Pokémon Meisterdetektiv Pikachu
Wenn ein Videospielfranchise mit über zwei Jahrzehnten Kulturgeschichte erstmals den Schritt ins Realfilmkino wagt, steht einiges auf dem Spiel. Zwischen nostalgischer Verpflichtung und filmischer Emanzipation muss eine Balance gefunden werden, die weder die Fangemeinde enttäuscht noch das breitere Kinopublikum überfordert. Genau an dieser neuralgischen Schnittstelle bewegt sich „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu„. Rob Letterman wählt für sein Debüt im Pokémon-Universum einen überraschend erwachsenen Zugang. Statt klassischer Trainerdramaturgie setzt er auf Noir-Anleihen und urbane Verdichtung.

| Dauer: | 105 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2019 |
| Kategorien: | Animation, Fantasy |
| Regie: | Rob Letterman |
| Produzenten: | Don McGowan, Mary Parent, Cale Boyter, Hidenaga Katakami |
| Hauptdarsteller: | Ryan Reynolds, Justice Smith, Kathryn Newton |
| Nebendarsteller: | Bill Nighy, Ken Watanabe, Chris Geere, Suki Waterhouse |
| Studio: | Legendary Pictures, The Pokémon Company, TOHO |
Ryan Reynolds leiht dem pelzigen Ermittler im Original seine unverwechselbare Stimme, und diese Besetzungsentscheidung prägt den Film bis in die kleinste Nuance. Ein Pikachu, das Kaffee liebt und trockene Pointen streut, trifft auf einen jungen Mann, der längst nicht mehr an Abenteuer glaubt. Henry Jackmans Partitur changiert zwischen Synth-Noir und kindlicher Wärme. Ryme City pulsiert im Neonlicht wie eine Großstadtvision aus anderen Dekaden. Warum aber verliert diese vielversprechende Konstellation im letzten Drittel ihre stilistische Fallhöhe?
Besetzung, Regie und Drehorte
Der 2019 erschienene Film „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ entstand unter der Regie von Rob Letterman in Koproduktion zwischen den USA und Japan. Das Drehbuch verfassten Letterman gemeinsam mit Dan Hernandez, Benji Samit und Derek Connolly. Als Produzenten zeichnen Mary Parent, Cale Boyter, Don McGowan und Hidenaga Katakami verantwortlich. Die Kamera führte John Mathieson, der Schnitt lag in den Händen von Mark Sanger und James Thomas. Produziert wurde das Projekt von Legendary Pictures, den weltweiten Vertrieb übernahm Warner Bros.
Die Hauptrolle des Tim Goodman übernahm Justice Smith. An seiner Seite agiert Ryan Reynolds, der über Motion Capture und Stimme dem titelgebenden Pikachu Leben einhaucht. Kathryn Newton verkörpert die junge Reporterin Lucy Stevens, Suki Waterhouse erscheint als Ms. Norman. In weiteren Rollen sind Omar Chaparro als Sebastian, Chris Geere als Roger Clifford, Ken Watanabe als Lieutenant Hide Yoshida und Bill Nighy als Howard Clifford zu sehen. Karan Soni, Rita Ora und Diplo runden das Ensemble ab.
Der Film läuft 104 Minuten und erhielt eine Altersfreigabe ab sechs Jahren. Die Kinopremiere fand in Japan am 3. Mai 2019 statt. In Deutschland startete er am 9. Mai, tags darauf in den USA. Die deutsche Synchronfassung entstand bei der Film- & Fernseh-Synchron nach Dialogbuch von Marius Clarén. Weltweit spielte die Produktion rund 450 Millionen US-Dollar ein.
Handlung & Inhalt vom Film „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“
Tim Goodman ist 21 Jahre alt und arbeitet bei einer Versicherung. Sein Kindheitstraum, Pokémon-Trainer zu werden, zerbrach jedoch am frühen Tod der Mutter. Seitdem lebt er eher zurückgezogen bei der Großmutter. Eines Tages erreicht ihn schließlich die Nachricht, dass sein Vater Harry bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Daraufhin reist Tim nach Ryme City, einer Metropole, in der Menschen und Pokémon gleichberechtigt zusammenleben. Dort will er zunächst den Nachlass seines Vaters ordnen. In Harrys leerer Wohnung begegnet er jedoch einem sprechenden Pikachu mit Detektivmütze. Allerdings kann nur Tim die Worte des kleinen Wesens verstehen. Gemeinsam stolpern sie schließlich in eine Verschwörung, deren Ausgangspunkt eine ominöse Phiole mit R-Gas bildet.
