Victoria

Ein Film, der in einer einzigen Einstellung gedreht wurde – 140 Minuten ohne Schnitt, ohne Sicherheitsnetz, ohne zweite Chance. Sebastian Schippers „Victoria“ von 2015 ist kein klassischer Liebesfilm. Die Romanze zwischen einer einsamen Spanierin und einem verpeilten Berliner Jungen entfaltet sich zwischen Clubbeats und Mündungsfeuer. Zwei Menschen begegnen sich in einer Nacht, die alles verändert. Die Kamera verliert sie nie aus den Augen.

Victoria
Dauer: 134 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2015
Kategorien: Krimi, Thriller
Regie: Sebastian Schipper
Produzenten: Anatol Nitschke, Jan Dressler, Catherine Baikousis, Sebastian Schipper, David Keitsch
Hauptdarsteller: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski
Nebendarsteller: Max Mauff, Burak Yiğit, André Hennicke, Lena Klenke
Studio: MonkeyBoy, RadicalMedia, Deutschfilm, WDR, ARTE

Was als flüchtiges Flirten beginnt, verwandelt sich in eine existenzielle Schicksalsgemeinschaft. Schipper interessiert sich weniger für die Mechanik des Genres als für das, was zwischen den Figuren atmet. Zärtlichkeit und Gewalt, Aufbruch und Verlust liegen hier dicht beieinander. Der Zuschauer ist keine sichere Distanz entfernt, sondern mittendrin. Die radikale Form des Films stellt eine Frage, die weit über Technik hinausgeht: Wie viel Wahrheit verträgt das Kino, wenn es keinen Schnitt gibt, hinter dem sich verstecken ließe?

Besetzung, Regie und Drehorte

Sebastian Schipper inszeniert „Victoria“ nach einem nur zwölf Seiten umfassenden Drehbuch, das er gemeinsam mit Olivia Neergaard-Holm und Eike Schulz entwickelte. Produziert wurde der Film von Jan Dressler und Schipper selbst. Die Musik stammt von Nils Frahm, DJ Koze und Deichkind. Hinter der Kamera stand der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Gedreht wurde am frühen Morgen des 27. April 2014 in Berlin-Kreuzberg und Berlin-Mitte. Zum Einsatz kam eine Canon C300, begleitet von sechs Regieassistenten und drei kompletten Tonteams.

Die spanische Schauspielerin Laia Costa verkörpert die titelgebende Victoria, eine junge Frau auf der Suche nach Anschluss in einer fremden Stadt. Frederick Lau spielt Sonne, den Anführer der Berliner Vierergruppe. An seiner Seite agieren Franz Rogowski als Boxer, Burak Yiğit als Blinker und Max Mauff als Fuß. André M. Hennicke tritt als zwielichtiger Andi auf. Jan Breustedt ergänzt das Ensemble als Hooligan. Insgesamt wirkten 150 Statisten an der einzigen finalen Aufnahme mit.

Der Film läuft 140 Minuten, ist ab zwölf Jahren freigegeben und wird in deutscher und englischer Sprache gesprochen. Bei der Berlinale 2015 erhielt Grøvlen den Silbernen Bären für die beste Kamera. Der Deutsche Filmpreis zeichnete das Werk sechsfach mit der Goldenen Lola aus, unter anderem als bester Spielfilm. Drei komplette Fassungen wurden gedreht, die dritte blieb ungeschnitten im Film.

Handlung & Inhalt vom Film „Victoria“

Eine junge Spanierin tanzt allein in einem Berliner Elektroclub, während draußen bereits langsam der Morgen anbricht. Victoria ist erst seit Kurzem in der Stadt, arbeitet unterbezahlt in einem Café und muss dieses jeden Morgen um sieben Uhr öffnen. Als sie schließlich den Club verlässt, begegnet sie vier Männern, die sich selbstbewusst als echte Berliner vorstellen. Sonne, Boxer, Blinker und Fuß nehmen sie spontan mit durch die nächtlichen Straßen. Gemeinsam ziehen sie zu einem Späti, anschließend auf ein Hochhausdach, wo sie trinken, rauchen und herumalbern. Gleichzeitig erwähnt Boxer beiläufig seine Gefängniszeit, doch trotz dieser Andeutung wirkt die Nacht zunächst noch harmlos und unbeschwert.

Kurz darauf begleitet Sonne Victoria in das Café, das sie wenig später aufschließen muss. Dort entdeckt er ein Klavier und beginnt unbeholfen darauf herumzuspielen. Danach setzt sich Victoria selbst an das Instrument und spielt einen Mephisto-Walzer von Franz Liszt – virtuos, intensiv und erschütternd zugleich. Währenddessen erzählt sie Sonne von ihrem gescheiterten Traum, Konzertpianistin zu werden. Jahrelang trainierte sie bis an ihre körperlichen Grenzen, hatte kaum Freunde und lebte nur für den Konkurrenzkampf am Konservatorium. Schließlich wurde ihr jedoch mitgeteilt, dass sie nicht gut genug sei.

