Coherence

Es gibt Filme, die ihre Wirkung aus dem Spektakel beziehen, und solche, die das Gegenteil versuchen: das Universum auf vier Wände zu verkleinern. James Ward Byrkit wählt für sein Regiedebüt den zweiten Weg. „Coherence“ beweist, dass Science-Fiction kein Budget braucht, sondern eine Idee, die sich selbst durchdenkt. Acht Menschen, ein Wohnzimmer, eine Nacht. Aus dieser Sparsamkeit erwächst ein Kammerspiel, das die Genregrenzen mühelos überschreitet.

Coherence
Dauer: 89 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2014
Kategorien: Science-Fiction, Thriller
Regie: James Ward Byrkit
Produzenten: Lene Bausager
Hauptdarsteller: Emily Baldoni, Maury Sterling, Nicholas Brendon
Nebendarsteller: Lorene Scafaria, Elizabeth Gracen, Hugo Armstrong, Alex Manugian
Studio: Bellanova Films, Ugly Duckling Films

Was als Dinnerparty beginnt, kippt in ein metaphysisches Vexierbild. Der Komet am Himmel ist nicht mehr als ein Vorwand, eigentlich geht es um die Brüchigkeit der Identität selbst. Byrkit nutzt das improvisatorische Spiel seines Ensembles, um die Zuschauer in eine Versuchsanordnung zu führen, deren Regeln sich erst nach und nach entfalten. Die Frage, die der Film aufwirft, lautet weniger, was real ist – sondern, was wir bereit wären, dafür zu geben?

Besetzung, Regie und Drehorte

Coherence“ entstand 2013 unter der Regie von James Ward Byrkit, der gemeinsam mit Alex Manugian auch das zwölfseitige Treatment verfasste. Produziert wurde der Film von Lene Bausager und Alyssa Byrkit. Die Kameraarbeit lag bei Nic Sadler, der konsequent mit Handkamera arbeitete. Lance Pereira verantwortet den Schnitt, der dem Geschehen seine sprunghafte Dynamik verleiht. Die Musik komponierte Kristin Øhrn Dyrud, im Abspann läuft „Galaxies“ von Laura Veirs aus dem Album „Year of Meteors“.

Im Zentrum des Ensembles steht Emily Baldoni in der Rolle der Emily, deren Wandlung das emotionale Rückgrat des Films bildet. Maury Sterling spielt Kevin, Nicholas Brendon verkörpert Mike. Lorene Scafaria, Hugo Armstrong, Elizabeth Gracen, Alex Manugian und Lauren Maher komplettieren die Runde. In zwei Szenen verkörpern Aqueela Zoll und Kelly Donovan – der reale Zwillingsbruder von Brendon – die Doppelgänger der Hauptfiguren. Die Schauspieler kannten sich vor Drehbeginn nicht.

Die Premiere fand am 19. September 2013 auf dem Austin Fantastic Fest statt, der deutsche Kinostart folgte am 25. Dezember 2014 über den Verleih Bildstörung. Mit 88 Minuten Laufzeit und einer FSK-16-Freigabe blieb der Film schlank konzipiert. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Next Wave Best Screenplay Award in Austin, dem Maria Award in Sitges und dem Black Tulip Award beim Imagine Film Festival 2014.

Handlung & Inhalt vom Film „Coherence“

Acht Freunde finden sich nach längerer Zeit zu einem gemeinsamen Abendessen zusammen. Emily, Kevin, Mike, Lee, Hugh, Beth, Amir und Laurie verteilen sich im Haus, plaudern, trinken Wein. Schon die ersten Gespräche kreisen nicht nur um Privates, sondern um einen Kometen. Lee erinnert daran, dass Menschen sich beim letzten Vorbeiflug 1923 in Finnland merkwürdig verhalten hätten. Diesmal soll der Himmelskörper der Erde noch näher kommen. Hugh erwähnt beiläufig, sein Bruder, ein Wissenschaftler, habe ihn gebeten, sich bei Auffälligkeiten zu melden. Die Atmosphäre wirkt vertraut. Sie wird es nicht lange bleiben.

