München – Im Angesicht des Krieges
September 1938. Europa steht am Rand des Abgrunds, und in München verhandeln die Mächtigen über den Frieden – oder genauer: über seine letzte, brüchige Möglichkeit. „München – Im Angesicht des Krieges“ setzt genau an diesem Scheideweg an und erzählt vom verzweifelten Versuch zweier junger Männer, den Lauf der Geschichte aufzuhalten. Christian Schwochow verwebt historische Ereignisse mit fiktionalen Figuren zu einem Spionage-Thriller, der sein Sujet ernst nimmt. Das gelingt – trotz aller Kompromisse, die das Genre erzwingt.

| Dauer: | 130 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2021 |
| Kategorien: | Thriller |
| Regie: | Christian Schwochow |
| Produzenten: | Andrew Eaton |
| Hauptdarsteller: | George MacKay, Jannis Niewöhner, Jeremy Irons |
| Nebendarsteller: | Robert Bathurst, Jessica Brown Findlay, August Diehl, Sandra Hüller |
| Studio: | Turbine Studios, FremantleMedia, Euston Films, Turbine Studios |
Geschichte als Thriller zu erzählen bedeutet immer auch, ihr eine Dramaturgie aufzuzwingen, die sie selbst nie besaß. Dass dabei Schärfentiefe verloren geht, ist unvermeidlich. Die entscheidende Frage ist, was ein Film aus diesem Verlust macht – und ob die Spannung, die er aufbaut, jene Leerstellen zu rechtfertigen vermag. Kann ein Film, dessen Ausgang historisch feststeht, dennoch unter die Haut gehen?
Besetzung, Regie und Drehorte
„München – Im Angesicht des Krieges“ ist eine britisch-deutsche Koproduktion aus dem Jahr 2021 unter der Regie von Christian Schwochow, der mit Titeln wie „Je suis Karl“ und „Deutschstunde“ bereits bewiesen hat, dass er politisch aufgeladene Stoffe zu inszenieren versteht. Das Drehbuch stammt von Ben Power, der den Roman „München“ von Robert Harris für die Leinwand adaptierte. Kameramann Frank Lamm, mit dem Schwochow seit „Deutschstunde“ regelmäßig zusammenarbeitet, übernahm auch hier die Bildgestaltung. Den Schnitt teilten sich Svenja Baumgärtner und Jens Klüber. Die Filmmusik komponierte Isobel Waller-Bridge, die für ihre Arbeit beim World Soundtrack Award 2022 als „Discovery of the Year“ nominiert wurde.
In den Hauptrollen agieren George MacKay als britischer Sekretär Hugh Legat und Jannis Niewöhner als deutscher Diplomat Paul von Hartmann – beide Figuren fiktionaler Natur, von Harris der historischen Vorlage hinzugefügt. Jeremy Irons verkörpert Neville Chamberlain mit staatsmännischer Kühle und spürbarer innerer Erschöpfung. Ulrich Matthes gibt Adolf Hitler, während Sandra Hüller, August Diehl, Liv Lisa Fries und Jessica Brown Findlay das hochkarätige Ensemble ergänzen. Die Mehrsprachigkeit der Originalfassung – Englisch und Deutsch werden je nach Nationalität der Figuren gesprochen – verleiht dem Film eine selten gesehene Glaubwürdigkeit in europäischen Historienproduktionen.
Der Film wurde im Oktober 2020 in Berlin, München und Potsdam gedreht, wobei das Kulissenviertel „Metropolitan Backlot“ von Studio Babelsberg zentrale Schauplätze lieferte. Flure der Universität Potsdam dienten als Konferenzgänge, das Schloss Marquardt als Krankenhaus-Außenkulisse. Nach seiner Weltpremiere beim London Film Festival im Oktober 2021 lief der Film ab Januar 2022 in ausgewählten deutschen Kinos und wurde am 21. Januar 2022 weltweit in das Netflix-Programm aufgenommen. Die Laufzeit beträgt 130 Minuten, die FSK-Freigabe liegt bei 12.
Handlung & Inhalt vom Film „München – Im Angesicht des Krieges“
Die Geschichte beginnt im Jahr 1932: Hugh Legat, Paul von Hartmann und dessen Freundin Lena feiern ihren Abschluss an der Universität Oxford. Hartmann lädt Legat ein, ihn in Deutschland zu besuchen und das „neue Deutschland“ kennenzulernen – ein Hinweis auf seine damalige Begeisterung für den Nationalsozialismus. Sechs Jahre später hat sich die Welt verändert. Legat arbeitet als persönlicher Sekretär von Premierminister Neville Chamberlain. Europa steht am Rand eines Krieges, den Hitler durch die Annexion des Sudetenlands provoziert. Chamberlain schreibt an Mussolini, um eine militärische Eskalation zu verhindern. Der Versuch scheint zu fruchten: Hitler stimmt einer Konferenz in München zu.
