Operation Anthropoid

Geschichte und Kino begegnen einander selten so direkt wie im Kriegsfilm – und noch seltener so unprätentiös. „Operation Anthropoid“ von Regisseur Sean Ellis gehört zu jenen Werken, die sich dem Gewicht ihrer Vorlage nicht durch Monumentalität nähern, sondern durch Nähe. Der Film rekonstruiert das Attentat auf Reinhard Heydrich im besetzten Prag des Jahres 1942 mit dem Gestus des Handwerkers, nicht des Denkmalsbauers.

Operation Anthropoid
Dauer: 120 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2016
Kategorien: Historisch, Thriller
Regie: Sean Ellis
Produzenten: Mickey Liddell, Pete Shilaimon, Sean Ellis
Hauptdarsteller: Jamie Dornan, Cillian Murphy, Charlotte Le Bon
Nebendarsteller: Anna Geislerová, Harry Lloyd, Toby Jones, Alena Mihulová
Studio: 22H22, Lucky Man Films, Silver A, LD Entertainment

Heydrich war Reichsprotektor und Chefarchitekt des Holocaust – einer der mächtigsten und gefürchtetsten Männer des NS-Regimes. Dass Widerstandskämpfer ihn unter widrigsten Bedingungen ausschalten konnten, ist ein Kapitel, das im kollektiven Gedächtnis zu oft im Schatten der großen Schlachten bleibt. Was hat Ellis aus diesem Stoff gemacht – und wie weit trägt das Material?

Besetzung, Regie und Drehorte

Operation Anthropoid“ entstand 2016 als britisch-amerikanisch-französisch-tschechische Koproduktion unter der Regie von Sean Ellis, der auch das Drehbuch gemeinsam mit Anthony Frewin verfasste und zusätzlich als Kameramann hinter der Linse stand. Die Produktion wurde vollständig in Prag und Umgebung realisiert, darunter so prägnante Schauplätze wie die Karlsbrücke und die Prager Burg. Das Budget betrug neun Millionen US-Dollar. Das größte eigens errichtete Set war eine maßstabsgetreue Nachbildung der Kirche der Heiligen Cyrill und Method – eines Schlüsselortes im Film.

In den Hauptrollen sind Cillian Murphy als Jozef Gabčík und Jamie Dornan als Jan Kubiš zu sehen. Murphy, bekannt aus „Peaky Blinders“ und zahlreichen Nolan-Produktionen, verkörpert den slowakischen Agenten als verschlossene, zielgerichtete Figur. Dornan spielt seinen tschechischen Counterpart mit spürbarer innerer Zerrissenheit. Charlotte Le Bon übernimmt die Rolle der Marie Kovárníková, Anna Geislerová spielt Lenka Fafková. In den Nebenrollen sind Toby Jones als Widerstandsführer Jan Zelenka-Hajský sowie Marcin Dorociński als Ladislav Vanék zu erleben.

Der Film läuft 120 Minuten und ist ab 16 Jahren freigegeben. Bei den Czech Lion Awards erhielt „Operation Anthropoid“ zwölf Nominierungen in vierzehn möglichen Kategorien – gewann jedoch keine davon. Den nicht-offiziellen Czech Lion in der Kategorie „Film Fans Award“ konnte der Film dennoch für sich verbuchen.

Handlung & Inhalt vom Film „Operation Anthropoid“

Dezember 1941. Europa liegt unter dem Druck der deutschen Besatzung, die Tschechoslowakei ist geteilt und kontrolliert. Zwei Agenten der tschechoslowakischen Exilregierung werden mit dem Fallschirm in ihre Heimat abgesetzt: der Slowake Jozef Gabčík und der Tscheche Jan Kubiš. Gabčík verletzt sich bei der Landung am Fuß. Die Männer stoßen zunächst auf falsche Widerstandskämpfer, die sich als Verräter entpuppen, können aber entkommen. Sie gelangen nach Prag, wo ein Tierarzt Gabčíks Fuß behandelt und den Kontakt zum organisierten Widerstand herstellt.

Über Jan Zelenka-Hajský, genannt „Onkel“, und Ladislav Vanék finden Gabčík und Kubiš Anschluss an das Prager Widerstandsnetzwerk. Sie offenbaren ihr eigentliches Ziel: die Ermordung Reinhard Heydrichs, Reichsprotektor und Mitarchitekt der sogenannten Endlösung. Die Mission trägt den Decknamen Operation Anthropoid. Die Vorbereitungen gestalten sich schwierig – die Männer verfügen über kaum ausreichende Ausrüstung und nachrichtendienstliche Mittel. Untergebracht bei der Familie Moravec, beginnen sie mit der Planung des Attentats entlang von Heydrichs Fahrroute zur Prager Burg. Dabei entwickeln sich Nähe und stille Zuneigung: Kubiš zu Marie Kovárníková, Gabčík zu ihrer Freundin Lenka Fafková.

