Sherlock Holmes

Es gibt Filmfiguren, die größer sind als das Medium, das sie trägt. Sherlock Holmes ist eine davon. Seit Arthur Conan Doyle seinen Detektiv 1887 in die Welt entließ, haben Bühne, Kino und Fernsehen ihn immer neu erfunden – mal distinguiert, mal kauziger Gentleman, mal kühler Analytiker. „Sherlock Holmes“ von Guy Ritchie aus dem Jahr 2009 wählt einen anderen Weg. Dieser Holmes trägt zerschlissene Kleider, kämpft mit den Fäusten und lebt in produktivem Chaos. Eine Provokation – oder doch eine Rückbesinnung auf Doyles Vorlage?

Sherlock Holmes
Dauer: 128 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2009
Kategorien: Action
Regie: Guy Ritchie
Produzenten: Susan Downey, Dan Lin, Joel Silver, Lionel Wigram, Peter Eskelsen, Steve Clark-Hall
Hauptdarsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams
Nebendarsteller: Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet, Geraldine James
Studio: Warner Bros. Pictures, Village Roadshow Pictures, Silver Pictures, Wigram Productions

Ob Ritchies Neuinterpretation dem Geist der Originalgeschichten gerecht wird oder sie mutwillig überschreibt, ist eine Frage, die das Publikum seit dem Kinostart 2009 beschäftigt. Das spätviktorianische London dient dabei als Bühne für einen Film, der zwischen Abenteuerfilm, Detektivgeschichte und Spektakel changiert. Wie viel vom literarischen Holmes überlebt den Weg in einen modernen Blockbuster – und welche Qualitäten dieser Übersetzung gewinnt er dabei?

Besetzung, Regie und Drehorte

Sherlock Holmes“ ist eine US-amerikanisch-britisch-deutsche Koproduktion der Studios Warner Bros. Pictures, Village Roadshow Pictures und Silver Pictures aus dem Jahr 2009. Regie führt Guy Ritchie, der das Drehbuch gemeinsam mit Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg und Lionel Wigram entwickelte. Die Kamera verantwortete Philippe Rousselot, den Schnitt übernahm James Herbert. Gedreht wurde in London, weiteren britischen Städten sowie in den USA und Australien. Die Filmmusik stammt von Hans Zimmer, der für seine Arbeit sowohl für einen Grammy als auch für einen Oscar nominiert wurde.

Robert Downey Jr. übernimmt die Titelrolle des Sherlock Holmes, Jude Law spielt seinen Weggefährten Dr. John Watson. Rachel McAdams verkörpert Irene Adler, die geschickte Widersacherin und ehemalige Vertraute des Detektivs. Mark Strong besetzt den Antagonisten Lord Henry Blackwood, Eddie Marsan den Inspektor Lestrade. Kelly Reilly ist als Mary Morstan zu sehen, Watsons Verlobte. In weiteren Rollen sind James Fox, William Hope, Hans Matheson, Robert Maillet und Geraldine James als Mrs. Hudson zu erleben.

Der Film läuft 128 Minuten und ist ab FSK 12 freigegeben. Er erhielt zwei Oscar-Nominierungen in den Kategorien Bestes Szenenbild und Beste Filmmusik. Robert Downey Jr. wurde bei den Golden Globe Awards 2010 als Bester Hauptdarsteller in einer Komödie oder einem Musical ausgezeichnet. Die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW verlieh dem Film das Prädikat „wertvoll“.

Handlung & Inhalt vom Film „Sherlock Holmes“

London, 1891. Sherlock Holmes verhindert in letzter Sekunde die Ermordung einer jungen Frau durch Lord Blackwood, einen Mann, dem bereits fünf Ritualmorde zur Last gelegt werden. Holmes und sein Freund Dr. Watson sichern die Beweise, noch bevor Inspektor Lestrade von Scotland Yard den Tatort erreicht. Blackwood wird verhaftet, verurteilt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Im Gefängnis fordert er Holmes zu einem Gespräch. Mit ruhiger Überzeugung kündigt er an, auch nach seinem Tod weiterzumorden. Wenig später erklärt Watson, der angesichts seiner bevorstehenden Hochzeit mit Mary Morstan den Auszug aus der Baker Street plant, Blackwood nach der Hinrichtung offiziell für tot.

Holmes, der seinen unbeschäftigten Verstand mit Drogen und Boxkämpfen betäubt, erhält Besuch von Irene Adler – einer Frau, der er einst unterlegen war. Sie beauftragt ihn, einen rothaarigen Kleinwüchsigen namens Reordan aufzuspüren. Kurz darauf ruft Scotland Yard Holmes zu Blackwoods Grab: Ein Zeuge berichtet von dessen Auferstehung. Der geöffnete Sarg enthält tatsächlich eine fremde Leiche – jene Reordans. Eine Uhr führt Holmes und Watson über einen Pfandleiher zu einem Haus voller chemischer Experimente. Dort geraten sie in einen Kampf, dessen Folgen ein Schiff in der Themse versenken.

