tokyo Movie Shinsha, Bandai, Hakuhodo, LaserDisc Corporation

Die Geschichte zweier Jugendlicher in einem dystopischen Neo-Tokio entzieht sich konventionellen Lesarten. Otomo verwebt Cyberpunk-Ästhetik mit Body-Horror-Motiven und konfrontiert sein Publikum mit einer Welt am Rand der Selbstauslöschung. Das Resultat irritiert, fasziniert und überfordert in produktiver Weise. Wer sich auf diesen Sog einlässt, betritt einen filmischen Raum, der Pop-Kultur und philosophische Tiefe gleichermaßen beansprucht. Welche Spuren hat dieser Film in der Bildsprache nachfolgender Generationen tatsächlich hinterlassen?

Besetzung, Regie und Drehorte

Hinter „Akira“ steht Katsuhiro Otomo, der nicht nur die Vorlage schuf, sondern auch das Drehbuch verfasste und Regie führte. Unterstützt wurde er beim Skript von Izō Hashimoto. Das Charakterdesign verantwortete Takashi Nakamura, die künstlerische Leitung übernahm Toshiharu Mizutani. Produziert wurde der Film von Ryōhei Suzuki und Shunzō Katō im Studio Tōkyō Movie Shinsha. Den Schnitt besorgte Takeshi Seyama. Die Computeranimationen entstanden im Studio High Tech Lab Japan.

In den japanischen Hauptrollen sind Mitsuo Iwata als Shōtarō Kaneda und Nozomu Sasaki als Tetsuo Shima zu hören. Tarō Ishida verleiht Oberst Shikishima seine Stimme. Mami Koyama spricht die Untergrundkämpferin Kei. Für die deutsche Erstsynchronisation von 1991 standen unter anderem Julien Haggège und Markus Hoffmann am Mikrofon. Die Neusynchronisation aus dem Jahr 2005 entstand in den G&G Studios in Kaarst. Hier übernahm Gerrit Schmidt-Foß die Rolle des Tetsuo, während Julien Haggège diesmal Kaneda sprach.

Mit einer Laufzeit von 124 Minuten und einer FSK-16-Freigabe richtet sich der Film an ein erwachsenes Publikum. Das Budget von etwa 1,1 Milliarden Yen war für eine japanische Animationsproduktion seinerzeit beispiellos. Sieben Unternehmen schlossen sich im sogenannten „Akira Committee“ zur Finanzierung zusammen. Die Musik komponierte Shōji Yamashiro mit seinem Chor Geinoh Yamashirogumi.

Handlung & Inhalt vom Film „Akira“

Im Jahr 1988 wird Tokio durch eine atomare Explosion vollständig ausgelöscht, und infolgedessen erhebt sich drei Jahrzehnte später an dieser Stelle Neo-Tokio, eine futuristische Metropole zwischen Wolkenkratzern und sozialer Verwahrlosung. Studentenunruhen und Bombenanschläge gehören dabei ebenso zum Alltag, und mittendrin agiert Shōtarō Kaneda, der charismatische Anführer einer Motorradgang. An seiner Seite fährt sein Freund Tetsuo Shima, und beide wuchsen gemeinsam im Waisenhaus auf. Eines Nachts jedoch gerät die Bande in einen Straßenkampf mit einer rivalisierenden Gruppe, wobei Tetsuo verunglückt, als plötzlich ein greisenhaft wirkender Junge vor seinem Motorrad auftaucht. Kurz darauf erscheint schließlich das Militär und nimmt den Verletzten mit.

In der militärischen Forschungseinrichtung wird Tetsuo umfassend untersucht. Die Wissenschaftler stellen fest, dass er über übernatürliche Kräfte verfügt. Drei kindliche Versuchsobjekte mit ähnlichen Fähigkeiten leben dort bereits: Masaro, Takashi und Kyoko. Sie alle wirken vorzeitig gealtert. Tetsuos Potenzial jedoch übersteigt jenes der anderen und wird mit den Kräften Akiras verglichen, jenes mythischen Wesens, das einst die große Explosion auslöste. Tetsuo flieht zu seiner Freundin Kaori. Parallel lernt Kaneda die Untergrundkämpferin Kei kennen, die einer Revolutionsbewegung angehört. Die Wege der Figuren beginnen sich zu verflechten.

