Das wandelnde Schloss

Wenn ein Märchen sich auf das Schlachtfeld verirrt, entsteht eine eigentümliche Reibung. Hayao Miyazaki kennt diesen Zwiespalt und sucht ihn geradezu. In „Das wandelnde Schloss“ verwebt er romantische Sehnsucht mit der Schwere historischer Schuld. Eine Hutmacherin, ein eitler Zauberer, ein launischer Feuerdämon. Das Personal wirkt vertraut, fast klassisch. Die Welt jedoch, in der es sich bewegt, kennt bereits den Bombenkrieg.

Das wandelnde Schloss
Dauer: 120 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 2004
Kategorien: Fantasy
Regie: Hayao Miyazaki
Produzenten: Toshio Suzuki, 石井朋彦
Hauptdarsteller: 倍賞千恵子, 木村拓哉, Akihiro Miwa
Nebendarsteller: 我修院達也, Ryunosuke Kamiki, 伊崎充則, 大泉洋
Studio: Studio Ghibli, Tokuma Shoten, Nippon Television Network Corporation, dentsu, Walt Disney Japan, d-rights, TOHO

Das Studio Ghibli hatte 2001 mit Chihiros Reise ins Zauberland einen Höhepunkt erreicht, an dem sich nichts mehr messen lassen wollte. Drei Jahre später folgte dieser Film, und mit ihm eine andere Tonart. Der pazifistische Impuls Miyazakis wird hier deutlicher als zuvor. Seine Adaption eines britischen Jugendromans verschiebt das Gewicht. Was bleibt, ist die Frage nach Verwandlung. Was hinzukommt, ist der Lärm der Geschütze. Wie verträgt sich das mit den weichen Linien eines Zeichentrickfilms?

Besetzung, Regie und Drehorte

Regie und Drehbuch der Anime-Verfilmung „Das wandelnde Schloss“ verantwortet Hayao Miyazaki, der gemeinsam mit der britischen Autorin Diana Wynne Jones an der Adaption ihres 1986 erschienenen Romans arbeitete. Produziert wurde der Film von Toshio Suzuki im Studio Ghibli. Die Musik komponierte Joe Hisaishi, ein langjähriger Wegbegleiter Miyazakis. Atsushi Okui übernahm die Kameraarbeit, Takeshi Seyama den Schnitt. Das Produktionsland ist Japan, der Film entstand 2004.

Im japanischen Original sprechen Takuya Kimura und Chieko Baishō die Hauptrollen Hauro und Sophie. Ryūnosuke Kamiki leiht dem Schüler Markl seine Stimme, Tatsuya Gashūin dem Feuerdämon Calcifer. Akihiro Miwa verkörpert die Hexe aus dem Niemandsland, Haruko Katō die Madame Suliman. Die deutsche Synchronisation entstand bei der FFS Film- & Fernseh-Synchron GmbH in München unter der Dialogregie von Frank Lenart, mit Robert Stadlober als Hauro und Sunnyi Melles als Sophie.

Der Film läuft 119 Minuten und ist ab sechs Jahren freigegeben. Vorlage für die imaginären Städte war das elsässische Colmar, stilistisch orientierte sich Miyazaki an Werken des französischen Karikaturisten Albert Robida. Ausgezeichnet wurde der Film unter anderem mit dem Prix Osella in Venedig 2004 und einer Oscar-Nominierung 2006.

Handlung & Inhalt vom Film „Das wandelnde Schloss“

Sophie arbeitet zurückgezogen als Hutmacherin in der Werkstatt ihres verstorbenen Vaters. Auf dem Weg durch die Stadt wird sie von zwei zudringlichen Soldaten bedrängt, bis ein junger Mann ihr beisteht und sie unbeschadet entkommen lässt. Der Fremde ist der Zauberer Hauro, dessen Aufmerksamkeit sich teuer bezahlt macht. Die Hexe aus dem Niemandsland wirft ein Auge auf ihn und betrachtet die schüchterne Hutmacherin als Konkurrentin. Aus Eifersucht belegt sie Sophie mit einem Fluch. Über Nacht altert das Mädchen zu einer neunzigjährigen Frau. Sophie verlässt die Stadt im Morgengrauen. Auf dem Weg ins Niemandsland findet sie eine umgestürzte Vogelscheuche, die ihr fortan folgt.