Die entscheidenden Stunden

Genau in diesem Moment entwickelt sich zwischen den beiden vorsichtig Nähe, doch plötzlich tauchen die anderen drei wieder auf. Außerdem fordert eine frühere Knastbekanntschaft von Boxer nun einen gefährlichen Gefallen ein. Da Fuß inzwischen viel zu betrunken ist, überredet Sonne Victoria, die Gruppe trotzdem zu begleiten. Erst daraufhin wird klar, dass der angebliche Gefallen in Wahrheit ein Überfall auf eine Privatbank ist. Ohne die Situation vollständig zu begreifen, wird Victoria zur Fahrerin des gestohlenen Fluchtwagens.

Obwohl der Raub gelingt, eskaliert die Nacht immer stärker. Zunächst feiert die Gruppe ihren Triumph ausgelassen im Club, während Geldscheine auf dem Tisch liegen und die Musik weiterdröhnt. Doch wenig später erinnern sie sich an Fuß, den sie im Auto zurückgelassen haben. Inzwischen hat die Polizei bereits das gesamte Gebiet umstellt. Als die Gruppe flieht, kommt es in einem Innenhof zum Schusswechsel, bei dem Boxer und Blinker schwer verletzt werden. Deshalb verstecken sich Victoria und Sonne in der Wohnung eines schlafenden Paares, wechseln ihre Kleidung und nehmen sogar deren Baby mit, um unerkannt entkommen zu können.

Schließlich geben sie das Baby wie versprochen im Laden gegenüber ab und erreichen anschließend getarnt das Westin Grand Berlin. Dort organisiert Victoria ein Hotelzimmer, während beide versuchen, Ruhe zu bewahren. Gleichzeitig erfahren sie im Fernsehen, dass Boxer und Blinker ihren Verletzungen erlegen sind. Erst danach bemerkt Victoria, dass auch Sonne schwer verwundet wurde. Obwohl ein Krankenwagen gerufen wird, kommt jede Hilfe zu spät. Sonne stirbt schließlich in ihren Armen, nachdem er sie gebeten hat, das Geld zu nehmen und nach Spanien zu fliehen. Schließlich fasst sich Victoria langsam wieder, nimmt das Geld an sich und verlässt unerkannt das Hotel.

Filmkritik und Fazit zum Film „Victoria“

Sebastian Schipper inszeniert mit „Victoria“ ein radikales Experiment, das sein Wagnis voll ausspielt. Die ungeschnittene Aufnahme ist dabei weit mehr als eine formale Idee – sie treibt den Film aktiv voran. Sturla Brandth Grøvlens Kamera atmet mit den Figuren, folgt ihnen unruhig durch die Nacht, taumelt mit ihnen durch Straßen, Räume und Entscheidungen und wird so selbst zum fünften Mitglied dieser flüchtigen Gemeinschaft. Dadurch wirkt das improvisierte Spiel der Darsteller nie konstruiert, sondern unmittelbar und lebendig. Besonders Laia Costa trägt diese Konstruktion mit einer intensiven Präsenz, die ständig zwischen Übermut und Verlorenheit pendelt. Frederick Lau ergänzt sie mit einer Mischung aus Prahlerei und Verletzlichkeit, die ständig Spannung erzeugt.

Die Liebesgeschichte trägt den Film aktiv an Stellen, an denen das Drehbuch logisch ins Wanken gerät. Zwar überzeugt nicht jede Entscheidung – besonders warum Victoria sich auf den Banküberfall einlässt, bleibt rational fragwürdig –, doch emotional funktioniert dieser Schritt dennoch. Schipper vertraut konsequent seinen Bildern und setzt die Musik von Nils Frahm gezielt ein, um Stimmungen zu formen statt Erklärungen zu liefern. Besonders die Szene am Klavier bildet das emotionale Zentrum: Hier verdichten sich gescheiterter Ehrgeiz, aufkeimende Nähe und der Wunsch nach einem anderen Leben zu einem entscheidenden Moment. Gleichzeitig lässt der Film Berlin nicht einfach als Kulisse erscheinen, sondern zeigt die Stadt als lebendigen, schlaflosen Organismus im frühen Morgengrauen.

Wer sich auf die Länge und die bewusst eingebauten Hängepartien einlässt, erlebt einen Film, der aktiv fordert und zugleich belohnt. Die 140 Minuten verlangen Geduld, vor allem zu Beginn, doch sie entfalten Schritt für Schritt ihre Wirkung. Am Ende bleibt eine Nacht, die sich tief einprägt und lange nachwirkt. Gerade für Zuschauer, die sich auf unkonventionelle Erzählformen und moderne Liebesgeschichten einlassen, bietet der Film ein intensives Erlebnis jenseits klassischer Strukturen.

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