Children of Men
Es gibt Filme, die man weniger anschaut, als dass sie einen anschauen. Alfonso Cuaróns „Children of Men“ aus dem Jahr 2006 gehört zu jener seltenen Sorte dystopischer Werke, die ihre Wucht nicht aus erklärenden Bildern beziehen, sondern aus dem hartnäckigen Verzicht darauf. Die Kamera weicht keinem Blick aus. Sie verharrt, sie folgt, sie stolpert. Wer sich dieser Erzählweise aussetzt, betritt ein Großbritannien des Jahres 2027, das nicht entworfen, sondern beobachtet wirkt.

| Dauer: | 109 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2006 |
| Kategorien: | Action, Thriller |
| Regie: | Alfonso Cuarón |
| Produzenten: | Marc Abraham, Pablo Casacuberta, Eric Newman, Hilary Shor, Iain Smith, Tony Smith |
| Hauptdarsteller: | Clive Owen, Clare-Hope Ashitey, Chiwetel Ejiofor |
| Nebendarsteller: | Julianne Moore, Michael Caine, Pam Ferris, Charlie Hunnam |
| Studio: | Universal Pictures, Strike Entertainment, Hit & Run Productions |
Die Prämisse ist von biblischer Schlichtheit: Seit achtzehn Jahren wird kein Kind mehr geboren. Cuarón verzichtet darauf, diese Krankheit zu erklären, und gewinnt damit alles. Aus einem Science-Fiction-Stoff wird eine Meditation über Hoffnung, Schuld und Würde am Rande des Verschwindens. Der Film verweigert dem Publikum jede bequeme Distanz. Stattdessen drängt er es mitten in eine Welt, deren Grammatik vertraut bleibt, deren Vokabular jedoch versehrt klingt. Wie schreibt man eine Geschichte, wenn der letzte Satz längst gesprochen ist?
Besetzung, Regie und Drehorte
Inszeniert hat den Film der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón, der nach „Y tu mamá también“ und „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ hier seine zweite Londoner Arbeit vorlegt. Das Drehbuch verantworten neben Cuarón selbst Timothy J. Sexton, David Arata und Hawk Ostby; Vorlage ist der gleichnamige Roman von P. D. James aus dem Jahr 1992. Die Kamera führte Emmanuel Lubezki, den Schnitt besorgte Alex Rodríguez. Die Musik komponierte John Tavener, dessen sakrale Klangfarben dem Film eine spirituelle Tiefenschicht einzeichnen. Produziert wurde das Werk von Universal Pictures gemeinsam mit Strike Entertainment und Hit & Run Productions.
In der Hauptrolle des Theo Faron spielt Clive Owen einen ehemaligen Aktivisten, der seine Resignation mit Whiskey und Zynismus tarnt. Julianne Moore gibt seine frühere Frau Julian, Anführerin der militanten Gruppierung „Fishes“. Michael Caine verkörpert den Althippie und Karikaturisten Jasper, eine Figur, die er nach eigener Aussage seinem Freund John Lennon nachempfand. Die junge Britin Clare-Hope Ashitey stellt die schwangere Flüchtling Kee dar. Ergänzt wird das Ensemble durch Chiwetel Ejiofor, Charlie Hunnam, Pam Ferris und Danny Huston.
Die Laufzeit beträgt 106 Minuten, die Altersfreigabe FSK 16. Das Budget lag bei rund 76 Millionen US-Dollar. Gedreht wurde überwiegend in England, mit abschließenden Aufnahmen in Uruguay und Argentinien. Bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt Lubezki den Golden Osella, Cuarón wurde für den Goldenen Löwen nominiert. Der Film war später für drei Oscars nominiert und gewann zwei BAFTAs sowie den Saturn Award als bester Science-Fiction-Film.
Handlung & Inhalt vom Film „Children of Men“
London im Jahr 2027: Seit achtzehn Jahren kam kein Kind mehr zur Welt, den Tod des jüngsten Menschen überträgt das Fernsehen wie ein Staatsbegräbnis. Die Welt liegt in Trümmern, allein Großbritannien behauptet sich als militanter Polizeistaat. Sicherheitskräfte führen Flüchtlinge in Käfigen vor und deportieren sie in das Lager Bexhill. Mitten in dieser erstarrten Wirklichkeit lebt Theo Faron, ein desillusionierter Bürokrat, der einst für eine bessere Welt kämpfte. Bei einer Pandemie verlor er seinen Sohn. Seitdem hält er die Welt auf Distanz. Eines Tages entführt ihn die militante Gruppe der Fishes, die seine einstige Frau Julian anführt.
