Er ist wieder da
Wenn ein Film sich an einem Mann der deutschen Geschichte abarbeitet, der jede Form der Annäherung zur Zerreißprobe macht, steht die Inszenierung vor einer heiklen Aufgabe. Lachen oder schweigen? Satire oder Mahnung? David Wnendt entscheidet sich in „Er ist wieder da“ für keine saubere Trennung. Stattdessen verwebt er Fiktion und Dokumentation zu einem Experiment, das die Grenzen zwischen Spielfilm, Feldstudie und politischem Spiegel bewusst aufweicht. Das Ergebnis ist ein formal ungewöhnliches Werk über Medien, Masse und Wiederkehr.

| Dauer: | 116 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2015 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | David Wnendt |
| Produzenten: | Christoph Müller, Lars Dittrich |
| Hauptdarsteller: | Oliver Masucci, Fabian Busch, Katja Riemann |
| Nebendarsteller: | Christoph Maria Herbst, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Roberto Blanco |
| Studio: | Constantin Film, Claussen+Wöbke Filmproduktion, Mythos Film |
Die Literaturverfilmung nach Timur Vermes‘ Bestseller kam 2015 ins Kino und erreichte über 2,4 Millionen Zuschauer. Ihre Bekanntheit allein erklärt das Interesse an ihr nicht. Interessant ist, mit welchem inszenatorischen Wagnis Wnendt den Stoff übersetzt. Er schickt Oliver Masucci als Hitler-Figur tatsächlich auf Deutschlandreise, vor echte Kameras, in reale Städte. Die Komödie wird dabei zum Testlauf. Was passiert, wenn diese Gestalt plötzlich am Kiosk nebenan steht?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie führte David Wnendt, der zuvor mit „Kriegerin“ ein preisgekröntes Drama über rechtsextreme Radikalisierung vorgelegt hatte. Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Mizzi Meyer und Johannes Boss auf Basis der Romanvorlage. Produziert wurde der Film von Lars Dittrich und Christoph Müller. Hanno Lentz übernahm die Kamera, Andreas Wodraschke den Schnitt. Die Filmmusik komponierte Enis Rotthoff. Gedreht wurde an zahlreichen Schauplätzen in Deutschland, darunter das Brandenburger Tor in Berlin sowie verschiedene Innenstädte während der Fußballweltmeisterschaft 2014.
In der Hauptrolle brilliert Oliver Masucci als wiedererwachter Diktator. An seiner Seite agieren Fabian Busch als Reporter Fabian Sawatzki und Franziska Wulf als Sekretärin Franziska Krömeier. Katja Riemann verkörpert die Senderchefin Katja Bellini. Christoph Maria Herbst übernimmt die Rolle ihres Konkurrenten Christoph Sensenbrink. Michael Kessler spielt den Comedy-Moderator Michael Witzigmann. In kleineren Rollen treten Thomas Thieme, Lars Rudolph, Gudrun Ritter und Nina Proll auf. Einige YouTube-Persönlichkeiten wie Joyce Ilg, Dagi Bee und Robert Hofmann haben Cameoauftritte.
Der Film läuft 116 Minuten und trägt eine FSK-Freigabe ab zwölf Jahren. 2016 wurde er mit dem Civis-Medienpreis ausgezeichnet und erhielt vier Nominierungen für den Deutschen Filmpreis. Eine Bambi-Ehrung in der Kategorie Film National folgte im selben Jahr. Auch der Europäische Filmpreis nominierte das Werk. 2017 entstand mit „Sono Tornato“ ein italienisches Remake, in dem Benito Mussolini statt Hitler erwacht.
Handlung & Inhalt vom Film „Er ist wieder da“
Im Jahr 2014, fast sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, erwacht Adolf Hitler mitten in Berlin. Er ist körperlich unversehrt, dafür geistig überfordert. Ein Kioskbesitzer gewährt ihm notdürftig Unterschlupf. Aus den Zeitungen erfährt Hitler, dass Deutschland sich radikal verändert hat. Die Republik, die er vorfindet, widerspricht allem, wofür er einst stand. Niemand, dem er begegnet, glaubt an seine Identität. Alle halten ihn für einen besonders talentierten Imitator. Er reagiert mit kalkulierter Geduld und beginnt, seine neue Umgebung zu studieren.
