GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia
Ein Junge steht am Fenster und sieht hinaus. Die Männer unten auf der Straße tragen Seidenanzüge, parken in zweiter Reihe, lachen laut. Der Junge hält das für Freiheit. Martin Scorseses „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ aus dem Jahr 1990 beginnt mit genau dieser kindlichen Sehnsucht. Dreißig Jahre später weiß der Junge, was dieses Leben wirklich kostet. Die Rechnung kommt am Ende, und sie ist gnadenlos.
Scorsese stützt sich auf Nicholas Pileggis Sachbuch „Wiseguy“ und auf das reale Schicksal des Kronzeugen Henry Hill. Aus diesem Stoff entsteht kein Heldenepos, sondern eine präzise Studie über Sucht, Macht und Selbstbetrug. Die Erzählung springt, das Tempo wechselt, die Musik dirigiert. Kaum ein anderer Gangsterfilm hat das Milieu so konsequent von innen gezeigt. Warum aber fasziniert dieser Film nach so vielen Jahren noch immer jedes neue Publikum?
Besetzung, Regie und Drehorte
Hinter „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ steht Martin Scorsese als Regisseur, der das Drehbuch gemeinsam mit dem Buchautor Nicholas Pileggi verfasste. Produziert hat Irwin Winkler für Warner Bros. Die Kamera führte der deutsche Bildgestalter Michael Ballhaus, einer der wichtigsten Scorsese-Kollaborateure. Den Schnitt verantwortete Thelma Schoonmaker, die mit dem Regisseur eine jahrzehntelange Zusammenarbeit verbindet. Die Musik setzt sich aus zeitgenössischen Popsongs und Beiträgen diverser Komponisten zusammen, darunter Eric Clapton.
Ray Liotta spielt den Erzähler und Protagonisten Henry Hill. An seiner Seite stehen Robert De Niro als Jimmy Conway und Joe Pesci als Tommy DeVito, die beide prägende Figuren in Scorseses Werk sind. Lorraine Bracco verkörpert Henrys Frau Karen und übernimmt als zweite Erzählstimme eine wichtige Funktion. Paul Sorvino tritt als Capo Paulie Cicero auf. In kleineren Rollen sind unter anderem Michael Imperioli, Samuel L. Jackson, Frank Vincent und Debi Mazar zu sehen.
Der Film läuft 146 Minuten und trägt die Altersfreigabe FSK 16. Bei der Oscar-Verleihung 1991 erhielt er sechs Nominierungen. Joe Pesci gewann den Preis als bester Nebendarsteller. Beim Filmfestival von Venedig wurde Scorsese mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet. Im Jahr 2000 nahm die Library of Congress den Film in das National Film Registry auf. Der Vorspann stammt vom Grafiker Saul Bass.
Handlung & Inhalt vom Film „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“
Brooklyn, Mitte der 1950er Jahre. Der elfjährige Henry Hill, der halb Ire und halb Sizilianer ist, beobachtet fasziniert die lokalen Mafiosi, wobei ihn besonders deren Einfluss und Lebensstil beeindrucken. Schon früh bricht er deshalb die Schule ab, um stattdessen Botengänge für den Capo Paul Cicero zu übernehmen. Dadurch verdient er schnell mehr Geld als sein Vater, doch mit dem wachsenden Einkommen nimmt zugleich die Entfremdung von seinen Eltern zu. Während er immer tiefer in die kriminelle Welt eintaucht, lernt er Jimmy Conway und Tommy DeVito kennen, zwei Männer, die schon bald zu seinen engsten Vertrauten werden. Als Henry schließlich beim Verkauf gestohlener Zigaretten auffliegt, bewahrt er vor Gericht konsequent Schweigen, denn die Omertà ist ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen.
Zehn Jahre später ist Henry bereits ein assoziierter Mobster, der Paulies Vertrauen genießt und regelmäßig seine Tribute abliefert. Gemeinsam mit Jimmy und Tommy lebt er sowohl von Raub als auch von Schutzgelderpressung, wodurch die drei immer größeren Einfluss gewinnen. Die brutale Ermordung des Gangsters Billy Batts durch Tommy geschieht jedoch ohne Genehmigung der Bosse und wird deshalb später zum Verhängnis. Ende der Sechziger verliebt sich Henry außerdem in die junge Karen, die aus einem jüdischen Elternhaus stammt. Nachdem sie geheiratet und Kinder bekommen haben, lässt sich Karen zunehmend von Henrys Welt blenden. Die erste Ernüchterung folgt allerdings schon bald, denn während Henry weiter aufsteigt, hält er sich zugleich eine Geliebte.
