Enemy

Manche Filme erklären sich beim ersten Sehen. Andere verweigern die Antwort mit Absicht. Denis Villeneuves Mystery-Thriller „Enemy“ aus dem Jahr 2013 gehört zur zweiten Sorte. Der Kanadier inszeniert die freie Adaption von José Saramagos Roman „Der Doppelgänger“ als sepiagetöntes Labyrinth, in dem jede Orientierung trügerisch wirkt. Jake Gyllenhaal spielt zwei Männer, die einander zum Verwechseln gleichen. Die Frage, was hier real ist, bleibt das eigentliche Motiv.

Enemy
Dauer: 90 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2014
Kategorien: Mystery, Thriller
Regie: Denis Villeneuve
Produzenten: Miguel A. Faura, Niv Fichman
Hauptdarsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon
Nebendarsteller: Isabella Rossellini, Joshua Peace, Tim Post, Kedar Brown
Studio: Rhombus Media, Roxbury Pictures, Mecanismo Films, micro_scope, Entertainment One, Pathé

Villeneuve drehte den Film vor seinem Hollywood-Einstand mit „Prisoners“ in Toronto und Mississauga. Kameramann Nicolas Bolduc wählte eine vergilbte Farbpalette, die an die Politthriller der siebziger Jahre erinnert. Die brutalistischen Fassaden der Stadt verdichten sich zu einer klaustrophobischen Kulisse. Visuell dominiert eine Spinnen-Metaphorik, die im Roman nicht existiert. Sie durchzieht den Film wie ein pulsierendes Leitmotiv und führt zu einem der irritierendsten Schlussbilder des jüngeren Kinos. Wie deutet man eine solche Geste überhaupt?

Besetzung, Regie und Drehorte

Die Regie bei „Enemy“ führte Denis Villeneuve, der kurz zuvor mit „Polytechnique“ und „Die Frau, die singt“ international Aufmerksamkeit erregt hatte. Das Drehbuch stammt von Javier Gullón. Produziert wurde die spanisch-kanadische Koproduktion von Niv Fichman und M. A. Faura für Rhombus Media, micro_scope, Roxbury Pictures und Mecanismo Films. Daniel Bensi und Saunder Jurriaans komponierten den bedrohlich wummernden Score. Der Schnitt lag in den Händen von Matthew Hannam. Das Budget betrug knapp acht Millionen Euro.

In der Doppelrolle als Adam Bell und Anthony Claire ist Jake Gyllenhaal zu sehen. Mélanie Laurent verkörpert Adams Freundin Mary, Sarah Gadon übernimmt die Rolle der schwangeren Ehefrau Helen. Isabella Rossellini tritt in einem prägnanten Kurzauftritt als Adams Mutter auf. Weitere Nebenrollen besetzen Joshua Peace, Tim Post, Kedar Brown und Darryl Dinn. Die Doppelgänger-Szenen realisierte das kanadische Studio Rodeo FX mit rund 60 Effekteinstellungen, bei denen Gyllenhaal gegen einen Tennisball agierte.

Die Laufzeit beträgt 90 Minuten, die deutsche Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Gedreht wurde zwischen Mai und Juli 2012 unter anderem in den CineSpace Film Studios und auf dem Scarborough Campus der University of Toronto. Die Weltpremiere fand am 8. September 2013 auf dem Toronto International Film Festival statt. In Deutschland startete der Film am 22. Mai 2014 im Verleih von capelight pictures.

Handlung & Inhalt vom Film „Enemy“

Zunächst führt die erste Szene in einen exklusiven Nachtclub. Dort tanzt auf einer Bühne eine nackte Frau, bevor sie schließlich eine Vogelspinne mit ihrem High Heel bedroht, während der Kontext bewusst offen bleibt. Anschließend lernen wir Geschichtsprofessor Adam Bell kennen, der wiederum ein eintöniges Leben in Toronto führt. Dabei bestehen seine Tage aus Vorlesungen, während seine Abende wiederum aus wortkargem Sex mit seiner Freundin Mary bestehen. Daraufhin empfiehlt ihm ein Kollege einen lokalen Independentfilm. Infolgedessen entdeckt Adam in einer Nebenrolle einen Statisten, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, wodurch er zunehmend den Schlaf verliert.

