Swades – Heimat
Manche Filme erzählen vom Weggehen, andere vom Ankommen. Ashutosh Gowarikers „Swades – Heimat“ aus dem Jahr 2004 wählt einen dritten Weg. Er schildert die Bewegung zwischen zwei Welten als inneren Prozess. Der NASA-Ingenieur Mohan Bhargava verlässt seine amerikanische Erfolgsgeschichte, um eine Kinderfrau heimzuholen. Stattdessen entdeckt er ein Land, das ihm fremd geworden ist. Was als biografische Pflicht beginnt, verwandelt sich in eine leise, beinahe dokumentarische Selbstbefragung.

| Dauer: | 187 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2004 |
| Kategorien: | Drama, Komödie |
| Regie: | Ashutosh Gowariker |
| Produzenten: | Ashutosh Gowariker |
| Hauptdarsteller: | Shah Rukh Khan, Gayatri Joshi, Kishori Balal |
| Nebendarsteller: | Smit Sheth, Lekh Tandon, Rajesh Vivek, Daya Shankar Pandey |
| Studio: | Ashutosh Gowariker Productions, UTV Motion Pictures, Dillywood |
Im Gegensatz zu vielen Bollywood-Produktionen der Nullerjahre verzichtet der Film auf Eskapismus. Gowariker inszeniert die indische Dorfrealität ohne Verklärung und ohne reißerischen Affekt. Armut, Kastenwesen und Analphabetismus erscheinen als politische Fragen, nicht als folkloristische Kulisse. Shah Rukh Khan spielt gegen sein Image des romantischen Schwärmers an. Die Musik A. R. Rahmans trägt diese Haltung mit zurückhaltender Eleganz. Warum also blieb dieses vielschichtige Werk an den indischen Kinokassen hinter den Erwartungen zurück?
Besetzung, Regie und Drehorte
Regie, Produktion und Drehbuch des Films „Swades – Heimat“ liegen in den Händen von Ashutosh Gowariker, der das Skript gemeinsam mit M.G. Sathya verfasste. Vorlage waren zwei Episoden der Zee-TV-Serie Vaapsi sowie reale Begegnungen mit dem indisch-amerikanischen Ehepaar Aravinda Pillalamarri und Ravi Kuchimanchi. Die Kamera führte Mahesh Aney, für den Schnitt zeichnete Ballu Saluja verantwortlich. Die musikalische Komposition lieferte A. R. Rahman, die Liedtexte stammen von Javed Akhtar. Oscar-Preisträgerin Bhanu Athaiya gestaltete die Kostüme.
In der männlichen Hauptrolle ist Shah Rukh Khan als Mohan Bhargava zu sehen. Zuvor hatten sowohl Aamir Khan als auch Hrithik Roshan das Projekt abgelehnt. An seiner Seite debütiert Gayatri Joshi als Dorflehrerin Gita. Die Rolle der Kaveriamma übernahm Kishori Balal, als Fakir ist Makrand Deshpande zu erleben. Daya Shankar Pandey spielt den Rikscha-Fahrer Mela Ram. In einer Nebenrolle tritt Peter Rawley als NASA-Kollege John Stockton auf. Die Dorfszenen entstanden überwiegend im maharashtrischen Menawali.
Mit einer Laufzeit von 187 Minuten und einer Freigabe ab null Jahren richtet sich der Film an ein breites Publikum. Bei den 50. Filmfare Awards gewann Shah Rukh Khan die Auszeichnung als bester Hauptdarsteller, Rahman erhielt den Preis für die beste Filmmusik. Gayatri Joshi wurde mehrfach als beste Newcomerin gewürdigt. Als erste indische Produktion durfte das Team innerhalb des Kennedy Space Centers drehen.
Handlung & Inhalt vom Film „Swades – Heimat“
Mohan Bhargava führt in Washington ein Leben, das nach außen keine Wünsche offenlässt. Als Projektmanager der NASA betreut er mit dem Global Precipitation Measurement einen Satelliten, zudem ist seine Einbürgerung in die Vereinigten Staaten bereits bewilligt. Dennoch beschäftigen ihn seit Monaten Gedanken an seine ehemalige Kinderfrau Kaveriamma, die nach dem Unfalltod seiner Eltern zu seiner wichtigsten Bezugsperson wurde. Allerdings ist der Kontakt längst abgebrochen, was in ihm zunehmend Schuldgefühle auslöst. Folglich beantragt er zwei Wochen Urlaub, um sie in die USA zu holen.