Parallel agiert Hartmann in Berlin als Übersetzer im Auswärtigen Amt und arbeitet an einem Umsturzplan. Gemeinsam mit einem General will er Hitler stürzen. Ein gestohlenes Dokument, das Hossbach-Memorandum, belegt Hitlers Pläne. Hartmanns Geliebte Helen Winter verschafft ihm die Unterlagen.Die Gruppe entscheidet, die Dokumente müssen nach München zu Chamberlain. Hartmann kennt dafür seinen Studienfreund Legat. Für den Notfall erhält er eine Pistole. In London wird Legat vom Geheimdienst kontaktiert und stimmt zu.
Zwischen Auftrag und Ohnmacht
In München kommt es zunächst zur Wiederbegegnung alter Freunde. Dabei erklärt eine Rückblende die frühere Entfremdung durch einen Streit über Hartmanns NS-Sympathien. Anschließend nimmt Legat das Dokument an sich, jedoch bleibt der Zugang zu Chamberlain weiterhin versperrt. Gleichzeitig läuft ihnen die Zeit spürbar davon. Im Hotel wird zudem Legats Zimmer durchsucht. Darüber hinaus verfolgt Sauer, ein früherer Freund Hartmanns im Führerbegleitkommando, jede seiner Bewegungen. Infolgedessen scheint das Dokument endgültig verloren. Dennoch führt Hartmann Legat in ein Pflegeheim. Dort wiederum liegt Lena gelähmt nach ihrer Verhaftung 1935 und Lagerhaft.
Diese Begegnung bewegt Hartmann schließlich dazu, Hitler töten zu wollen. Allerdings lehnt Legat diesen Plan entschieden ab. Trotzdem gelingt es beiden, Chamberlain kurz mit dem Hossbach-Memorandum zu konfrontieren. Dennoch weist der Premier die Beweise zurück und sieht keinen Handlungsbedarf. Parallel trifft Hartmann schließlich auf Hitler, doch im entscheidenden Moment versagt sein Mut, sodass er die Waffe nicht zieht. Folglich wird das Münchner Abkommen unterzeichnet.
Beim Verlassen erfährt Legat anschließend von Joan Menzies. Sie ist MI6-Verbindung und hat das Dokument bereits gesichert. Danach kehrt Chamberlain nach London zurück und verkündet „Frieden für unsere Zeit“. In der Folge verlässt Legat den diplomatischen Dienst und tritt der RAF bei. Dennoch bricht der Krieg aus, obwohl das Abkommen zuvor Hoffnung erzeugte. Schließlich tritt Chamberlain zurück und stirbt kurz darauf. Rückblickend zeigt sich jedoch, dass das Abkommen den Krieg nicht verhindert, sondern lediglich verzögert hat. Gleichzeitig ermöglicht die gewonnene Zeit die militärische Vorbereitung der Alliierten.
Filmkritik und Fazit zum Film „München – Im Angesicht des Krieges“
Was „München – Im Angesicht des Krieges“ von vielen Historiendramen unterscheidet, ist die inszenatorische Entscheidung, die große Politik durch kleine Körper erfahrbar zu machen. Schwochow und Kameramann Frank Lamm halten ihre Figuren nah – oft zu nah für Distanz, genau nah genug für Druck. Die Handkamera verfolgt Legat und Hartmann durch enge Flure und überfüllte Hotelzimmer, und Isobel Waller-Bridges Score wechselt klug zwischen nervöser Pulsation und lastender Stille. George MacKay spielt Legat als Mann am Rand seiner Kontrolle: äußerlich gefasst, innerlich in freiem Fall. Jannis Niewöhner gibt Hartmann körperliche Präsenz und stille Verzweiflung – eine Figur, die ihre politische Wandlung trägt, auch wenn das Drehbuch deren innere Logik schuldig bleibt.
Jeremy Irons’ Chamberlain ist die überraschendste Leistung des Films. Er zeigt keinen Hasenfuß, sondern einen erschöpften Staatsmann, der Last und Moral abwägt und daran scheitert. Dadurch erhält der Film eine seltene historische Nuanciertheit. Weniger gelungen ist die Darstellung Hitlers. Ulrich Matthes wirkt durch Kostüm und Gestik überdeutlich karikiert. Diese Tonverschiebung stört den atmosphärischen Zusammenhalt. Stärker wirken die Szenen des Ungesagten, etwa der Blick auf Lena im Pflegeheim, der jede Konferenzrhetorik bedeutungslos macht.
„München – Im Angesicht des Krieges“ ist kein Film, der historische Tiefe bietet – er ist ein Film, der historische Atmosphäre erzeugt. Das ist weniger, aber es ist nicht nichts. Für Zuschauer, die Spionage-Thriller mit politischem Hintergrund schätzen und ein gut aufgestelltes Ensemble nicht als Selbstzweck missdeuten, lohnt sich dieser Netflix-Film. Wer dagegen Antworten auf die großen Fragen des Münchner Abkommens sucht, wird enttäuscht werden – der Film stellt sie, ohne sie zu bedenken.