American Gangster

Es gibt Filme, die ihre Epoche nicht rekonstruieren, sondern sie atmen lassen. „American Gangster“ von Ridley Scott ist einer davon. Der Brite führt das Kriminaldrama von 2007 mit jener kühlen Souveränität, die sein bestes Handwerk kennzeichnet – ohne Sentimentalität, ohne erhobenen Zeigefinger. Frank Lucas, der Drogenunternehmer aus Harlem, und Richie Roberts, der unbestechliche Ermittler aus New Jersey, sind keine Helden und keine Schurken. Sie sind Produkte ihrer Zeit.

American Gangster
Dauer: 157 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2007
Kategorien: Thriller
Regie: Ridley Scott
Produzenten: Brian Grazer, Ridley Scott
Hauptdarsteller: Denzel Washington, Russell Crowe, Josh Brolin
Nebendarsteller: Chiwetel Ejiofor, Cuba Gooding Jr., Lymari Nadal, Ted Levine
Studio: Film Rites, Imagine Entertainment, Universal Pictures, Relativity Media, Scott Free Productions

Was Scott dabei gelingt, ist selten: zwei Männer mit entgegengesetzten moralischen Biographien so zu führen, dass keiner zur Projektionsfläche wird. Beide tragen Widersprüche in sich. Der eine mordet kaltblütig und verteilt Truthähne zu Thanksgiving. Der andere gibt Drogengeld zurück und betrügt seine Frau. Diese strukturelle Symmetrie ist keine Spielerei – sie ist das eigentliche Thema des Films. Wie nah liegen Anstand und Opportunismus wirklich beieinander? Und wer entscheidet, welcher Kodex zählt?

Besetzung, Regie und Drehorte

American Gangster“ ist ein US-amerikanischer Thriller aus dem Jahr 2007. Regie führte Ridley Scott nach einem Drehbuch von Steven Zaillian, das auf einem Artikel von Mark Jacobson über den realen Drogenhändler Frank Lucas basiert. Produziert wurde der Film von Brian Grazer und Ridley Scott selbst, die Kamera übernahm Harris Savides, den Schnitt Pietro Scalia. Die Filmmusik komponierte Marc Streitenfeld, flankiert von einem Soundtrack mit Soul- und Blues-Klassikern der 1960er und 1970er Jahre.

Die Hauptrollen übernahmen Denzel Washington als Frank Lucas und Russell Crowe als Detective Richie Roberts. Zu den weiteren Darstellern zählen Josh Brolin als korrupter Cop Trupo, Chiwetel Ejiofor als Huey Lucas, Idris Elba, Cuba Gooding Jr. sowie Ruby Dee in der Rolle der Mutter Mama Lucas. Gedreht wurde an über 180 Locations in New York City – darunter ausgiebig in Harlem – sowie in Thailand.

Der Film hat eine Laufzeit von 157 Minuten in der Kinofassung, die Extended Version umfasst 176 Minuten. Die FSK-Freigabe liegt bei 16 Jahren. Bei den Oscars 2008 wurde der Film in den Kategorien Beste Nebendarstellerin für Ruby Dee und Bestes Szenenbild nominiert. Zusätzlich erhielt das Werk das Prädikat „besonders wertvoll“ der Deutschen Film- und Medienbewertung FBW.

Handlung & Inhalt vom Film „American Gangster“

New York City, Ende der 1960er Jahre. Frank Lucas arbeitet seit 15 Jahren als Fahrer und enger Vertrauter des Gangsterbosses Ellsworth „Bumpy“ Johnson, dem mächtigsten Kriminellen Harlems. Als Johnson 1968 auf offener Straße einem Herzinfarkt erliegt, hinterlässt er ein Vakuum, das Lucas nicht erbt – er füllt es. Konsequent, berechnet, lautlos. Während andere Rivalen lärmen und prassen, beobachtet Lucas die Strukturen des Marktes mit dem Blick eines Unternehmers. Er trägt dezente Kleidung, meidet das Rampenlicht und hält sich fern von dem Spektakel, das Kriminelle gewöhnlich in den Fokus der Behörden bringt.

Lucas entwickelt ein Beschaffungsmodell, das die Mittelsmänner vollständig ausschaltet. Über Kontakte zu einem korrupten Offizier der Kuomintang bezieht er Heroin direkt aus dem Goldenen Dreieck in Südostasien. Der Schmuggel läuft über einen makabren Kanal: Die Drogen gelangen in den Särgen gefallener US-Soldaten auf dem Rückweg aus Vietnam in die Vereinigten Staaten. Unter dem Markennamen „Blue Magic“ verkauft Lucas reines Heroin zu niedrigeren Preisen als die Konkurrenz – und drängt damit sogar die italienische Mafia aus dem Markt. Er holt seine Familie nach New York und integriert sie in sein Geschäft. Sein Erfolg bleibt zunächst unsichtbar.