Unweit des Kiosks dreht Fabian Sawatzki, freier Mitarbeiter des Senders MyTV, eine Reportage in einem sozialen Brennpunkt. Das Material missfällt den Verantwortlichen, und Sawatzki verliert seinen Vertrag. Beim Durchsehen des Videos entdeckt er Hitler zufällig im Hintergrund. Wenig später findet er ihn im Kiosk wieder. Sawatzki schlägt eine gemeinsame Sendung vor. Er hofft auf seine Rehabilitation beim Sender. Die beiden brechen zu einer Deutschlandreise auf. Dabei filmt Sawatzki Hitler im Gespräch mit Passanten, Stammtischrunden und NPD-Funktionären. Das Material ist roh, ungefiltert, irritierend authentisch.
Zwischen Talkshow und Abgrund
Zurück in Berlin überzeugen die Aufnahmen Senderchefin Katja Bellini sofort, woraufhin sie Hitler für die etablierte Comedyshow „Krass, Alter“ bucht. Sein Auftritt wird ein Erfolg, sodass sich auch andere Formate um ihn reißen. Parallel dazu lernt er das Internet kennen und entdeckt dabei die Wikipedia mit rührender Begeisterung. Zugleich knüpft er an alte Pläne an, wobei die Komikerrolle weiterhin als Tarnung dient. Unterdessen beobachtet Sensenbrink, Bellinis stiller Rivale, das Geschehen aus dem Hintergrund.
Als jedoch ein Video auftaucht, in dem Hitler einen kleinen Hund erschießt, bringt dies das Image ins Wanken. Daraufhin konfrontiert ihn Frank Plasberg damit live, woraufhin seine Sendung abgesetzt wird. Infolgedessen verliert Bellini ihren Posten, während Sensenbrink übernimmt. Dennoch schreibt Hitler ein Buch über sein Wiederauftauchen und kehrt dadurch medial zurück. Beim Einzug bei Franziska erkennt ihre demente jüdische Großmutter ihn als den echten Hitler, weshalb Sawatzki zu zweifeln beginnt. Schließlich verprügeln Neonazis Hitler vor dem Filmstudio und machen ihn damit ungewollt zum Märtyrer der Demokratie.
Während Hitler im Krankenhaus liegt, sichtet Sawatzki das alte Videomaterial erneut. An der Stelle des einstigen Führerbunkers findet er verbrannte Blätter und die Gewissheit. Er stürmt ins Krankenhaus, doch Hitler ist bereits entlassen. Bellini glaubt ihm nicht. Sawatzki wird in die Psychiatrie eingewiesen. Die Verfilmung des Bestsellers läuft an, Hitler ist populärer denn je. Reale Bilder rechter Gewalt und Demonstrationen blenden sich ein. Sein Schlusssatz lautet: „Damit kann man arbeiten.“
Filmkritik und Fazit zum Film „Er ist wieder da“
Wnendts Inszenierung in „Er ist wieder da“ lebt vom Wagnis der Vermischung. Dokumentarische Passagen und gescriptete Szenen fließen ineinander, ohne dass die Naht sichtbar wird. Oliver Masucci trägt diese Konstruktion. Sein Hitler ist weder Karikatur noch Monster, sondern beunruhigend durchschnittlich. Die Kamera von Hanno Lentz bleibt dabei nüchtern, fast beobachtend. Besonders stark wirkt der Film in den Reisesequenzen, wenn reale Passanten Selfies mit dem Diktator machen. Diese Momente entfalten eine Wucht, die kein Drehbuch erzeugen könnte.
Schwächer geraten die Studioszenen rund um den Sender MyTV. Der Machtkampf zwischen Bellini und Sensenbrink bedient Klischees des Medienbetriebs ohne spürbaren Eigensinn. Die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Sawatzki und Franziska bleibt funktional und emotional blass. Wnendt rettet diese Passagen durch sein Tempo und durch gezielte Zitate. Die Untergang-Parodie mit Sensenbrink und die Clockwork-Orange-Klammer mit Purcells Begräbnismusik zeigen, wie versiert der Regisseur mit filmhistorischen Bezügen arbeitet. Der Epilog aus echtem Nachrichtenmaterial verschiebt den Ton schließlich ins Beklemmende.
Als Gesellschaftsstudie ist der Film klüger als seine Komödienmomente vermuten lassen. Er entlarvt nicht Hitler, sondern das Medienumfeld, das ihn verwertet. Wer feuilletonistisch geschulten Witz und politisches Unbehagen gleichermaßen schätzt, findet hier ein ungewöhnliches Werk. Die inszenatorischen Längen im Senderplot mindern das Ergebnis, heben es jedoch nicht auf. Für Freunde anspruchsvoller Satire ist der Film eine lohnende Sichtung.