Der Weg in die Katastrophe

Tetsuos Kräfte wachsen dabei in beunruhigendem Tempo, und zugleich rebelliert er sowohl gegen die ständige Bevormundung durch Kaneda als auch gegen die kalten Untersuchungen des Militärs. Währenddessen erfährt Oberst Shikishima von Kyoko, dass durch Akira viele Menschen sterben werden, woraufhin er den unterirdischen Tresor kontrolliert, in dem die Überreste Akiras seit drei Jahrzehnten tiefgekühlt lagern. Die drei begabten Kinder versuchen zwar, Tetsuo aufzuhalten, doch ihre Versuche scheitern dennoch. Daraufhin schließt sich Kaneda Keis Revolutionären an, um seinen Freund zu befreien, und gemeinsam dringen sie in die Forschungsanlage ein. Inmitten von Halluzinationen und Schmerzen jedoch wendet Tetsuo sich schließlich gegen alle, die ihm einst nahestanden.

Aus den Bruchstücken seiner Erinnerung entsteht dabei eine fixe Idee, denn Tetsuo will Akira finden, der im Olympia-Stadion verborgen sein soll. Auf seinem Weg dorthin hinterlässt der entgleiste Jugendliche deshalb eine Spur der Verwüstung, während gleichzeitig das Militär die Macht im Land übernimmt und zudem seine gesamte Feuerkraft auf den einen Gegner konzentriert. Währenddessen nehmen Kaneda und Kei die Verfolgung auf, und schließlich stellt sich Kei im Stadion, von Kyoko als Medium gelenkt, dem Eskalierenden entgegen. Der folgende Kampf zerstört daraufhin die Umgebung in apokalyptischen Bildern, und schließlich öffnet Tetsuo den Tresor.

In den Behältern lagern lediglich Körperteile Akiras. Das eigentliche Wesen lebt seit dreißig Jahren nicht mehr. Kaneda greift mit einem Lasergewehr ein, während ein militärischer Satellit aus dem Orbit feuert. Tetsuo zerstört diesen mit einem einzigen Sprung. Seine Kräfte entgleiten ihm vollständig. Er mutiert zu einem grotesken Fleischkoloss, der alles um sich verschlingt. Masaro, Takashi und Kyoko erwecken Akira ein letztes Mal, um Tetsuo zu vernichten. Eine zweite Explosion erschüttert Neo-Tokio. Kaneda und Shikishima werden gerettet. Aus dem finalen Lichtstrahl entsteht ein neues Universum, während Tetsuos Worte „Ich bin Tetsuo“ verhallen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Akira“

Was „Akira“ so unverwechselbar macht, ist die rastlose Energie seiner Inszenierung. Otomo verzichtet auf die damals übliche Limited Animation und lässt mehr als 160.000 Einzelbilder zeichnen. Das Resultat besitzt eine flüssige Dichte, die jede Verfolgungsjagd zur kinetischen Komposition werden lässt. Besonders die nächtlichen Motorradsequenzen mit ihren neonfarbenen Lichtspuren wirken bis heute stilbildend. Die ungewöhnliche Farbpalette aus 327 Tönen bricht mit der Konvention, Nachtszenen blau zu halten. Stattdessen dominieren tiefe Rot- und Grüntöne, die eine erstickende Atmosphäre schaffen.

Das Tempo des Films bleibt selbst in vermeintlich ruhigen Momenten unter Hochspannung. Shōji Yamashiros Soundtrack verbindet traditionelle japanische Instrumente mit Synthesizerklängen und mehrstimmigen Chören zu einem kultisch anmutenden Klangteppich. Diese Musik trägt entscheidend zum hypnotischen Sog bei. Tetsuos schrittweise Verwandlung folgt der Logik des Body Horrors und kulminiert in einer der verstörendsten Mutationssequenzen der Animationsgeschichte. Die politischen Anspielungen auf Studentenrevolten, militärische Überwachung und das Trauma der Atombombenabwürfe verleihen dem Werk eine zeitgeschichtliche Dimension, die weit über reine Genreware hinausreicht.

Wer Anime jenseits niedlicher Klischees sucht, findet hier ein Schlüsselwerk. Die erzählerische Verdichtung des umfangreichen Manga-Originals bringt Brüche mit sich, die manche Figur unterbelichtet lassen. Diese Schwäche tritt jedoch hinter die schiere visuelle und thematische Wucht zurück. Für Liebhaber dystopischer Science-Fiction und kulturhistorisch interessierte Zuschauer bleibt der Film unverzichtbar. Otomos Vision wirkt nach fast vier Jahrzehnten ungebrochen modern.

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