Die zwölf Geschworenen

Ein schwüler Nachmittag in Manhattan, ein fensterloser Raum, zwölf Männer. Was als Routineberatung beginnt, verdichtet sich zu einem der radikalsten Kammerspiele der Filmgeschichte. Sidney Lumets Debütfilm „Die zwölf Geschworenen“ aus dem Jahr 1957 braucht keine Schauplätze, keine Rückblenden, keine Musikuntermalung. Ein Tisch genügt, ein Ventilator, der nicht funktioniert. Und die Stimme eines einzelnen Mannes, der nicht zustimmen will.

Die zwölf Geschworenen
Dauer: 96 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 1957
Kategorien: Krimi, Thriller
Regie: Sidney Lumet
Produzenten: Henry Fonda, Reginald Rose
Hauptdarsteller: Martin Balsam, John Fiedler, Lee J. Cobb
Nebendarsteller: E.G. Marshall, Jack Klugman, Edward Binns, Jack Warden
Studio: Orion-Nova Productions

Der Film verhandelt mehr als einen Mordprozess. Er verhandelt die Mechanismen, mit denen ein Kollektiv Wahrheit herstellt. Vorurteil, Bequemlichkeit, persönliche Verletzung – all das sitzt mit am Tisch. Lumet hält die Kamera auf die Gesichter, nicht auf die Akten. Dabei entsteht ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft in Miniatur, destilliert auf vierundneunzig Minuten. Ist das Urteil am Ende wirklich ein Freispruch, oder nur die Verschiebung einer Ungewissheit auf die nächste Instanz?

Besetzung, Regie und Drehorte

Regie in dem Film „Die zwölf Geschworenen“ führte Sidney Lumet, damals zweiunddreißig Jahre alt und ohne Kinoerfahrung. Das Drehbuch stammt von Reginald Rose, der die Geschichte bereits 1954 als einstündiges Fernsehspiel für die Reihe Studio One verfasst hatte. Für die Kinofassung erweiterte Rose den Stoff um rund dreißig Minuten. Henry Fonda fungierte als Ko-Produzent und brachte privates Kapital in das Projekt ein. Kameramann Boris Kaufman, bereits oscarprämiert, verantwortete die Bildgestaltung. Kenyon Hopkins komponierte die sparsame Musik, den Schnitt übernahm Carl Lerner.

Fonda spielt den Geschworenen Nr. 8, den ruhigen Architekten mit Zweifeln. Ihm gegenüber steht Lee J. Cobb als Nr. 3, ein aufbrausender Kleinunternehmer mit verdrängter Wut. E. G. Marshall verkörpert den kühlen Börsenmakler Nr. 4, Ed Begley den rassistischen Tankstellenbetreiber Nr. 10. Jack Warden gibt den gleichgültigen Handelsvertreter, Martin Balsam den zögerlichen Vorsitzenden. Joseph Sweeney und George Voskovec waren bereits in der Fernsehfassung von 1954 dabei. In der Besetzung von „Die zwölf Geschworenen“ findet sich keine einzige Frau.

Die Laufzeit beträgt sechsundneunzig Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 12. Gedreht wurde ausschließlich in New York, mit einem Budget von rund 337.000 Dollar. Auf der Berlinale 1957 gewann Lumet den Goldenen Bären. Drei Oscar-Nominierungen folgten, darunter Bester Film und Beste Regie. 2007 nahm das National Film Registry das Werk in seine Sammlung auf.

Handlung & Inhalt vom Film „Die zwölf Geschworenen“

Ein achtzehnjähriger Puerto-Ricaner aus den New Yorker Slums steht unter Mordverdacht. Er soll nämlich seinen Vater mit einem Springmesser erstochen haben. Nach sechs Verhandlungstagen ziehen sich deshalb die zwölf Geschworenen zur Beratung zurück. Das Urteil muss einstimmig fallen, während bei Schuldspruch der elektrische Stuhl droht. Zwei Zeugenaussagen scheinen dabei die Täterschaft zu belegen. Eine Nachbarin will den Mord durch ein Fenster beobachtet haben. Zudem will ein alter Mann aus der Wohnung darunter die Drohung gehört und den Jungen flüchten gesehen haben. Der Fall wirkt daher eindeutig.

