Der Leuchtturm
Manche Filme wirken wie Beschwörungen. Sie rufen etwas herauf, das älter ist als das Kino selbst, älter auch als die Geschichten, die es erzählt. Robert Eggers gelingt mit „Der Leuchtturm“ genau dieser Zugriff auf ein archaisches Register. Sein zweiter Spielfilm riecht nach Salz, Tran und Rum. Er klingt nach Nebelhorn, Möwenschrei und berstender Gischt. Und er sieht aus wie ein Stummfilm, den jemand aus dem Schlamm einer anderen Zeit gezogen hat.

| Dauer: | 109 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2019 |
| Kategorien: | Fantasy, Horror |
| Regie: | Robert Eggers |
| Produzenten: | Jay Van Hoy, Youree Henley, Lourenço Sant'Anna, Rodrigo Teixeira, Robert Eggers |
| Hauptdarsteller: | Robert Pattinson, Willem Dafoe, Valeriia Karaman |
| Nebendarsteller: | Logan Hawkes, Kyla Nicolle, Shaun Clarke, Pierre Richard |
| Studio: | RT Features, Parts & Labor, A24, Regency Enterprises |
Dabei ist das Setting denkbar schlicht. Zwei Männer, ein Turm, eine Insel, vier Wochen Dienst. Was Eggers daraus macht, ist eine Studie über Macht, Einsamkeit und die Porosität der Wirklichkeit. Die Bilder sind kantig, die Dialoge rauschen in einem Seemannsidiom, das sich der Verständlichkeit verweigert. Der Zuschauer bleibt gefangen zwischen Dampfmaschine und Meereshorizont. Wird er den Verstand dort wiederfinden, wo die Figuren ihn verlieren?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie bei dem Film „Der Leuchtturm“ führte Robert Eggers, der zusammen mit seinem Bruder Max Eggers auch das Drehbuch verfasste. Die Inspiration schöpften die beiden aus einem Fragment von Edgar Allan Poe sowie aus Passagen von Herman Melville und der Maine-Autorin Sarah Orne Jewett. Für die Kamera zeichnete Jarin Blaschke verantwortlich, für die Musik Mark Korven. Beide hatten bereits an Eggers‘ Debüt „The Witch“ aus dem Jahr 2015 mitgewirkt. Produziert wurde der Film unter anderem von Rodrigo Teixeira und Lourenço Sant’Anna für RT Features, mit dem Studio A24 als Vertrieb.
In der Rolle des alten Leuchtturmwärters Thomas Wake agiert Willem Dafoe, der für seine Darstellung unter anderem bei den Independent Spirit Awards 2020 als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde. Robert Pattinson verkörpert seinen jüngeren Kollegen Ephraim Winslow, dessen wahre Identität sich im Lauf der Handlung als Thomas Howard enthüllt. Die titelgebende Sirene aus Ephraims Visionen spielt Valeriia Karaman. Die deutsche Synchronfassung entstand unter der Dialogregie von Christoph Cierpka bei der Interopa Film GmbH in Berlin. Johannes Raspe spricht Pattinson, Reiner Schöne leiht Dafoe seine Stimme.
Gedreht wurde im Frühjahr 2018 in Nova Scotia, vor allem auf der baumlosen Halbinsel Cape Forchu. Dort ließ das Team einen zwanzig Meter hohen, funktionstüchtigen Leuchtturm errichten. Die Laufzeit beträgt 109 Minuten, die Altersfreigabe FSK 16. Die Weltpremiere fand 2019 in Cannes statt, wo Eggers den FIPRESCI-Preis der Quinzaine des Réalisateurs erhielt. Für die Kamera folgte eine Oscar-Nominierung.
Handlung & Inhalt vom Film „Der Leuchtturm“
Ende des 19. Jahrhunderts treten zwei Männer ihren Dienst auf einer kahlen Felseninsel an der Spitze Nova Scotias an. Dort empfängt Thomas Wake, ein früherer Seemann mit einer Beinverletzung unklarer Herkunft, seinen neuen Gehilfen Ephraim Winslow. Winslow, ein ehemaliger Holzfäller aus Kanada, soll zunächst vier Wochen bleiben. Während Wake das Licht und die Küche zur eigenen Zuständigkeit erklärt, verbringt er die Nächte im Turm allein, obwohl das gegen die Vorschrift verstößt. Dem jüngeren Mann weist er dagegen die Drecksarbeit zu: Kohle schleppen, die Dampfmaschine füttern, Nachttöpfe leeren, Hummer fangen, putzen und flicken. Zudem verfolgt eine einäugige Möwe Winslow ständig bei der Arbeit. Irgendwann erschlägt er sie schließlich im Affekt.