Attentat, Vergeltung und letzter Widerstand

Als das Gerücht kursiert, Heydrich werde nach Paris versetzt, bleibt keine Zeit für weiteres Zögern. Am 27. Mai 1942 führen die Männer den Anschlag aus. Gabčíks Maschinenpistole versagt im entscheidenden Moment. Kubiš wirft eine improvisierte Handgranate unter Heydrichs Wagen, die detoniert und den Reichsprotektor schwer verletzt. Beide Attentäter fliehen vom Tatort. Die deutsche Reaktion ist brutal: Tausende tschechische Zivilisten werden festgenommen. Lenka stirbt bei einem Fluchtversuch, erschossen von deutschen Soldaten.

Heydrich erliegt einige Tage später seinen Verletzungen. Die Repressalien eskalieren. Das Dorf Lidice wird dem Erdboden gleichgemacht, seine männlichen Bewohner über sechzehn Jahren erschossen, Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt. Widerstandskämpfer Karel Čurda, in Angst um seine Familie, verrät den Gestapo das Versteck der Gruppe gegen Amnestie und Belohnung. Die Familie Moravec wird verhaftet. Marie Moravec nimmt sich mit einer Zyankalikapsel das Leben. Ihr Sohn Ata, unter Folter, nennt schließlich das Versteck der Attentäter: den Keller der Cyrill-und-Method-Kirche.

Hunderte deutsche Soldaten stürmen die Kirche. Im Kirchenschiff liefern sich Jan Kubiš, Adolf Opálka und Josef Bublík ein stundenlanges Gefecht mit den deutschen Einheiten, töten dabei zahlreiche Angreifer, bevor sie fallen oder sich das Leben nehmen. Im abgeriegelten Keller warten Josef Valčík, Jaroslav Švarc, Jan Hrubý und Jozef Gabčík auf das Unausweichliche. Als kein Ausweg mehr bleibt, wählen sie den Suizid. Gabčík stirbt mit einer Vision von Lenka vor Augen, die ihm die Hand entgegenstreckt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Operation Anthropoid“

Operation Anthropoid“ fällt in eine Kategorie von Kriegsfilmen, die auf Heldenpathos verzichtet und stattdessen auf Kammerspiel-Intensität setzt. Ellis inszeniert den ersten Akt bewusst gedämpft: knappe Dialoge, wenig Musik, viel Stille. Diese Entscheidung ist konsequent, fordert dem Zuschauer jedoch Geduld ab. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen Tempowechsel im letzten Drittel, der nicht einfach Eskalation um der Eskalation willen betreibt. Das Sounddesign des Feuergefechts in der Kirche ist dabei kein Spektakel, sondern Zermürbung. Ellis nutzte historische Gestapo-Berichte, um den Ablauf des Attentats in Echtzeit zu rekonstruieren – dieser Authentizitätsanspruch prägt die Bildsprache des Films.

Cillian Murphy spielt Gabčík mit einer kontrollierten Kälte, die selten bricht – und gerade dadurch wirkungsvoll ist. In einer frühen Szene, in der er verletzt und schwankend die Prager Untergrundwelt kennenlernt, vermittelt er Entschlossenheit und Verletzlichkeit gleichzeitig, ohne dies auszustellen. Jamie Dornan liefert eine stärker nach außen gewendete Performance: sein Kubiš ist warmherziger, empfänglicher für Zweifel. Das ungleiche Duett funktioniert. Ellis, der auch die Kamera führte, arbeitet mit engen Einstellungen und verfällt selten in die Weitwinkel-Ästhetik des Panorama-Kriegsfilms. Das wirkt manchmal beengend – und ist es auch bewusst.

Wer klassisches Kriegskino mit entschlossenen Helden und einem Triumphbogen erwartet, wird enttäuscht. „Operation Anthropoid“ ist kein Film über Sieg, sondern über Einsatz ohne Rückkehr. Diese Nüchternheit macht ihn sehenswert – für Fans des historischen Thrillers ebenso wie für Zuschauer, die dem Genre mehr Kontur abverlangen als bloße Spannung.

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