Daraufhin spürt Adam die Agentur des Schauspielers auf. Zunächst verwechselt der Portier ihn mit dem Darsteller, sodass er ihm irrtümlich einen vertraulichen Brief aushändigt. Als Ergebnis liest Adam den Namen Anthony Claire. Daraufhin wählt er die Nummer, und schließlich meldet sich Helen, Anthonys schwangere Ehefrau, die wiederum glaubt, die Stimme ihres Mannes zu hören. Anschließend kommt es beim zweiten Anruf zum direkten Gespräch zwischen den beiden Männern. Währenddessen sucht Helen Adam an seinem Arbeitsplatz auf, da sie eine Affäre vermutet, und folglich erkennt sie erschüttert die verblüffende Ähnlichkeit. Gleichzeitig träumt Adam nachts von einer Frau mit Spinnenkopf.

Der Tausch und seine Folgen

Im weiteren Verlauf treffen sich die beiden Männer schließlich in einem Vorstadthotel. Dabei stellen sie überraschend fest, dass sie bis ins letzte Detail identisch sind. Danach überreicht Adam Anthony den Brief, woraufhin dieser verunsichert seine Mutter aufsucht. Dort wiederum beruhigt sie ihn und betont, dass er ihr einziger Sohn sei. Parallel dazu zeigt eine surreale Einstellung eine riesige Spinne über der Skyline von Toronto. Gleichzeitig beginnt Anthony, Mary heimlich zu beobachten, wodurch er sich zunehmend zu ihr hingezogen fühlt und schließlich einen Plan schmiedet.

In der Folge konfrontiert Anthony Adam mit dem Vorwurf, dieser habe mit Helen geschlafen. Daraufhin verlangt er einen Rollentausch für ein Wochenende mit Mary, worauf Adam widerwillig eingeht. Während Anthony also mit Mary verreist, fährt Adam gleichzeitig zu dessen Wohnung. Dort lässt ihn der Portier ein und deutet erneut einen Stammgast-Status im Nachtclub an. Währenddessen bemerkt Helen den Tausch sofort, woraufhin Adam sie um Verzeihung bittet und schließlich bei ihr übernachtet.

Gleichzeitig spürt Mary die Täuschung ebenfalls, sodass sie den Geschlechtsverkehr abrupt abbricht und die Rückfahrt verlangt. Daraufhin eskaliert der Streit im Auto zwischen ihr und Anthony, wodurch das Fahrzeug schließlich ins Schleudern gerät und gegen einen Pfeiler prallt. Infolgedessen sterben beide. Danach übernimmt Adam Anthonys Leben an Helen’s Seite. Schließlich öffnet er den vertraulichen Brief und findet darin einen Schlüssel zum Nachtclub. Als er schließlich Helen sucht, erscheint ihm erneut die riesige Vogelspinne, die jedoch vor ihm zurückweicht, während sein Blick enttäuscht verharrt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Enemy“

Villeneuve gelingt mit „Enemy“ ein Kunststück der Verweigerung. Der Film nimmt dem Zuschauer jede Orientierung und gewinnt genau dadurch seine hypnotische Kraft. Gyllenhaal trägt die Doppelrolle mit beeindruckender Präzision, weil er zwei sehr verschiedene Versionen desselben Gesichts zeichnet. Adam wirkt hängend, scheu, fast entleert. Anthony tritt mit Schultern nach hinten auf, selbstbewusst, dominant. Die Effektarbeit verschwindet dahinter vollständig. Man glaubt jedem geteilten Bild.

Bolducs Kameraarbeit und das Szenenbild von Patrice Vermette schaffen eine Stadt, die nicht Toronto sein will, sondern ein psychischer Zustand. Brutalistische Betonwände drücken die Figuren zusammen, der gelbbraune Schleier legt sich wie Staub über jede Einstellung. Bensi und Jurriaans untermalen das Geschehen mit einem Score, der mehr Vibration als Melodie ist. Das Tempo ist langsam, bewusst. Wer erzählerische Klarheit erwartet, wird enttäuscht. Wer sich auf Assoziation einlässt, wird belohnt.

Die Spinnen-Metaphorik ist mutig gesetzt und bleibt deutungsoffen. Manche Einstellungen wirken überzeichnet, doch sie prägen sich unauslöschlich ein. Für Freunde des intellektuellen Mystery-Thrillers zwischen Lynch und Cronenberg ist dieser Film ein kleines Ereignis. Wer klare Auflösungen braucht, sollte weiterziehen. Alle anderen bekommen eine der eigenwilligsten Doppelgänger-Studien des jüngeren Kinos.

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