Everything Everywhere All at Once

Wenn ein Film in einem einzigen Atemzug Steuererklärung, Multiversum und Bagel-Existenzialismus zusammenführt, ist Skepsis die natürliche erste Regung. Daniel Kwan und Daniel Scheinert wagen genau diesen Spagat. Ihr zweiter gemeinsamer Spielfilm „Everything Everywhere All at Once“ verhandelt familiäre Erschöpfung im Gewand einer Science-Fiction-Komödie. Die Prämisse klingt nach kalkulierter Überforderung. Tatsächlich entsteht daraus ein präzise getakteter Bilderrausch. Hinter dem Lärm liegt ein leiser Kern.

Everything Everywhere All at Once
Dauer: 140 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2022
Kategorien: Action, Science-Fiction
Regie: Daniel Scheinert, Daniel Kwan
Produzenten: Tim Headington, Mike Larocca, Daniel Scheinert, Daniel Kwan, Virginie Besson-Silla, Jonathan Wang, Joe Russo, Anthony Russo
Hauptdarsteller: 楊紫瓊, Stephanie Hsu, Ke Huy Quan
Nebendarsteller: James Hong, Jamie Lee Curtis, Tallie Medel, Jenny Slate
Studio: IAC Films, AGBO, Ley Line Entertainment, Year of the Rat, A24

Die sieben Oscars von 2023 haben dem Film eine Aura verliehen, die bei genauerem Hinsehen eher hinderlich wirkt. Erwartungen verzerren das, was hier eigentlich passiert. Das Werk ist weniger ein Triumph der Effekte als eine Studie der Erschöpfung. Michelle Yeoh trägt diese Doppelnatur mit beeindruckender Ökonomie. Zwischen Martial-Arts-Choreografie und stiller Resignation liegt selten mehr als ein Schnitt. Was bleibt, wenn das Spektakel verklungen ist?

Besetzung, Regie und Drehorte

Regie und Drehbuch von „Everything Everywhere All at Once“ verantworten Daniel Kwan und Daniel Scheinert, die unter dem Namen The Daniels firmieren. Nach „Swiss Army Man“ aus dem Jahr 2016 ist es ihre zweite gemeinsame Spielfilmarbeit. Produziert wurde das Projekt unter anderem von Anthony und Joe Russo sowie Jonathan Wang. Die Kamera führte Larkin Seiple, ein langjähriger Mitarbeiter des Regie-Duos. Den Schnitt verantwortete Paul Rogers. Die Musik komponierte das in Los Angeles ansässige Trio Son Lux, dessen Soundtrack 49 einzelne Stücke umfasst.

In der Hauptrolle ist Michelle Yeoh als Evelyn Wang zu sehen. An ihrer Seite agieren Ke Huy Quan als Ehemann Waymond, Stephanie Hsu als Tochter Joy und James Hong als ihr Vater Gong Gong. Jamie Lee Curtis verkörpert die Steuerfahnderin Deirdre Beaubeirdre. Jenny Slate, Harry Shum Jr. und Tallie Medel komplettieren den Kreis um die Familie Wang. Die deutsche Synchronfassung entstand nach einem Dialogbuch von Detlef Gieß unter der Regie von Reinhold Kospach im Auftrag der Lylo Media Group, Berlin.

Der Film läuft 139 Minuten und ist in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. Gedreht wurde unter anderem in Simi Valley, rund 60 Kilometer nordwestlich von Los Angeles. Die Premiere fand im März 2022 beim South by Southwest Film Festival statt, der deutsche Kinostart folgte am 28. April 2022. Bei der Oscarverleihung 2023 wurde das Werk mit sieben Auszeichnungen bedacht, darunter vier in den Big-Five-Kategorien.

Handlung & Inhalt vom Film „Everything Everywhere All at Once“

Evelyn Wang betreibt mit ihrem Mann Waymond einen heruntergekommenen Waschsalon in den Vereinigten Staaten. Über dem Geschäft liegt zudem die kleine Wohnung, in der die chinesische Einwandererfamilie lebt. Der Alltag verläuft chaotisch, während unzufriedene Kunden nur zum geringsten Teil der Probleme gehören. Eine fehlerhafte Steuererklärung hat deshalb eine Prüfung durch den Internal Revenue Service zur Folge. Waymond trägt unterdessen heimlich Scheidungspapiere bei sich. Evelyns Vater ist soeben aus China angereist und stellt ebenfalls seine eigenen Erwartungen. Das chinesische Neujahrsfest steht bevor, während Tochter Joy plant, ihre Freundin Becky der Familie vorzustellen.

