The Irishman
Es gibt Regisseure, die ihr eigenes Genre definiert haben – und dann gibt es jene, die es noch einmal neu denken, wenn sie es längst beherrschen. Martin Scorsese gehört zur zweiten Kategorie. Mit „The Irishman“ legt er eine späte, monumentale Reflexion über das organisierte Verbrechen vor. Das ist kein Gangsterepos im klassischen Sinn, sondern eine Meditation über Loyalität, Schuld und Auslöschung. Scorsese blickt zurück, aber er romantisiert nichts.

| Dauer: | 209 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2019 |
| Kategorien: | Krimi, Thriller |
| Regie: | Martin Scorsese |
| Produzenten: | Gastón Pavlovich, Randall Emmett, Emma Tillinger Koskoff, Jane Rosenthal, Irwin Winkler, Robert De Niro, Troy Allen, Martin Scorsese, Gerald Chamales, Gabriele Israilovici |
| Hauptdarsteller: | Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci |
| Nebendarsteller: | Harvey Keitel, Ray Romano, Bobby Cannavale, Anna Paquin |
| Studio: | Tribeca Productions, Sikelia Productions, Winkler Films |
Statt auf Glamour und Rausch setzt Scorsese auf Entschleunigung und melancholische Distanz. Der Film entstand für Netflix, erschien 2019 und dauert satte 209 Minuten. Drei Legenden des amerikanischen Kinos kehren zurück: De Niro, Pacino, Pesci. Die Vorlage liefert ein True-Crime-Bericht über den mutmaßlichen Mörder Jimmy Hoffas. Dass Scorsese seine Darsteller digital verjüngt, ist Mittel zum Zweck – keine Spielerei. Was also macht dieses späte Werk zu mehr als nur einem weiteren Eintrag im Mafia-Kanon?
Besetzung, Regie und Drehorte
„The Irishman“ entstand nach dem Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt. Steven Zaillian, Oscar-Preisträger für sein Drehbuch zu „Schindlers Liste“, adaptierte den Stoff. Martin Scorsese führte Regie und produzierte den Film gemeinsam mit Robert De Niro, Jane Rosenthal und Emma Tillinger Koskoff. Die Musik komponierte Robbie Robertson, die Kamera führte Rodrigo Prieto. Für den Schnitt zeichnete Thelma Schoonmaker verantwortlich, Scorseses langjährige Partnerin an der Moviola. Die digitalen Verjüngungseffekte stammen von Industrial Light & Magic.
An der Spitze der Besetzung steht Robert De Niro als Frank Sheeran, der irische Auftragsmörder. Al Pacino verkörpert den Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa. Joe Pesci gibt den Mafiaboss Russell Bufalino – nach Jahren im Ruhestand seine Rückkehr vor die Kamera. Ergänzt wird das Ensemble durch Ray Romano, Stephen Graham, Bobby Cannavale und Harvey Keitel. Anna Paquin spielt die erwachsene Tochter Peggy Sheeran, Jesse Plemons übernimmt die Rolle von Hoffas Ziehsohn. Die Dreharbeiten fanden in und um New York City statt.
Der Film ist in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben und wurde 2020 für zehn Oscars nominiert. Bei den Visual Effects Society Awards gewann er zwei Auszeichnungen. Das National Board of Review kürte ihn zum besten Film des Jahres. Die Produktionskosten beliefen sich auf 159 Millionen US-Dollar. Netflix erwarb die Rechte, nachdem Paramount das Projekt aufgegeben hatte.
Handlung & Inhalt vom Film „The Irishman“
Pennsylvania, frühe 1950er Jahre. Der irischstämmige Kriegsveteran Frank Sheeran arbeitet als Lastwagenfahrer für eine Fleischerei. Sein Gehalt reicht kaum, und so beginnt er, einen Teil der Ladung nebenbei an die Mafia zu verkaufen. Als er wegen Diebstahls vor Gericht steht, vertritt ihn der Anwalt William „Bill“ Bufalino. Der Freispruch ist nur der Anfang. Bill stellt Frank kurz darauf seinem Cousin Russell Bufalino vor. Russell ist das Oberhaupt einer Mafiafamilie im Nordosten Pennsylvanias. Aus dem Fahrer wird schnell ein Handlanger. Frank erledigt Aufträge, die mit Gewalt zu tun haben – und bald auch mit Mord.