In Delhi angekommen, erfährt er jedoch überraschend, dass Kaveriamma das Altenheim verlassen hat. Stattdessen hat eine junge Frau namens Gita sie ins Dorf Charanpur gebracht. Daraufhin macht sich Mohan mit einem gemieteten Wohnmobil auf den Weg dorthin. Dort angekommen, findet er nicht nur seine Kinderfrau wieder, sondern außerdem Gita, eine frühere Bekannte aus Jugendtagen, die inzwischen die örtliche Grundschule leitet. Gleichzeitig erkennt er, dass das Dorf von Armut, unzuverlässiger Stromversorgung und tiefem Misstrauen gegenüber Bildung geprägt ist.
Zwischen Kaste, Kampf und Kraftwerk
Im weiteren Verlauf wird Mohan zunehmend mit den gesellschaftlichen Strukturen konfrontiert. Einerseits stößt er auf das weiterhin wirksame Kastenwesen, andererseits auf die Angst vieler Familien, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Währenddessen stellt der Dorfrat Gita ein Ultimatum, da die Schule verlegt werden soll. Parallel dazu entwickelt sich zwischen Mohan und Gita eine wachsende gegenseitige Anerkennung, insbesondere als sie ihren Beruf trotz Heiratsdruck nicht aufgibt.
Schließlich intensiviert Mohan seine Bemühungen, neue Schüler zu gewinnen, wobei er immer stärker an die Grenzen traditioneller Denkweisen stößt. Gleichzeitig führt ihn eine Reise zu Haridas, dessen Schicksal seine Sichtweise nachhaltig verändert. Infolgedessen widerspricht er beim Dashahara-Fest offen den Dorfbewohnern und kritisiert ihre Selbsttäuschung. Daraufhin schlägt er ein Wasserkraftprojekt vor, das schließlich umgesetzt wird und das Dorf verändert.
Letztlich gelingt das Projekt, und Mohan gewinnt sowohl den Respekt der Dorfgemeinschaft als auch die Zuneigung Gitas. Obwohl die NASA ihn zurückruft, entscheidet er sich bewusst gegen eine Rückkehr in die USA. Stattdessen reist er zunächst schweren Herzens ab, kehrt jedoch schließlich endgültig nach Charanpur zurück. Somit endet seine Reise nicht in Amerika, sondern in einer selbstgewählten Heimat.
Filmkritik und Fazit zum Film „Swades – Heimat“
Gowarikers „Swades – Heimat“ lebt von einem Regieansatz, der die üblichen Bollywood-Reflexe konsequent herunterregelt. Die Kamera von Mahesh Aney folgt den Figuren in ruhigen Einstellungen, ohne die Armut pittoresk auszuschlachten. Shah Rukh Khan verzichtet weitgehend auf seine ikonischen Gesten und findet in den Gesprächen mit Gita einen getragenen, beinahe meditativen Ton. Gayatri Joshi balanciert ihr Spiel zwischen Eigensinn und Zuneigung. In der Begegnung mit dem Weber Haridas wird die dramaturgische Fallhöhe am deutlichsten. Das Drehbuch zeigt Haltung, ohne in Predigt abzugleiten.
Das Tempo ist für westliche Sehgewohnheiten ungewöhnlich; dennoch fordert der Film mit fast 187 Minuten Geduld, die er jedoch zugleich mit einer dichten Atmosphäre belohnt. Außerdem arbeitet der Score von A. R. Rahman mit bewusst spärlichen Motiven, wodurch eine ruhige, aber nachhaltige musikalische Spannung entsteht. Darüber hinaus verbindet die Nummer „Yeh Tara Woh Tara“ Unterhaltung und Aufklärung in einer choreografischen Versöhnungsgeste, während zugleich die Szene der abgebrochenen Freiluftkinovorführung als kluges Selbstkommentar des Mediums überzeugt. Dabei wird die Leinwand zwischen den Kasten zerrissen und verstärkt so die gesellschaftliche Spannung visuell, wohingegen einzelne Dialoge durch ihre Ausführlichkeit eher erklären als subtil wirken.
Als Feelgood-Movie ist dieser Film zu nüchtern, als Traktat zu künstlerisch durchdacht. Er findet eine dritte Position zwischen Unterhaltung und Ideendrama. Wer Bollywood ausschließlich als Spektakel sucht, wird womöglich ungeduldig. Wer bereit ist, sich auf einen leisen, argumentativ geführten Film einzulassen, erlebt ein frühes Meisterwerk des reflektierten Hindi-Kinos. Für Liebhaber sozial wacher Gegenwartsstoffe ist er eine lohnende Entdeckung.