Während des Termins in der Steuerbehörde übernimmt plötzlich eine Entität namens Alpha Waymond die Kontrolle über Evelyns Ehemann. Er berichtet daraufhin von der Existenz unzähliger Paralleluniversen. In einem dieser Universen habe Evelyn die sogenannte Verse-Sprung-Technologie entwickelt, die sowohl Zugriff auf Fähigkeiten als auch auf Erinnerungen alternativer Versionen des eigenen Selbst erlaubt. Das Multiversum werde jedoch von einer Macht namens Jobu Tupaki bedroht, die nach Belieben zwischen den Welten wechseln und Materie manipulieren kann. Alpha Waymond ist deshalb überzeugt, nur Evelyn könne sie aufhalten. Im Alpha-Universum versammelt sich währenddessen eine Gruppe Verbündeter, die denselben Kampf führt.

Konfrontation im Spiegel der Welten

Evelyn lernt zwar die Verse-Sprung-Technik zu beherrschen, verfängt sich aber wiederholt in den fremden Wirklichkeiten. Manche dieser Leben gefallen ihr dabei besser als das eigene. Waymond eröffnet ihr schließlich die Wahrheit über Jobu Tupaki. Denn diese Entität ist niemand anderes als ihre Tochter Joy, die von Alpha-Evelyn in einen Zustand der Universumsallgegenwart gezwungen wurde. Das Wissen verändert deshalb Evelyns Mission. Sie will ihrer Tochter entgegentreten und erkennt zugleich, dass dies nur mit den gleichen Fähigkeiten gelingen kann. Daraufhin beginnt erneut das unkontrollierte Reisen durch die Welten.

In der finalen Konfrontation präsentiert Jobu Tupaki schließlich einen Bagel, in den sie das Nichts gepresst hat. Dieses Objekt würde beide auflösen. Evelyn widersteht jedoch der Versuchung. Stattdessen beginnt sie, die Universen nach eigenem Willen zu durchqueren. Im Kungfu-Universum begegnet sie ihrem Mann, der sie auffordert, ihr Bestes zu geben. Auch der Waymond ihrer eigenen Welt mahnt sie zur Freundlichkeit. Die Aufforderung wirkt schließlich wie ein Schalter.

Evelyn übersetzt diese Erkenntnis daraufhin in eine neue Form von Macht. Sie verwandelt die Menschen in ihrer Umgebung, indem sie ihnen gibt, was sie sich tatsächlich wünschen. Selbst die zermürbende Steuerfahnderin Deirdre Beaubeirdre wird dabei in diesen Strom der Zugewandtheit einbezogen. Am Ende gelingt es Evelyn schließlich, ihre Tochter aus dem Sog des Bagels zu lösen. Sie versichert Joy, dass sie immer und überall für sie da sein werde. Danach kehrt die Familie zurück in den Waschsalon. Die Steuererklärung bleibt jedoch zu erledigen. Das Außergewöhnliche hat damit das Alltägliche nicht aufgehoben.

Filmkritik und Fazit zum Film „Everything Everywhere All at Once“

Everything Everywhere All at Once“ verdankt seine Wirkung weniger dem Multiversum als der Disziplin, mit der die Daniels es bändigen. Paul Rogers‘ Schnitt ist die eigentliche Hauptdarstellerin neben Michelle Yeoh. Übergänge zwischen Universen geschehen oft im Bruchteil eines Frames, ohne dass die Orientierung verloren ginge. Larkin Seiples Kamera findet selbst im größten Tumult ruhige Achsen. Yeoh spielt die Erschöpfung einer Frau, die zu viele Leben gleichzeitig führt, mit einer Sparsamkeit, die jede Actionszene grundiert. Ke Huy Quan liefert in seiner Doppelung von zaghaftem Ehemann und souveränem Alpha-Krieger das emotionale Rückgrat.

Das Sounddesign von Son Lux verdient eigene Aufmerksamkeit. Statt sich der Bildflut anzupassen, setzt die Komposition Gegengewichte. In den ruhigsten Momenten – etwa der Sequenz, in der zwei Steine auf einem Felsplateau miteinander schweigen – trägt die Musik mehr als jeder Dialog. Die Bildsprache changiert zwischen Hommage und eigener Handschrift, ohne sich an den zitierten Vorbildern festzubeißen. Das Tempo ist hoch, doch der Film nimmt sich an entscheidenden Stellen Zeit. Diese Atempausen retten ihn vor der Selbstüberforderung, die das Konzept eigentlich erwarten ließe.

Wer den Film auf seine visuellen Eskapaden reduziert, übersieht das Eigentliche. Hinter dem Spektakel steht eine bemerkenswert nüchterne Studie über Familie, Migration und Erschöpfung. Für Liebhaber der Science-Fiction-Komödie bietet das Werk seltene Tiefe. Es lohnt sich für alle, die Genrekino jenseits des Marketingversprechens suchen. Eine bedingungslose Empfehlung wäre dennoch vermessen – der Film fordert Geduld und Bereitschaft zur Überforderung. Wer beides mitbringt, wird belohnt.

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