Unterdessen wächst der Groll. Winslow ärgert sich sowohl über das Verbot, den Turm zu betreten, als auch über Wakes Erzählungen. Denn dessen Vorgänger soll dem Wahnsinn erlegen sein. Zudem ödet ihn die Hummerkost an, während die Schikanen seines Vorgesetzten ihn zunehmend aufreiben. Dann zieht kurz vor dem Ende der Dienstzeit ein schwerer Sturm herauf. Dadurch wird das Verlassen der Insel unmöglich. Während die Vorräte schwinden, liegen auch die Nerven zunehmend blank. Wake wird vulgär, Winslow dagegen immer misstrauischer. Gemeinsames Trinken erzeugt zwar kurze, jedoch brüchige Intimität. In einer dieser Nächte gibt Winslow schließlich preis, dass sein wirklicher Name Thomas Howard lautet und er die Identität eines ertrunkenen Holzfällers angenommen hat.
Der Weg in den Mahlstrom
Schließlich versucht Howard, die Insel in einem Ruderboot zu verlassen. Doch Wake überrascht ihn und zerstört das Boot mit einer Axt. Zurück in der Hütte behauptet er wiederum, Howard selbst habe es zertrümmert. In der Nacht reißt dann eine Monsterwelle das Wohngebäude auf. Am nächsten Morgen findet Howard schließlich das Logbuch seines Vorgesetzten. Darin bewertet Wake ihn durchweg negativ und empfiehlt zudem, ihn ohne Lohn zu entlassen. Daraufhin stellt Howard Wake zur Rede. Schließlich eskaliert der Streit zum Handgemenge, aus dem der Jüngere als Sieger hervorgeht.
Anschließend führt Howard Wake wie einen Hund an einer Leine durch die Gewalt des Sturms. Am Leuchtturm drängt er ihn schließlich in das Loch der früheren Schnapsvorräte und beginnt, ihn lebendig zu begraben. Danach nimmt er den Schlüssel zur Laternenkammer an sich. Auf dem Weg nach oben verletzt Wake ihn jedoch mit einer Axt an der Schulter. Im anschließenden Kampf tötet Howard schließlich seinen Peiniger. Damit liegt der Weg zum Licht nun offen.
In der Laternenkammer öffnet sich die Fresnel-Linse schließlich für ihn wie eine Blüte. Howard gerät daraufhin in Ekstase, greift fasziniert in das gleißende Licht und beginnt zu schreien. Dann stürzt er die Wendeltreppe hinab. Die letzte Einstellung zeigt ihn schließlich nackt und geblendet an der Küste liegend. Während mehrere Möwen seine Gedärme auseinanderpicken, rauscht die Brandung um ihn herum. Vom Leuchtturm selbst ist dagegen im Schlussbild nichts mehr zu sehen. Ob er jemals real war, bleibt deshalb offen. Die Insel hat ihn verschluckt oder ihn vielleicht auch nie besessen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der Leuchtturm“
Was Robert Eggers in „Der Leuchtturm“ betreibt, ist weniger Regie als kontrollierte Beschwörung. Jarin Blaschkes Kamera arbeitet im nahezu quadratischen 1,19:1-Format und im scharfen Schwarzweiß. Daraus entsteht eine visuelle Enge, die den Raum zum Komplizen des Konflikts macht. Mark Korvens Score verschmilzt mit dem Brummen des Nebelhorns und dem Kreischen der Möwen zu einer einzigen, ununterbrochenen Tonfläche. Dafoe und Pattinson führen einen Zweikampf, der an elisabethanisches Theater erinnert. Ihre Dialoge rauen die Ohren des Publikums auf, bevor sie den Verstand erreichen.
Die Inszenierung verweigert sich dem Horror der Effekte. Kein Sprungmoment unterbricht den Sog, keine Musik signalisiert Gefahr. Stattdessen setzt Eggers auf Dauer und Wiederholung. Das Tempo ist behäbig, die Bildsprache von expressionistischer Prägnanz. Manche Passagen ziehen sich, etwa die langen Tiraden Wakes am Tisch. Dafür entschädigen Bilder von bezwingender Wucht: die brechende Welle über der Hütte, das geöffnete Auge der Fresnel-Linse, der nackte Körper zwischen den Möwen. Das Drehbuch bleibt dabei konsequent ambivalent.
Wer klassischen Genre-Horror mit klarer Auflösung erwartet, wird den Film als hermetisch empfinden. Wer sich auf den Rausch einlässt, bekommt ein seltenes Exemplar zeitgenössischen Kinos. Es verbindet Melville-Pathos, Poe-Schauer und Stummfilm-Ästhetik zu einer eigenen Sprache. Für Freunde anspruchsvollen Horrors und atmosphärischer Kammerspiele ist das Werk eine klare Empfehlung.