Kurz darauf attackiert eine Gruppe affenähnlicher Griffel das ungleiche Duo unter Einfluss dieses Gases. Zudem schließt sich die junge Reporterin Lucy Stevens den beiden an und führt sie anschließend zu den Docks der Stadt. Dort weist ihnen ein Pantimos schließlich den Weg zu einem illegalen Pokémon-Kampf. Allerdings greift sie dort ein ebenfalls vergiftetes Glurak an. Dessen Besitzer verrät ihnen daraufhin, dass das Gas von einer Person namens „Doktor“ stamme. Schließlich führt die Spur Tim und Pikachu zu Howard Clifford, dem im Rollstuhl sitzenden Gründer von Ryme City. Dieser offenbart ihnen schließlich, dass Harry Goodman den Unfall überlebt habe und stattdessen von einem mysteriösen Pokémon namens Mewtu entführt worden sei.
Der Verrat hinter der Fassade
Howard warnt zudem vor seinem eigenen Sohn Roger, der insgeheim die Kontrolle über die Stadt übernommen haben soll. Tim, Pikachu und Lucy dringen in das Forschungslabor ein, aus dem Mewtu entkommen ist. Dort entdecken sie die Wahrheit hinter der „Doktor“-Identität: Es ist die Forscherin Dr. Ann Laurent. Gemeinsam mit Harry und dem Detektiv Pikachu hatte sie Experimente an Mewtu durchgeführt. Drei Quajutsu verfolgen die Ermittler aus dem Labor. Erst Lucys Enton rettet sie aus einem gigantischen Chelterrar-Garten. Pikachu wird während der Flucht schwer verletzt. Einige Bisasam führen sie schließlich zu Mewtu, das den kleinen Detektiv heilt.
Bevor Mewtu die Wahrheit offenbaren kann, wird es von Roger Clifford gefangen genommen. Pikachu glaubt, Harry verraten zu haben, und trennt sich von Tim. An der Unfallstelle entdeckt er, dass nicht Mewtu, sondern Quajutsu den Wagen angegriffen hatten. Währenddessen startet in Ryme City eine große Pokémon-Parade. Tim erfährt von Howard dessen wahren Plan: Dieser will sein Bewusstsein mithilfe des R-Gases in Mewtus Körper übertragen. Anschließend sollen alle Menschen mit ihren Pokémon verschmelzen. Howard lässt das Gas aus Paradeballons strömen.
Pikachu kehrt zurück und setzt seine elektrischen Kräfte gegen das kontrollierte Mewtu ein. Tim deckt auf, dass der echte Roger längst weggesperrt und durch ein wandelfähiges Ditto ersetzt wurde. Gemeinsam gelingt es ihnen, Mewtu von Howards Einfluss zu befreien. Howard wird verhaftet, die Fusionen werden rückgängig gemacht. Mewtu offenbart, dass es Harry nach dem Unfall mit Pikachu verschmolzen hatte, um ihn zu heilen. Vaters Bewusstsein lebte die ganze Zeit im gelben Pokémon weiter. Tim entscheidet sich am Ende, in Ryme City zu bleiben und selbst Detektiv zu werden.
Filmkritik und Fazit zum Film „Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“
„Pokémon Meisterdetektiv Pikachu“ lebt von einer Spannung, die sein eigener Plot kaum einlöst. Die Inszenierung Rob Lettermans findet in den Nachtszenen von Ryme City eine visuelle Dichte, die an klassische Detektivkinos erinnert. John Mathiesons Kameraarbeit auf 35-Millimeter-Material verleiht der digital belebten Stadt eine körnige Materialität. Ryan Reynolds prägt mit seiner Stimme die Figur weit jenseits gewöhnlicher Voice-Performance. Justice Smith hingegen bleibt als Tim Goodman seltsam unbestimmt. Kathryn Newton wiederum schwankt zwischen überdrehter Komik und genre-bewusster Femme-fatale-Stilisierung.
Tempo und Rhythmus zeigen die deutlichsten Schwächen. Die Ermittlungen verlaufen weitgehend reaktiv, kaum eine Spur wird durch Deduktion erschlossen. Entscheidende Hinweise fallen den Figuren fast beiläufig in den Schoß. Henry Jackmans Score gleicht vieles aus, sein Synthesizer-Gespinst trägt emotionale Momente, die das Drehbuch versäumt. Die Animationsarbeit an den Pokémon selbst verdient höchste Anerkennung: Pikachus Fell, Entons Gefieder, Bisasams blättrige Textur wirken erstaunlich haptisch. Lediglich Glurak bleibt im Kampfszenen-Cameo ein visueller Fremdkörper, dessen Comic-Stilisierung die Realfilm-Illusion durchbricht.
Wer eine stringent konstruierte Detektivgeschichte erwartet, wird enttäuscht. Wer dagegen eine warmherzige Genre-Hybridisierung zwischen Noir-Ästhetik und Family-Entertainment sucht, findet hier solides Handwerk. Die Verschmelzung von realer Kulisse und animierten Wesen gelingt auf einem technischen Niveau, das Maßstäbe setzt. Für Genre-Liebhaber des Fantasy-Abenteuers ist der Film trotz dramaturgischer Nachlässigkeiten sehenswert. Seine visuellen Qualitäten übertreffen die Schwächen seines Skripts deutlich.