Es war einmal in Amerika
Manche Filme sind Werke, andere sind Vermächtnisse. Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ gehört zur zweiten Kategorie. Der italienische Regisseur arbeitete über ein Jahrzehnt an diesem Projekt, ehe es 1984 in Cannes seine Premiere feierte. Es sollte sein letzter Film werden. Was entstanden ist, sprengt die Grenzen des Gangsterfilms und bewegt sich an den Rändern dessen, was Kino erzählen kann. Hier verschmilzt Erinnerung mit Fiktion, Nostalgie mit bitterer Abrechnung.

| Dauer: | 229 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 1984 |
| Kategorien: | Krimi, Thriller |
| Regie: | Sergio Leone |
| Produzenten: | Arnon Milchan |
| Hauptdarsteller: | Robert De Niro, James Woods, Elizabeth McGovern |
| Nebendarsteller: | Joe Pesci, Burt Young, Tuesday Weld, Treat Williams |
| Studio: | Embassy International Pictures, PSO, The Ladd Company, Rafran Cinematografica |
Der Film entzieht sich einer linearen Lesart und verweigert jede bequeme Einordnung. Drei Zeitebenen – 1922, 1933 und 1968 – liegen wie Palimpseste übereinander, verweben sich zu einem Gewebe aus Schuld, Sehnsucht und Selbsttäuschung. Leone inszeniert keine chronologische Chronik. Er inszeniert die Architektur eines Gewissens. Über 229 Minuten lang führt er sein Publikum durch die Gänge einer Erinnerung, deren Wahrheit am Ende offenbleibt. Ist das Erzählte Realität oder Opiumrausch?
Besetzung, Regie und Drehorte
Sergio Leone führte bei dem italienisch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekt „Es war einmal in Amerika“ aus dem Jahr 1984 Regie und war zugleich einer von sechs Drehbuchautoren. Als Vorlage diente der autobiografische Roman „The Hoods“ von Harry Grey, wobei Leone lediglich rund ein Fünftel des Romanstoffs übernahm. Die Kamera führte Tonino Delli Colli, den Schnitt verantwortete Nino Baragli. Die Musik komponierte Ennio Morricone, Leones langjähriger Weggefährte. Viele Stücke entstanden vor den Dreharbeiten und prägten die Bildgestaltung entscheidend mit.
Robert De Niro verkörpert den erwachsenen David „Noodles“ Aaronson, dessen jüngere Version Scott Tiler gibt. James Woods spielt den verschlagenen Maximilian „Max“ Bercovicz, den jungen Max übernahm Rusty Jacobs. Elizabeth McGovern und Jennifer Connelly teilen sich die Rolle der Deborah Gelly, Noodles‘ Jugendliebe. Im Ensemble finden sich zudem Joe Pesci als Frankie Minaldi, Burt Young, Tuesday Weld, Treat Williams sowie Danny Aiello. Larry Rapp spielt den treuen „Fat Moe“ Gelly.
Die europäische Kinofassung umfasst 229 Minuten, der von Martin Scorsese initiierte Extended Director’s Cut erreicht 251 Minuten. In Deutschland gilt seit 2003 eine FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der British Academy Film Award für beste Filmmusik. Bei den Golden Globes erhielt er Nominierungen für Regie und Musik.
Handlung & Inhalt vom Film „Es war einmal in Amerika“
New York City, 1922. In der Lower East Side wächst der jüdische Junge David Aaronson heran, den alle nur Noodles nennen. Gemeinsam mit Patsy, Cockeye und dem kleinen Dominic zieht er durch die Gassen des Viertels, wobei sie Betrunkene ausrauben und Handlangerdienste für den örtlichen Gangster Bugsy erledigen. Eines Tages kreuzt Max Bercovicz ihren Weg, und aus der anfänglichen Rivalität entwickelt sich schließlich eine enge Freundschaft. Zugleich verliert Noodles sein Herz an Deborah, die Schwester seines Freundes Fat Moe. Sie erwidert zwar seine Gefühle, träumt jedoch von einer Karriere als Schauspielerin und hält ihn deshalb auf Distanz.