Durch seine Arbeit für die Mafia erhält Frank eine neue Aufgabe. Russell schickt ihn als Leibwächter zu Jimmy Hoffa. Hoffa ist Präsident der Teamsters-Gewerkschaft und einer der mächtigsten Männer des Landes. Zwischen Frank und Jimmy entwickelt sich eine Freundschaft, die über Jahre hält. Gleichzeitig wächst Hoffas Konflikt mit dem aufstrebenden Teamster Anthony „Tony Pro“ Provenzano, einem Capo der Genovese-Familie. In den frühen 1960ern beginnt Generalstaatsanwalt Robert F. Kennedy seinen juristischen Feldzug gegen die Unterwanderung der Gewerkschaften durch die organisierte Kriminalität. Die Netze beginnen sich zu schließen.
Der lange Weg ins Schweigen
1964 wird Hoffa zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Vor seinem Haftantritt installiert er Frank Fitzsimmons als Platzhalter an der Spitze der Teamsters. Fitzsimmons erweist sich jedoch als weniger loyal als gedacht. Stattdessen gewährt er der Mafia mehr Spielraum und gewinnt dadurch deren Unterstützung. Hoffas Beziehung zu Provenzano, der selbst wegen Erpressung einsitzt, verschlechtert sich zudem im Gefängnis weiter. 1971 wird Hoffa schließlich durch eine Begnadigung von Präsident Richard Nixon freigelassen. Die Teilnahme an Teamsters-Aktivitäten ist ihm zwar bis 1980 untersagt, doch er ignoriert diese Auflage.
Hoffa will seine Macht zurück. Russell warnt Frank jedoch bei einer Familienfeier, dass die Führungsriege der Mafiafamilien mit Hoffas Verhalten zunehmend unzufrieden sei. Hoffa selbst hält sich dennoch für unantastbar. Schließlich besitzt er belastendes Wissen über Bufalino und andere Bosse. 1975 teilt Russell seinem irischen Vertrauten schließlich mit, dass Hoffas Tod beschlossen sei. Daraufhin reist Frank nach Detroit. Dort soll ein Treffen mit Provenzano und Anthony „Tony Jack“ Giacalone stattfinden. Frank erscheint schließlich im Auto, begleitet von Hoffas Stiefsohn Chuckie O’Brien sowie dem Gangster Salvatore Briguglio.
Briguglio behauptet, das Treffen sei in ein Wohnhaus verlegt worden. Provenzano und Bufalino warteten dort. Hoffa betritt das Haus und erkennt, dass niemand anwesend ist. Frank erschießt ihn. Jahre später werden Frank, Russell, Provenzano und weitere Mitglieder zu langen Haftstrafen verurteilt – allerdings wegen anderer Vergehen. Einer nach dem anderen stirbt hinter Gittern. Frank wird schließlich entlassen und in einem Altersheim untergebracht. Der Versuch, seinen Töchtern näherzukommen, scheitert. Sie sind längst verloren. Frank bereitet sich auf einen Tod vor, den kaum jemand betrauern wird.
Filmkritik und Fazit zum Film „The Irishman“
Martin Scorseses „The Irishman“ ist kein Mafiafilm, er ist dessen Epitaph. Wo „Good Fellas“ noch mit kokainhaftem Tempo durch die Unterwelt raste, herrscht hier eine frostige Zeitlupe der Desillusionierung. Rodrigo Prietos Kamera atmet Geduld, Thelma Schoonmakers Schnitt traut sich zu pausieren. Die digitale Verjüngung der Darsteller ist technisch verblüffend und dramaturgisch notwendig – auch wenn die Bewegungen älterer Körper in jüngeren Gesichtern bisweilen verraten, was Make-up allein nicht hätte leisten können. Das Sounddesign bleibt karg. Gewalt geschieht beiläufig, fast wie eine administrative Handlung.
Dass dieser Film über dreieinhalb Stunden läuft, ohne zu ermüden, verdankt er seinem Ensemble und einem Drehbuch, das Zaillian mit fast unheimlicher Präzision ausbalanciert. De Niro spielt Sheeran als Mann ohne Eigenschaften, als Schweigen auf zwei Beinen. Pacino liefert als Hoffa eine seiner lebendigsten Darbietungen seit Jahren – laut, eitel, mitreißend in seiner Selbstgewissheit. Pesci dagegen überrascht mit Understatement. Sein Bufalino wirkt, als würde er flüstern, selbst wenn er schweigt. Das Tempo bleibt gedrosselt, doch genau darin liegt die Wucht dieser Inszenierung.
Für Freunde klassischer Gangsterkinematographie ist dieser Film unverzichtbar. Scorsese blickt zurück, ohne sich zu wiederholen. Er zeigt nicht den Glanz der Macht, sondern die Einsamkeit, die bleibt. Wer Action und Pose sucht, wird enttäuscht. Wer Haltung, Handwerk und späte Selbstbefragung schätzt, findet hier ein Meisterstück der Abgeklärtheit.