Zunächst bricht das Mobilfunknetz zusammen. Dann zerspringen Handydisplays. Schließlich fällt der Strom aus – mit einer Ausnahme: In der Ferne ist ein einziges hell erleuchtetes Haus zu sehen. Mike holt Taschenlampen und blaue Leuchtstäbe aus dem Keller. Amir und Hugh entscheiden sich, das fremde Haus zu erkunden. Während sie unterwegs sind, springt Mikes Notstromaggregat an. Als die beiden zurückkehren, blutet Hugh am Kopf, und Amir trägt ein Kästchen bei sich. In der Box finden sich nummerierte Fotos der acht Anwesenden. Daneben liegt ein Tischtennisschläger.

Wenn das Spiegelbild zurückblickt

Eine zweite Erkundungstour bricht auf: Mike, Laurie, Emily und Kevin nähern sich erneut dem fremden Haus. Dabei erkennt Mike, dass es exakt das gleiche ist wie sein eigenes. Auf dem Rückweg begegnet die Gruppe vier Doppelgängern, die jedoch rote Leuchtstäbe statt blauer tragen. Daraufhin ergreifen beide Seiten die Flucht. Außerdem fällt ihnen eine besonders dunkle Zone zwischen den Häusern auf. Im Wohnzimmer angekommen, erinnert sich Hugh schließlich an ein Buch seines Bruders über Quantenkohärenz. Dadurch wird Schrödingers Katze zum Schlüsselbegriff der Diskussion.

Daraufhin formulieren die Freunde eine Hypothese: Der Komet hat einen Zugang zu Parallelwelten geöffnet, während die dunkle Zone als Drehscheibe zwischen ihnen fungiert. Zudem deutet die nummerierte Fotokiste auf ein Sortiersystem hin, mit dem sich eine andere Version der Gruppe selbst zu identifizieren versucht. Während die Nacht weiter voranschreitet, vermischen sich die Gruppen aus den verschiedenen Realitäten zusehends. Dadurch wächst das Misstrauen, während sich Allianzen verschieben und einige beginnen, in fremden Versionen ihres Hauses zu intrigieren. Somit wird Identität zunehmend zur Verhandlungssache.

Emily begreift langsam, dass die Charakterzüge in allen Welten weitgehend stabil bleiben, während Beziehungen und Lebensumstände variieren. Deshalb treibt sie diese Erkenntnis zu einer radikalen Entscheidung. Sie macht sich auf die Suche nach einer Welt, in der ihr Leben besser verlaufen ist, dringt dort ein und versucht anschließend, ihr glücklicheres Gegenstück zu töten, um dessen Platz einzunehmen. Der Plan misslingt jedoch. Die andere Emily überlebt und ruft deshalb in der Schlussszene per Handy Hilfe. Zurück bleibt schließlich eine Frau, die nicht mehr weiß, welche Version ihrer selbst sie ist.

Filmkritik und Fazit zum Film „Coherence“

Coherence“ zeigt, wie sehr filmische Wirkung von der Reduktion abhängen kann. Byrkit verzichtet auf Spezialeffekte, auf Score-Eskalationen, auf ausgefeilte Bildkomposition – und gewinnt dadurch eine Unmittelbarkeit, die teurere Genrebeiträge oft vermissen lassen. Die Handkamera von Nic Sadler bleibt nervös, sucht Gesichter, verharrt selten. Harte Schnitte zerschneiden den Erzählfluss bewusst. Diese formale Rauheit ist kein Versehen, sondern Methode. Sie spiegelt den zerfallenden kognitiven Zustand der Figuren auf der Bildebene wider.

Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung des Ensembles, das ohne Drehbuch agierte und sich täglich nur an Notizzettel zur eigenen Figur halten konnte. Die Reaktionen wirken dadurch ungeprobt, oft tatsächlich überrascht. Emily Baldoni trägt den Film mit einer schleichenden Verwandlung von Verunsicherung zu kalkulierter Entschlossenheit. Kristin Øhrn Dyruds zurückhaltende Komposition unterstützt die Atmosphäre, ohne sie zu erklären. Wo „Melancholia“ das Erhabene sucht und „Primer“ das Mathematische, findet Byrkit eine dritte Tonart: das nüchtern Existenzielle.

Wer sich auf das Spiel mit der Quantenmechanik einlässt, wird mit einem Film belohnt, der nach dem Abspann weiterarbeitet. Die naturwissenschaftliche Plausibilität bleibt zweitrangig – entscheidend ist die psychologische Folgerichtigkeit. Für Genre-Liebhaber, die sprachlich präzise Dialogfilme dem visuellen Bombast vorziehen, ist dieser kleine Film eine konsequente Empfehlung. Mit 88 Minuten verdichtet er, was andere in zwei Stunden zerredet hätten.

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