In der ersten Abstimmung votieren elf Männer für schuldig. Nur Geschworener Nr. 8, ein Architekt, meldet dagegen Zweifel an. Dabei behauptet er nicht die Unschuld des Jungen. Vielmehr verlangt er lediglich, den Fall noch einmal durchzugehen. Die anderen reagieren darauf mit Unverständnis, manche sogar mit offener Aggression. Draußen staut sich währenddessen die Sommerhitze, der Ventilator bleibt stumm. Nr. 8 führt schließlich ein identisches Springmesser vor und durchbricht damit das Argument der angeblichen Einzigartigkeit der Tatwaffe. Bei einer geheimen zweiten Abstimmung schließt sich ihm schließlich der alte Nr. 9 an.

Der Bruch in der Beweiskette

Schritt für Schritt zerlegen die Männer nun die Indizien. Die Aussage des alten Zeugen gerät dabei ins Wanken, als die Geschworenen nachstellen, wie lange er zur Tür gebraucht hätte. Zudem hätte ein vorbeifahrender Hochbahnzug die angeblich gehörte Drohung übertönt. Nr. 5, selbst in den Slums aufgewachsen, erklärt außerdem den Umgang mit dem Springmesser. Auch die Stichrichtung passt nicht zur Größe des Angeklagten. Dadurch bröckeln die Fronten zunehmend. Nr. 10 verliert sich schließlich in einer rassistischen Tirade. Daraufhin wenden sich die anderen ab, wortlos und gleichzeitig.

Ein beiläufiger Moment entscheidet schließlich den Fall. Nr. 4 nimmt nämlich seine Brille ab und reibt die Druckstellen auf seiner Nase. Der alte Nr. 9 erinnert sich daraufhin: Die Hauptzeugin zeigte dieselben Abdrücke. Sie trug also eine Brille, doch vor Gericht hatte sie keine getragen. Zum Zeitpunkt des beobachteten Mordes lag sie zudem im Bett. Damit ist auch die zweite Zeugenaussage zweifelhaft. Nur noch Nr. 3 beharrt weiterhin auf schuldig. Die anderen warten währenddessen. Schließlich starrt er auf ein Foto seines entfremdeten Sohnes.

Nr. 3 zerreißt schließlich das Foto, bricht in Tränen aus und ändert sein Votum. Das Urteil lautet damit nicht schuldig. Die Männer verlassen anschließend den Raum, einer nach dem anderen, jedoch ohne Triumph. Vor dem Gerichtsgebäude treffen sich Nr. 8 und Nr. 9 ein letztes Mal auf den Stufen. Dort tauschen sie ihre Namen aus: McCardle und Davis. Danach trennen sich ihre Wege in der abendlichen Stadt. Ob der Junge wirklich unschuldig ist, wird der Film allerdings nie beantworten. Schließlich hat der begründete Zweifel gereicht.

Filmkritik und Fazit zum Film „Die zwölf Geschworenen“

Lumet inszeniert „Die zwölf Geschworenen“ als Studie in räumlicher Verdichtung. Boris Kaufmans Kamera beginnt über den Köpfen, sinkt auf Augenhöhe und rückt schließlich so nah an die Gesichter, dass jede Pore mitspielt. Der Einsatz längerer Brennweiten lässt den Raum schrumpfen, obwohl sich nichts an seiner Architektur verändert. Das Drehbuch Reginald Roses entwickelt die Figuren nicht durch Biografien, sondern durch Reaktionen. Henry Fondas Zurückhaltung und Lee J. Cobbs Cholerik bilden dabei kein klassisches Duell, sondern zwei Temperamente, die sich aneinander abarbeiten.

Der Rhythmus des Films lebt von minimalen Eingriffen. Ein Glas Wasser, ein Schweißtropfen, das Aufstehen vom Tisch – jede Bewegung gewinnt Bedeutung. Kenyon Hopkins‘ Musik bleibt auf wenige Momente beschränkt, die Stille trägt den Rest. Das vorbeiziehende Gewitter verdunkelt den Raum in realer Zeit, ohne dass Lumet das dramaturgisch ausstellt. Ein kleines Schwachmoment liegt in der gelegentlich schematischen Figurenzeichnung, etwa bei Nr. 10, dessen Rassismus eindimensional bleibt. Die schauspielerische Dichte des Ensembles gleicht diese Typisierung jedoch weitgehend aus.

Was bleibt, ist ein Gerichtsfilm ohne Gerichtssaal. Ein Plädoyer für den Zweifel als zivilisatorische Leistung, nicht als Schwäche. Wer das Genre schätzt, findet hier einen seiner radikalsten Entwürfe – dialogisch, präzise, ohne jede Konzession an Effekt. Fast siebzig Jahre nach seiner Premiere wirkt der Film weniger gealtert als viele jüngere Vertreter seiner Gattung. Für Freunde des Kammerspiels und des juristischen Dramas bleibt er unverzichtbar.

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