Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst

Freiheit klingt nach Aufbruch. Doch sie bedeutet auch Orientierungslosigkeit, Zweifel und Stille. „Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“ greift genau diesen Widerspruch auf. Der deutsche Dokumentarfilm aus dem Jahr 2020 folgt einer 20-Jährigen, die gesellschaftliche Erwartungen früh hinter sich lässt. Caro Lobig setzt dabei auf Nähe statt Distanz. Ihre Kamera bleibt nah an einer Protagonistin, die laut nach außen strahlt – und leise nach innen zweifelt.

Wildherz
Dauer: 93 Min.
Jahr: 2020
Kategorien: Dokumentation
Regie: Caro Lobig

Simone Hage verlässt Bayern mit Rucksack und zwei Wildpferden. Ihr Weg führt sie durch Dänemark, Spanien und Portugal. Sie arbeitet auf Höfen für Kost und Logis. Sie sucht Rat bei Schamanen und spirituellen Begleiterinnen. Per Videoschalte spricht sie im Corona-Lockdown mit der Autorin Bahar Yilmaz. Schließlich kehrt sie zurück in die bayerischen Berge – aber hat sie dort gefunden, wonach sie gesucht hat?

Besetzung, Regie und Drehorte

Der Dokumentarfilm „Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“ erschien 2020 und lief am 29. Oktober in deutschen Kinos an. Caro Lobig führte Regie und produzierte gemeinsam mit Timo Lendzion den Film. Zudem verantwortete Lobig das Drehkonzept, während catamaranfilms aus Köln die Produktion übernahm. Barnsteiner Film aus Ascheffel kümmerte sich anschließend um den Erstverleih. Die Laufzeit beträgt 97 Minuten und die FSK vergab eine Freigabe ohne Altersbeschränkung.

Zur Besetzung gehören Simone Hage als Protagonistin, Natalie Kraft als Auswanderin in Spanien, Karen Sailer als Medizinfrau auf Ibiza sowie Autorin Bahar Yilmaz, die im Film über Skype mit Simone spricht. Timo Lendzion arbeitete als Kameramann und übernahm zusätzlich den Schnitt. Tobias Bartsch komponierte die Filmmusik und ergänzte damit die dokumentarische Gestaltung. Außerdem unterstützte Zoe Dumas die Produktion als Assistenz. Die Dreharbeiten begannen im Mai 2018 und endeten im April 2020. Während dieser Zeit entstanden Aufnahmen in Deutschland, Dänemark, Spanien, Ibiza und Portugal.

Handlung & Inhalt vom Film „Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“

Simone Hage wächst in einem kleinen Dorf bei München auf und bricht mit 16 Jahren die Schule ab. Sie packt einen Rucksack und verlässt ihr Zuhause, ohne einen festen Plan. Andere würden zögern, doch Simone handelt. Die Welt lockt sie mit anderen Menschen, fremden Kulturen und offenen Horizonten. Bücher und Klassenzimmer passen nicht zu ihr. Sie will das Leben direkt erfahren – nicht darüber lesen. So beginnt eine jahrelange Reise, die sie weit über die Grenzen Bayerns hinausführt. Simone sucht keinen Urlaub, sondern Antworten. Wer bin ich? Was will ich? Wozu bin ich auf der Welt?

Mit zwei Wildpferden bricht Simone von Bayern aus Richtung Norden auf. Rund 1.500 Kilometer legt sie zu Fuß und zu Pferd zurück, bis sie schließlich die Ostsee erreicht. Dann verbringt sie den Winter in Dänemark – weit weg von allem, was sie kennt. Was als Abenteuer beginnt, wandelt sich unterwegs. Die äußere Reise spiegelt zunehmend eine innere Suche wider. Simone verliert das Ziel aus den Augen und fühlt sich allein. Obwohl sie jahrelang überall Gleichgesinnte fand, bleibt diesmal die Verbindung aus. Die weite Landschaft umgibt sie, doch innen herrscht Stille. Der Weg führt sie weiter nach Österreich, Spanien, Portugal und Ibiza – aber das Gefühl der Verlorenheit bleibt.

Begegnungen mit spirituellen Begleitern

Auf Ibiza trifft Simone die Medizinfrau Karen Sailer und sucht bei ihr Orientierung. Kurz zuvor besucht sie in Spanien einen Schamanen, der ihr neue Sichtweisen öffnet. Beide Begegnungen zeigen: Simone kämpft aktiv um Klarheit. Doch auch der Corona-Lockdown hält sie nicht auf. Per Videoschalte spricht sie mit Bahar Yilmaz, bekannt als Stimme der neuen Spiritualität. Diese Gespräche berühren sie tief. Der Film zeigt dabei einen auffälligen Widerspruch: Die Kamera fängt eine strahlende, kraftvolle junge Frau ein, aber ihre eigene Stimme erzählt von Zweifeln, Ängsten und Träumen. Dieser Kontrast zwischen äußerem Bild und innerem Erleben trägt die eigentliche Spannung des Films.

Ein Jahr nach dem Aufbruch zieht es Simone zurück in die bayerischen Berge. Die Heimat, die sie einst verlassen wollte, empfängt sie neu. Statt endgültiger Antworten bringt sie Selbsterkenntnis mit. Am Ende sind es die Wurzeln, die langsam eine Antwort formen. Abschließende Gewissheit findet die inzwischen 20-Jährige nicht. Aber ihre Reise regt jeden an, das eigene Leben zu hinterfragen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“

Caro Lobigs Dokumentarfilm „Wildherz – Auf der Reise zu mir selbst“ trägt seine stärkste Qualität im Bildmaterial. Kameramann Timo Lendzion filmt weite Landschaften mit ruhiger Hand. Er setzt Simone Hage in Kontrast zur Natur, ohne sie zu inszenieren. Besonders wirksam: jene Momente, wo die Kamera auf Distanz bleibt. Simone reitet allein durch dänische Winterfelder, das Bild schweigt, während die Tonspur ihre Stimme einblendet – zweifelnder als das Bild vermuten lässt. Dieser Widerspruch zwischen Anblick und Innenleben gibt dem Film seine ehrlichste Spannung. Regisseurin Lobig verzichtet dabei weitgehend auf konstruierte Dramatik und vertraut dem Material.

Doch genau dort beginnt auch das Problem. Der Rhythmus des Films gerät über weite Strecken ins Schaukeln. Begegnungen mit dem spanischen Schamanen oder der Medizinfrau Karen Sailer auf Ibiza bleiben filmisch zu glatt. Lobig vertieft diese Momente nicht, sie streift sie. Damit verschenkt sie Wendepunkte, die dem Film Kontur geben könnten. Der euphorische Grundton, der das Material gelegentlich überfärbt, lässt den Zuschauer mit Wohlgefühl statt mit Reibung zurück. „Wildherz“ funktioniert als ehrlicher Selbstversuch – aber nicht als präzise geformtes Dokumentarwerk.

Wer geduldige, visuell starke Naturdokus schätzt, findet in dem Film ein aufrichtiges Porträt. Wer jedoch nach analytischer Tiefe oder filmischer Strenge sucht, stößt auf eine Arbeit, die ihre eigene Stärke nicht voll ausschöpft. Lobig zeigt, dass ihr Protagonistin trägt – aber den Stoff zu wenig fordert.

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