Die Jungen entwickeln schließlich eine raffinierte Methode, um den Alkoholschmuggel vor der Polizei zu tarnen. Dafür beschweren sie die Ladungen mit Salzsäcken und luftgefüllten Bällen, sodass die Ware nach dem Versenken wieder auftaucht. Der Erfolg macht sie jedoch zunehmend kühner. Als Bugsy ihnen erneut begegnet, eskaliert deshalb die Situation. Der Gangster erschießt den kleinen Dominic, woraufhin Noodles die Kontrolle verliert. Er ersticht Bugsy und anschließend auch einen Polizisten. Zwölf Jahre Gefängnis sind die Folge. Während seiner Haft bauen die verbliebenen Freunde unterdessen ein florierendes Netzwerk aus Speakeasy, Bordell und Schmuggel auf.
Verrat, Verlust und die späte Wahrheit
1932 holt Max den entlassenen Noodles schließlich am Gefängnistor ab. Die alten Freunde kehren daraufhin zu ihren Geschäften zurück, doch ihre Wege beginnen sich allmählich zu trennen. Max will nämlich höher hinaus, strebt nach politischem Einfluss und plant außerdem einen Raubzug auf die Federal Reserve Bank. Noodles hält das jedoch für Wahnsinn. Gemeinsam mit Max‘ Freundin Carol entscheidet er sich deshalb für einen anonymen Anruf bei der Polizei. Er will die Freunde lediglich verhaften lassen und sie damit vor dem sicheren Tod bewahren. Doch der Plan schlägt fehl, denn bei der anschließenden Schießerei sterben scheinbar alle.
Von Schuldgefühlen zerfressen, flieht Noodles daraufhin in eine Opiumhöhle in Chinatown. Anschließend taucht er unter und lebt fortan unter falschem Namen. Als er 35 Jahre später jedoch einen mysteriösen Brief erhält, kehrt er nach New York zurück. Am Grab seiner Freunde findet er schließlich einen Schlüssel, der zu einem Koffer voller Geld führt – einem Vorschuss für einen unbekannten Auftrag. Auf einer Party trifft er wenig später auf Staatssekretär Bailey und erkennt in ihm schließlich den totgeglaubten Max.
Max offenbart schließlich die ganze Wahrheit. Er hatte Noodles damals manipuliert, seinen eigenen Tod mit einer verbrannten Leiche vorgetäuscht und außerdem das Geld der Bande an sich gerissen. Mit einer neuen Identität stieg er danach politisch auf und gewann sogar Deborah für sich. Nun, da seine Karriere im Skandal zu versinken droht, bittet Max seinen alten Freund darum, ihn zu erschießen. Noodles verweigert sich jedoch dieser letzten Bitte und verlässt stattdessen das Anwesen. Kurz darauf rollt ein Müllwagen heran, während Max plötzlich verschwindet. Der Film endet schließlich mit einem Grinsen im Opiumnebel – und offen bleibt, was jemals wirklich geschah.
Filmkritik und Fazit zum Film „Es war einmal in Amerika“
Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ ist ein Film über das Vergehen der Zeit, eingefangen in Bildern von schmerzhafter Präzision. Tonino Delli Collis Kamera verwandelt die Lower East Side in einen Sehnsuchtsort, dessen Ziegelsteine förmlich nach Geschichte riechen. Robert De Niro spielt Noodles mit einer nach innen gerichteten Intensität, die jedem Blick, jeder Pause Gewicht verleiht. James Woods gibt seinen Max als gefährlich schillernde Gegenfigur. Das Drehbuch verweigert sich jeder Eindeutigkeit und macht gerade diese Verweigerung zum Programm.
Ennio Morricones Musik ist weniger Begleitung als zweite Erzählstimme. Das Panflötenmotiv von „Deborah’s Theme“ webt sich in die Bildgestaltung ein, als sei es schon immer dagewesen. Leones Erzähltempo ist langsam, bisweilen meditativ, fordert Geduld und belohnt sie mit Tiefe. Die Zeitsprünge irritieren zunächst, entwickeln aber eine eigene Logik, die sich aus der Struktur der Erinnerung speist. Problematisch bleiben die Vergewaltigungsszenen, deren Inszenierung aus heutiger Sicht verstörend ungebrochen wirkt und keine moralische Distanzierung zulässt.
Für Liebhaber des Gangster-Epos führt an Leones Vermächtnis kein Weg vorbei. Der Film verlangt Zeit und Konzentration, zahlt diese Investition jedoch mit einer erzählerischen Dichte zurück, die im Genre ihresgleichen sucht. Wer nach schneller Action sucht, wird enttäuscht. Wer sich auf Leones Tempo einlässt, erlebt Kino als große Form. Eine unbedingte Empfehlung für alle, die Filmgeschichte nicht nur konsumieren, sondern verstehen möchten.