Die Vogelscheuche führt Sophie zum wandelnden Schloss, in dem Hauro mit dem Feuerdämon Calcifer und seinem Schüler Markl haust. Calcifer schließt einen Pakt mit der gealterten Frau: Wenn sie das Geheimnis seines Vertrages mit Hauro lüftet, sei auch ihr Fluch zu lösen. Sophie verdingt sich kurzerhand als Putzkraft. Hauro indes hat seine eigenen Sorgen. Der König ruft seine Zauberer in den Krieg, und Hauro fürchtet die mächtige Madame Suliman, einst seine Lehrerin. Sophie soll als seine Mutter beim Hof vorsprechen und ihn als unwürdig darstellen.

Zwischen Schlachtfeld und Sternschnuppe

Im Palast trifft Sophie schließlich auf die entmachtete Hexe und auf Madame Suliman, die Hauros Selbstsucht anklagt. Sophie verteidigt ihn jedoch mit ungeahnter Vehemenz. Hauro selbst greift daraufhin ein, befreit die Anwesenden und verschwindet erneut in den Luftkampf gegen die feindlichen Flugmaschinen. Während der Krieg näher rückt, brennt die Stadt und Menschen fliehen. Hauro kehrt schließlich verletzt zurück, und zwar in einer Vogelgestalt, die ihn immer schwerer verlassen will. Sophie bietet ihm ihre Liebe, doch er weicht aus. Denn sie könne ihm nicht helfen, solange sie sich selbst nicht helfen könne.

Die Lage spitzt sich weiter zu, als Madame Suliman Hauros Aufenthalt entdeckt. Sophie trägt daraufhin den geschwächten Calcifer aus dem Schloss, das anschließend zerbricht. Der Ring, den Hauro ihr gab, weist ihr schließlich einen Pfad in seine Kindheit. Dort sieht sie, wie er als Junge eine Sternschnuppe fängt – Calcifer – und ihm zugleich sein Herz übergibt. Diese Erkenntnis ändert schließlich alles. Zurück in der Gegenwart sucht Sophie deshalb den verwundeten Zauberer und gibt ihm sein Herz zurück.

Calcifer wird schließlich befreit, während das Schloss vollständig zerfällt. Auf einem Stück Fußboden rasen die Gefährten dem Abgrund entgegen, bis schließlich die Vogelscheuche den Sturz aufhält. Sophie küsst sie daraufhin aus Dankbarkeit, und die Strohpuppe verwandelt sich zurück in den Prinzen des Nachbarlandes, der nun zum Friedensschluss aufbrechen will. Madame Suliman beendet daraufhin den Krieg per Glaskugelbefehl. Hauro erwacht schließlich, verändert durch sein wiedergewonnenes Herz, und erwidert Sophies Zuneigung. Calcifer kehrt zudem freiwillig zu den Bewohnern zurück. Über den Wolken schwebt schließlich ein neues, freundlicheres Schloss.

Filmkritik und Fazit zum Film „Das wandelnde Schloss“

Was „Das wandelnde Schloss“ auszeichnet, ist die handwerkliche Disziplin der Animation. Miyazaki führt seine Kamera mit der Geduld eines Aquarellisten. Die mechanischen Auswüchse des titelgebenden Bauwerks – stelzende Beine, dampfende Schornsteine, ein scheinbar atmendes Gebälk – bleiben über die gesamte Laufzeit hinweg ein visuelles Wunder. Joe Hisaishis Walzerthema verleiht den Bewegungen eine fast tänzerische Eleganz. Auch die nächtlichen Flugszenen über brennenden Häfen besitzen eine eigentümliche Schönheit, die das Schreckliche nicht beschönigt, sondern umso schmerzlicher macht.

Dramaturgisch zeigt der Film deutliche Risse. Der Krieg wird als Drohkulisse aufgebaut, beherrscht zeitweise das Geschehen, verschwindet dann jedoch beinahe abrupt aus der Erzählung. Die Auflösung um Calcifers Vertrag wirkt vereinfacht, vor allem im Vergleich zur literarischen Vorlage. Sophies eigene Zauberkräfte, die im Roman tragend sind, werden im Film nicht erwähnt. Dadurch entsteht eine Lücke, die der schlussakkordartige Versöhnungstaumel kaschieren soll. Die emotionale Wucht der Bilder trägt dennoch über manche dramaturgische Schwäche hinweg.

Wer Miyazakis Werk schätzt, wird hier nicht den geschlossensten, aber einen seiner ehrlichsten Filme finden. Die pazifistische Haltung ist greifbar, die Tragik subtil, die Liebesgeschichte berührend, ohne kitschig zu werden. Anime-Liebhaber finden ein zeichnerisches Meisterstück, das gerade in seinen Brüchen seine Menschlichkeit offenbart. Eine uneingeschränkte Empfehlung für alle, die das Fantastische als Spiegel des Realen begreifen.

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