Neue Vahr Süd

Zwischen Kasernenhof und Kommunen-Küche gab es in der alten Bundesrepublik ein schmales Niemandsland, das sich keinem Lager anschließen wollte. Genau dort siedelt Hermine Huntgeburths Fernsehfilm „Neue Vahr Süd“ seinen Helden an, einen jungen Mann mit bemerkenswertem Talent zum Vergessen. Frank Lehmann hat schlicht versäumt, den Kriegsdienst zu verweigern. Und steht nun zwischen allen Stühlen. Die ARD-Produktion aus dem Jahr 2010 adaptiert Sven Regeners fast sechshundertseitigen Bestseller für die Primetime, ohne dabei den Atem zu verlieren.

Neue Vahr Süd
Dauer: 90 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2010
Kategorien: Komödie
Regie: Hermine Huntgeburth
Hauptdarsteller: Frederick Lau, Eike Weinreich, Miriam Stein
Nebendarsteller: Hinnerk Schönemann, Albrecht Schuch, Rosalie Thomass, Robert Gwisdek
Studio: Radio Bremen, WDR

Hermine Huntgeburth setzt auf einen Protagonisten, der die Geschichte kaum aktiv vorantreibt. Das ist riskant, denn klassische Dramaturgie lebt vom Willen ihrer Figuren. Frederick Lau trägt diese Zumutung mit stoischer Ruhe. Die Kamera Sebastian Edschmids begleitet ihn durch Kasernen, Kneipen und Wohngemeinschaftsküchen, in denen jede Weltanschauung zuhause ist. Bremens Ostertorviertel wird zum Echoraum eines Jahrzehnts, das zwischen Parolen und Panzerglas zerrissen war. Reicht die Passivität eines Einzelnen, um ein ganzes Zeitpanorama tragen zu können?

Besetzung, Regie und Drehorte

Bei „Neue Vahr Süd“ handelt es sich um einen deutschen Fernsehfilm aus dem Jahr 2010, der auf dem gleichnamigen Roman von Sven Regener basiert. Hermine Huntgeburth, bekannt für ihre historischen Stoffe, übernahm die Regie der ARD-Produktion. Das Drehbuch verfasste Christian Zübert, ohne Beteiligung des Romanautors selbst. Für die Kamera zeichnete Sebastian Edschmid verantwortlich, den Schnitt übernahm Eva Schnare. Die Filmmusik komponierte Jakob Ilja. Als Produzenten fungierten Michael André, Lisa Blumenberg, Sibylle Maddauss, Annett Neukirchen und Annette Strelow gemeinsam.

Die Hauptrolle des Frank Lehmann spielt Frederick Lau, der zuvor in der Literaturverfilmung „Die Welle“ zu sehen war. An seiner Seite agieren Eike Weinreich als Martin Klapp, Miriam Stein als Germanistikstudentin Sibille und Robert Gwisdek als Achim. Ulrich Matthes verkörpert den Kompaniechef, Hinnerk Schönemann den Feldwebel Tietz. Albrecht Schuch übernimmt die Rolle des Rockers Harry Klein. Weitere Parts spielen Rosalie Thomass, Margarita Broich und Hans-Martin Stier. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Bremen sowie in Köln und Mechernich.

Die Spielzeit beträgt neunzig Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Der Film wurde mit dem Grimme-Preis 2011 sowie dem Bayerischen Fernsehpreis für Regie und Hauptdarsteller ausgezeichnet. Beim Deutschen Comedypreis 2011 erhielt er die Auszeichnung als beste TV-Komödie. Die Free-TV-Premiere im Dezember 2010 verfolgten 4,11 Millionen Zuschauer. Das entspricht einem Marktanteil von 12,7 Prozent.

Handlung & Inhalt vom Film „Neue Vahr Süd“

Bremen, im Jahr 1980: Der zwanzigjährige Frank Lehmann hat gerade seine Lehre als Speditionskaufmann abgeschlossen und wohnt noch immer bei seinen Eltern in Neue Vahr Süd. Seine Freunde nennen ihn Franky und halten ihn für einen entspannten Hippie-Typen. Umso größer ist deshalb die Überraschung, als plötzlich sein Einberufungsbescheid zur Bundeswehr eintrifft. Frank hat schlicht vergessen, einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung zu stellen. Kurz darauf beginnt in der Niedersachsen-Kaserne der Grundwehrdienst. Obwohl er eigentlich unauffällig bleiben und sich nur durchmogeln will, wählen ihn die anderen Soldaten gegen seinen Willen zum Vertrauensmann des Zuges.