Julian bittet Theo, Transitpapiere für die junge Flüchtlingsfrau Kee zu besorgen. Über seinen einflussreichen Cousin Nigel beschafft er Dokumente, die nur in seiner Begleitung gelten. Gemeinsam mit Julian, Kee, der Hebamme Miriam und dem Fishes-Mitglied Luke bricht er auf. Auf einer Landstraße greift eine Gruppe sie aus dem Hinterhalt an, eine Kugel tötet Julian. In einem abgelegenen Unterschlupf offenbart Kee schließlich ihr Geheimnis: Sie ist hochschwanger, das erste werdende Kind seit fast zwei Jahrzehnten. Theo erfährt zudem, dass Luke den Anschlag auf Julian inszeniert hat. Die Gruppe will das Baby für ihre politischen Ziele instrumentalisieren.
Zwischen Polizeistaat und Hoffnung
Theo flieht mit Kee und Miriam zu seinem Freund Jasper, einem alten Karikaturisten, der mit seiner katatonischen Frau Janice in einer Waldhütte lebt. Dort entwickeln sie einen Plan, um das geheimnisvolle Schiff Tomorrow des Human Project vor Bexhill zu erreichen. Der bestechliche Grenzbeamte Syd soll sie dabei als Flüchtlinge in das Lager schleusen. Die Fishes spüren Jasper jedoch auf. Bevor er stirbt, erlöst er seine Frau und den Hund mit Gift, um den Verfolgern Zeit zu rauben. An einer verlassenen Schule übergibt er die Gruppe schließlich an Syd. Im Bus wird Miriam von einem Wachsoldaten weggezerrt, weil sie laut betet und damit dessen Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Im Lager Bexhill nimmt eine Roma namens Marichka die beiden auf. Kee bringt dort in einem heruntergekommenen Zimmer ein Mädchen zur Welt. Am nächsten Morgen ist jedoch Krieg ausgebrochen: Die britische Armee bombardiert das Lager, während sich die Fishes eingeschlichen haben. Syd versucht, das Kopfgeld auf Theo und Kee zu kassieren, wird jedoch überwältigt. Auf dem Weg zum Ruderboot werden Mutter und Kind von den Fishes verschleppt, während Theo sie durch ein Haus unter Beschuss verfolgt. In einem anschließenden Häuserkampf konfrontiert er Luke, der bei einer Explosion stirbt.
Mit dem Säugling auf dem Arm steigt Kee inmitten des Gefechts die Treppe hinab. Soldaten und Aufständische erstarren, während angesichts des Wunders ein flüchtiger Waffenstillstand entsteht. Marichka geleitet die kleine Gruppe zum Ruderboot, bleibt selbst aber zurück. Während Bexhill von Kampfjets in Schutt gelegt wird, rudern Theo und Kee aufs offene Meer hinaus. Theo gesteht seine Schussverletzung und lehrt Kee zugleich, das Baby aufstoßen zu lassen. Sie wird ihre Tochter Dylan nennen, nach Theos verlorenem Sohn. Bevor das Schiff Tomorrow auftaucht, verliert er jedoch das Bewusstsein. Kinderlachen ertönt, als das Bild ins Schwarz übergeht.
Filmkritik und Fazit zum Film „Children of Men“
Was Cuarón in „Children of Men“ gelingt, ist eine seltene Verschmelzung von Inszenierung und Inhalt. Emmanuel Lubezkis Kamera führt durch die berühmten Plansequenzen mit einer Beiläufigkeit, die das Auge des Zuschauers in eine moralische Zeugenschaft drängt. Die sechsminütige Schlachtsequenz in Bexhill, der Hinterhalt auf der Landstraße, die schweigende Stunde der Geburt – sie alle wirken wie Dokumentaraufnahmen aus einer Welt, in der niemand mehr Regie führt. Clive Owen spielt Theo nicht als Held, sondern als Versehrten. Sein Schmerz bleibt körperlich. Michael Caine wiederum gibt Jaspers Sanftmut eine wehmütige Wärme.
Die eigentliche Kunst des Films liegt im Verzicht. Cuarón erklärt nicht, woran die Welt erkrankt ist, und zwingt das Publikum, die Krise im eigenen Innenraum zu übersetzen. John Taveners „Fragments of a Prayer“ verschränkt sich mit dem urbanen Lärm zu einer akustischen Liturgie, die noch in der Brutalität ein religiöses Beben hört. Wer dem Film vorwirft, er häufe seine Symbole zu dicht oder weide sich an der Trostlosigkeit, übersieht, wie diszipliniert die Bildsprache zwischen Apokalypse und Verheißung ausbalanciert bleibt. Manche Momente kippen ins Plakative – das Pink-Floyd-Schwein über Battersea etwa wirkt eher zitathaft als zwingend.
Für Freunde anspruchsvoller dystopischer Science-Fiction bleibt Cuaróns Werk ein notwendiger Film. Er bietet keine Erlösung, sondern eine Geste des Möglichen. Nach beinahe zwei Jahrzehnten hat das Werk an Dringlichkeit nichts eingebüßt – im Gegenteil. Wer Tiefe sucht statt Genre-Routine, findet hier eine Choreografie aus Trauer und Trotz, deren letzter Ton ein Kinderlachen ist. Sehenswert, aber niemals leicht.