Der Preis des Aufstiegs
Eine brutale Geldeintreibung bringt Henry und Jimmy schließlich ins Gefängnis, wo Henry den Drogenhandel als lukrative Einnahmequelle entdeckt. Nach seiner Entlassung untersagt Paulie ihm zwar ausdrücklich jedes Geschäft mit Rauschgift, doch Henry ignoriert das Verbot. Stattdessen baut er hinter Paulies Rücken ein großes Kokaingeschäft auf, wobei ihm Kontakte aus Pittsburgh helfen. Auch Jimmy und Tommy steigen als Partner ein, sodass das Geschäft immer weiter wächst. Im Jahr 1978 plant Jimmy schließlich den legendären Lufthansa-Raub am JFK-Flughafen, bei dem die Gruppe rund sechs Millionen Dollar erbeutet. Obwohl sich die Beteiligten danach möglichst unauffällig verhalten sollen, halten sich viele von ihnen nicht an diese Anweisung.
Daraufhin lässt Jimmy nach dem Coup fast alle Mitwisser ermorden, weshalb nach und nach Leichen an unterschiedlichen Orten gefunden werden. Währenddessen soll Tommy als Vollmitglied in die Cosa Nostra aufgenommen werden, was für ihn den größten Aufstieg seiner bisherigen Laufbahn bedeuten würde. Doch die vermeintliche Zeremonie entpuppt sich stattdessen als Hinrichtung, denn sie ist die späte Rache für den Mord an Billy Batts, einem Vollmitglied der Gambino-Familie. In der Folge wächst Henrys Paranoia immer weiter, während zugleich sein Kokainkonsum eskaliert. Schließlich prägen sowohl Schlafstörungen als auch zunehmender Kontrollverlust seinen gesamten Alltag.
Im Jahr 1980 wird Henry nach monatelanger Observation wegen Drogenhandels verhaftet, wobei die Kaution seine letzten Reserven verschlingt. Paulie wirft ihm 3.200 Dollar hin und lässt ihn fallen. Jimmy beginnt, den einstigen Freund als Risiko zu betrachten, sodass Henry ahnt, dass er als Nächster sterben wird. Deshalb entscheidet er sich für den Verrat und sagt als Pentito gegen Jimmy und Paulie aus. Beide wandern für Jahre ins Gefängnis, während Henry im Zeugenschutzprogramm verschwindet. In einer Vorstadt zieht er eine resignierte Bilanz seines Lebens, denn aus dem einflussreichen Mobster ist ein „durchschnittlicher Niemand“ geworden.
Filmkritik und Fazit zum Film „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“
„GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ lebt von einem Tempo, das an keiner Stelle ermüdet. Scorsese inszeniert die drei Jahrzehnte als einen langen Rausch, dem die Luft ausgeht. Michael Ballhaus‘ legendäre Plansequenz durch den Hintereingang des Copacabana zeigt die Verführung als choreografierte Bewegung. Thelma Schoonmaker montiert den Paranoia-Tag des 11. Mai 1980 mit Jump Cuts und abrupten Rhythmuswechseln. Ray Liottas nervöse Präsenz trägt den Film. Joe Pesci kippt in Sekunden vom Komiker zum Killer. Robert De Niro spielt Jimmy als kalte, berechnende Instanz.
Die Musik wird zum zweiten Drehbuch. Donovans sonniges „Atlantis“ begleitet die Ermordung von Billy Batts und erzeugt durch den Kontrast eine beinahe unerträgliche Wirkung. Später liegt Derek and the Dominos‘ Klaviersolo aus „Layla“ über der Parade der Lufthansa-Leichen und verwandelt kaltblütige Exekutionen in ein elegisches Bild. Scorsese romantisiert nicht. Er zeigt das Milieu als ein geschlossenes System, in dem Freundschaft nur bis zur ersten geschäftlichen Gefährdung trägt. Der Film kommt dabei ohne moralischen Zeigefinger aus.
Wer die nüchterne Gegenerzählung zu Coppolas Opernpathos sucht, findet sie hier. Scorsese liefert keine Tragödie, sondern eine kalt sezierende Chronik. Die Gewalt ist nicht Stilmittel, sondern Struktur. Ein kleiner Einwand bleibt: Paulie wirkt eine Spur milder als sein reales Vorbild. Für Freunde des Gangsterdramas ist der Film dennoch eine Pflichtlektüre, die auch nach über drei Jahrzehnten ihre Wucht behält.