Verrat, Okkultes und ein verborgener Plan

Nach ihrer Verhaftung hinterlegt Watsons Verlobte ausschließlich für ihn die Kaution. Holmes jedoch wird von einer Geheimgesellschaft, dem Tempel der vier Orden, freigekauft und sofort ins Hauptquartier gebracht. Dort erkennt er trotz verbundener Augen den Standort und deduziert Sir Thomas Blackwoods Abstammung. Kurz darauf stirbt Thomas unter mysteriösen Umständen in seiner Badewanne. Daraufhin übernimmt Blackwood die Führung des Ordens und plant die Rückeroberung der USA. Gleichzeitig setzt Innenminister Lord Coward seinen Einfluss auf die Polizei gezielt ein. Zudem stirbt der US-Botschafter Standish nach heftigem Widerstand.

Anschließend folgen Holmes und Watson einer Spur ins Schlachthaus. Dort versucht Blackwood Irene Adler zu töten. Holmes greift sofort ein und rettet sie. Währenddessen löst Watson eine Sprengfalle aus und wird schwer verletzt. Obwohl Coward Haftbefehl erlässt, entkommt Holmes dank Polizeikontakten. Danach analysiert er ein okkultes Ritual und erkennt wiederkehrende Mordmuster. Zudem deutet die Symbolik auf vier geplante Ziele hin. Schließlich weist der Löwe auf das britische Parlament als nächstes Ziel.

Daraufhin täuscht Lestrade eine Verhaftung vor, sodass Holmes zu Coward gelangt. Dort enthüllt Coward den Plan der Verschwörer. Eine Maschine soll Zyanid per Radiowelle ins Parlament leiten. Sofort flüchtet Holmes über die Themse mit Watson und Adler. Gemeinsam dringen sie durch die Kanalisation in den Keller ein. Adler entschärft die Maschine rechtzeitig. Allerdings schmuggelt sie die Zylinder auf die Tower Bridge. Schließlich stellt Holmes Blackwood dort zur Rede. Es kommt zum Kampf auf der Brücke. Holmes entlarvt dessen Magie als chemische Manipulation. Daraufhin stürzt Blackwood in die Tiefe und stirbt. Abschließend nennt Adler Holmes den Namen des Drahtziehers: Professor Moriarty.

Filmkritik und Fazit zum Film „Sherlock Holmes“

Sherlock Holmes“ ist ein Film, der seinen Hauptdarsteller braucht – und bekommt. Robert Downey Jr. verleiht der Figur eine nervöse Vitalität, die zwischen Brillanz und Selbstzerstörung oszilliert. Seine Darstellung ist nie berechenbar: Wo andere Interpretationen Holmes als kühlen Automaten zeigen, zeigt Downey Jr. einen Mann, dem das Denken körperlich anzusehen ist. Jude Law hält dagegen mit einem Watson, der keine bloße Randfigur ist, sondern gleichwertiger Gegenpart. Die Chemie zwischen beiden trägt den Film durch schwächere Passagen. Guy Ritchies Inszenierung verbindet seine eigentümliche Zeitlupen-Dramaturgie mit einem sorgfältig konstruierten spätviktorianischen Setting.

Hans Zimmers Filmmusik verdient besondere Aufmerksamkeit. Sein Einsatz von Banjo, defektem Klavier und quietschender Geige schafft eine klangliche Welt, die bewusst schief gestimmt wirkt und damit das moralische Kippen der Handlung akustisch spiegelt. Philippe Rousselots Kameraarbeit gibt dem Londoner Industriepanorama gotische Schwere – Fabrikruinen, Themse-Nebel und die im Bau befindliche Tower Bridge werden zu Räumen, nicht zu bloßen Kulissen. Schwächer dagegen ist das Drehbuch in seinem Mittelteil, der die Geheimgesellschafts-Intrige zuweilen überfrachtet und das Tempo merklich drosselt. Der Plot-Mechanismus rund um Blackwoods vorgetäuschte Übernatürlichkeit ist schlüssig, aber sein okkultes Charisma bleibt dramaturgisch unterbeleuchtet.

Wer einen kontemplativen Detektivfilm erwartet, wird enttäuscht werden. Wer jedoch einen Abenteuer-Thriller sucht, der seine Versprechen einlöst und sein Ensemble klug einsetzt, findet hier ein lohnenswertes Kinoerlebnis. Ritchies Film ist kein Verrat an Doyle – er ist eine Übersetzung in eine lautere Bildsprache, die mehr bewahrt, als sie preisgibt. Für Fans des Genres ist er uneingeschränkt empfehlenswert.

X