Am ersten dienstfreien Wochenende erlebt Frank dann die nächste Enttäuschung: Sein Vater hat das ehemalige Kinderzimmer längst zum Hobbyraum umgebaut. Obwohl seine Eltern ihn eigentlich gerne zuhause behalten würden, entscheidet sich Frank schließlich zum Auszug. Daraufhin zieht er zu seinem Schulfreund Martin Klapp, der inzwischen mit zwei linken Freunden eine WG im Ostertorviertel gegründet hat. Dort feiert Frank an den freien Wochenenden Partys und lernt außerdem die Germanistikstudentin Sibille kennen. Allerdings interessiert sich auch Martin für sie, während wiederum Sibilles Mitbewohnerin Birgit deutliches Interesse an Frank zeigt. Ein erster Annäherungsversuch endet jedoch alkoholbedingt im Chaos.

Zwischen Gelöbnis und Verweigerung

Wenig später nimmt Birgit Frank trotzdem mit in ihr Zimmer. Dort wartet allerdings ihr Freund Horst im Bett, woraufhin sofort eine handfeste Rangelei ausbricht. Gleichzeitig erfährt Sibille dadurch von der Affäre. Parallel dazu verschärft sich auch die Situation in der Kaserne: Der Pionier Reinboth kehrt nach einem Wochenende nicht zurück und wird schließlich von Feldjägern abgeholt. Da Frank inzwischen Vertrauensmann ist, muss er eine Stellungnahme abgeben. Noch während des Verfahrens versucht Reinboth schließlich mit Schlafmitteln, sich das Leben zu nehmen, überlebt jedoch knapp.

Daraufhin macht Sibille Frank auf die Möglichkeit eines nachträglichen Verweigerungsantrags aufmerksam. Zwar reicht er den Antrag ein, scheitert jedoch später an der mündlichen Anhörung. Außerdem wirkt das blaue Auge aus der Prügelei mit Horst wenig glaubwürdig. Trotzdem verweigert Frank schließlich das Gelöbnis. Kurz darauf verbringen er und Sibille eine gemeinsame Nacht miteinander. Doch bereits am nächsten Tag erklärt sie ihm, wieder Kontakt zu ihrem Exfreund zu haben. Martin reagiert darauf eifersüchtig und wirft Frank aus der WG. Aus Rache wiederum quartiert Frank den Rocker Harry dort ein.

Am 5. November 1980 marschiert Franks Zug schließlich zum öffentlichen Gelöbnis im Weserstadion. Bereits vor dem Stadion eskaliert die Lage, denn militante Demonstranten liefern sich heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dabei wird Feldwebel Tietz von einem Pflasterstein verletzt. Mitten im Chaos entwendet Frank schließlich eine Packung Tabletten aus einem Sanitäterkoffer. Wenig später schluckt er auf den Stadionstufen mehrere Pillen und täuscht einen Suizidversuch vor. Obwohl der Kompaniechef den Schwindel durchschaut, stimmt er dennoch einer vorzeitigen Entlassung zu. Schließlich verlässt Frank die Kaserne und fährt nach Berlin zu seinem Bruder.

Filmkritik und Fazit zum Film „Neue Vahr Süd“

Hermine Huntgeburths Inszenierung von „Neue Vahr Süd“ gelingt das seltene Kunststück, einen passiven Helden zur tragenden Figur zu machen. Frederick Lau spielt Frank Lehmann mit einer Mischung aus Schläfrigkeit und wacher Beobachtungsgabe, die nie in Pose kippt. Sebastian Edschmids Kamera bleibt dicht an den Figuren, ohne sie auszustellen. Der Schnitt von Eva Schnare hält die episodische Struktur des Romans in Bewegung. Christian Züberts Drehbuch verdichtet sechshundert Seiten zu neunzig Minuten. Das wirkt stellenweise gehetzt.

Das Tempo ist hoch, die Szenen ineinander verzahnt. Zwischen Kasernentreppen und verqualmten Wohnzimmern entsteht eine eigentümlich muffige Atmosphäre. Der Soundtrack arbeitet mit einer klugen Anachronie: Patti Smith und Devo treffen auf Mulatu Astatke und die Eels. Musik aus späteren Jahrzehnten evoziert das Lebensgefühl von 1980 treffender, als es zeitgenössische Stücke vermocht hätten. Einzig die Nebenfiguren tendieren zum Klischee. Der ausbeuterische Marxist, die berechnende Pazifistin, der vermeintlich harte Feldwebel – hier hätte mehr Ambivalenz gutgetan.

Trotz dieser Einschränkungen entsteht ein bemerkenswerter Film, der seine Zeit nicht illustriert, sondern befragt. Die lakonische Grundhaltung der Vorlage bleibt erhalten. Wer Regeners Romane schätzt, wird hier seinen frühen Herrn Lehmann wiederfinden. Freunde des deutschen Autoren-Fernsehens dürften an dieser Tragikomödie Gefallen finden. Die Auszeichnungen mit Grimme-Preis und Bayerischem Fernsehpreis waren verdient.

X