Fahndung, Druck und der erste Fehler

Im benachbarten New Jersey erhält der Kriminalbeamte Richie Roberts zunächst den Auftrag, eine diskrete Sondereinheit aufzubauen, die den neuen Drogenmarkt untersucht. Dabei fällt er früh auf, weil er im Gegensatz zu vielen Kollegen keinerlei Korruption duldet. Im Gegenteil: Er gibt sogar einen Kofferraum voller Geld zurück, was ihm jedoch Misstrauen einbringt. Gleichzeitig kämpft er privat vor Gericht um das Sorgerecht für seinen Sohn, da seine Ehe gescheitert ist. Zunächst fehlt der Einheit jede Spur, bis Roberts 1971 beim Boxkampf zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali zufällig einen Mann im auffälligen Chinchilla-Pelzmantel bemerkt: Frank Lucas. Dadurch entsteht erstmals ein konkreter Ansatzpunkt für die Ermittlungen.

Im weiteren Verlauf stößt Roberts jedoch auf erheblichen Widerstand. Einerseits behindern korrupte Polizisten unter Detective Trupo die Ermittlungen systematisch, andererseits zweifelt auch eine neu gegründete Drogenbehörde an seiner Arbeit. Zusätzlich behauptet ein ranghoher Beamter, dass Schwarze keine professionellen Drogenkartelle führen könnten. Dennoch ignoriert Roberts diese Hindernisse konsequent. Stattdessen gelingt es ihm, einen Cousin von Lucas zu überwachen, wodurch entscheidende Abhördaten entstehen. Infolgedessen führt die Spur nach Harlem, wo das Heroin verarbeitet wird. Zwar scheitert zunächst eine Durchsuchung eines Militärtransports, da Särge nicht geöffnet werden dürfen, jedoch bleibt die Ermittlungsrichtung klar.

Schließlich greift Roberts 1975 entschlossen ein, als der Vietnamkrieg endet. Infolgedessen wird Lucas gemeinsam mit seiner Organisation verhaftet. Zunächst versucht Lucas noch, Roberts zu bestechen, doch dieser lehnt ab. Daraufhin entscheidet sich Lucas zur Kooperation und belastet sowohl Kriminelle als auch korrupte Polizisten. Dadurch wird das ganze Ausmaß sichtbar: Ein Großteil der Spezialeinheit ist bestechlich. Folglich wird Lucas’ Strafe deutlich reduziert. Jahre später wird er entlassen, während Roberts inzwischen als Strafverteidiger arbeitet. Schließlich begegnen sich beide erneut, da Lucas sein erster Mandant wird.

Filmkritik und Fazit zum Film „American Gangster“

American Gangster“ gewinnt seinen Rang vor allem durch die Konsequenz seiner Inszenierung. Ridley Scott verzichtet auf das Spektakel. Er setzt stattdessen auf Dichte, auf die atmosphärische Kraft von Harris Savides‘ entsättigter Kamera, die das New York der frühen 1970er Jahre in einen dreckig-eleganten Zustand versetzt, der zugleich dokumentarisch und artifiziell wirkt. Denzel Washington spielt Frank Lucas mit einer versteinerten Kontrolle, die mehr Bedrohung transportiert als jede lautstarke Szene es könnte. Russell Crowe hingegen verkörpert Roberts als Mann, der seinen Ehrenkodex wie eine Last trägt – überzeugend, wenngleich die Figur selbst weniger Tiefe erhält als ihr Gegenüber.

Was das Drehbuch von Steven Zaillian besonders stark macht, ist die strukturelle Entscheidung, die beiden Handlungsstränge lange parallel zu führen. Das Aufeinandertreffen der Protagonisten erfolgt erst in den letzten zwanzig Minuten – und genau darin liegt eine der wirkungsvollsten Ideen des Films. Der eigentliche Showdown findet nicht in einer Verfolgungsjagd statt, sondern in einem Verhörraum, in dem zwei Männer mit ähnlichem Ehrenkodex und unterschiedlicher Seite sich zum ersten Mal in die Augen schauen. Die Musik von Marc Streitenfeld, ergänzt durch Soul-Klassiker wie Bobby Womacks „Across 110th Street“, trägt diese Stimmung konsequent, ohne je aufzutrumpfen. Wo die Charakterzeichnung gelegentlich an Tiefe verliert – besonders bei Nebenfiguren –, übernimmt die formale Präzision des Films.

„American Gangster“ ist kein Gangsterfilm, der seine Figuren feiert – er ordnet sie ein. Das macht ihn zu mehr als gepflegter Genre-Unterhaltung. Wer Scotts Handwerk schätzt und Kriminalfilme sucht, die ihre moralische Ambivalenz nicht auflösen, sondern aushalten, findet hier einen Film von seltener Konsequenz. Die Laufzeit von 157 Minuten erweist sich dabei nicht als Bürde, sondern als Bedingung.

X