Wind River

Der Schnee schluckt Geräusche, Spuren, zuweilen ganze Existenzen. Taylor Sheridans Thriller „Wind River“ macht diese Eigenschaft zur moralischen Koordinate. In der vereisten Weite Wyomings verdichtet sich ein Kriminalfall zu einer Meditation über Verlust, Schuld und das stille Verschwinden einer Bevölkerungsgruppe. Der Regisseur, zuvor als Drehbuchautor von „Sicario“ und „Hell or High Water“ bekannt, vollendet mit diesem Werk seine Frontier-Trilogie. Seine Erzählweise ist karg, seine Haltung unbequem.

Wind River
Dauer: 110 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2017
Kategorien: Thriller
Regie: Taylor Sheridan
Produzenten: Elizabeth A. Bell, Peter Berg, Matthew George, Basil Iwanyk, Wayne L. Rogers
Hauptdarsteller: Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Gil Birmingham
Nebendarsteller: Graham Greene, Jon Bernthal, Kelsey Asbille, Teo Briones
Studio: Savvy Media Holdings, Thunder Road, Film 44, Acacia Filmed Entertainment, Riverstone Pictures, Voltage Pictures, Synergics Films, Star Thrower Entertainment, Tunica-Biloxi Tribe of Louisiana, The Fyzz, Wild Bunch

Ein Indianerreservat, ein totes Mädchen, ein Jäger auf der Pirsch: Das klingt nach klassischem Genre-Material. Sheridan unterläuft diese Erwartung fortwährend. Er verweigert die Mechanik des Whodunit und ersetzt sie durch eine Topographie der Trauer. Die Kamera sucht nicht den Nervenkitzel, sondern die Stille. Jeremy Renner und Elizabeth Olsen tragen diese Zurückhaltung mit einer Präzision, die dem Film seine moralische Glaubwürdigkeit schenkt. Was bleibt, wenn Ermittlung an ihre Grenzen stößt?

Besetzung, Regie und Drehorte

Taylor Sheridan verantwortet sowohl Regie als auch Drehbuch von „Wind River„. Die Produktion entstand als Koproduktion zwischen den USA, Großbritannien und Kanada. Für die Bilder zeichnet Ben Richardson verantwortlich, den Schnitt übernahm Gary Roach. Als Produzenten fungieren unter anderem Peter Berg, Basil Iwanyk, Matthew George und Elizabeth A. Bell. Das Drehbuch wurde vor den Dreharbeiten den Stämmen der Arapahoe und Schoschonen zur Prüfung vorgelegt. Einige Reservatsbewohner traten später als Statisten in Erscheinung.

Jeremy Renner verkörpert Cory Lambert, einen Wildhüter des United States Fish and Wildlife Service. Elizabeth Olsen spielt die FBI-Agentin Jane Banner, die aus Las Vegas in den Schnee entsandt wird. Gil Birmingham gibt den trauernden Vater Martin Hanson, Kelsey Asbille die ermordete Natalie. Graham Greene verkörpert den örtlichen Polizeichef. In Nebenrollen treten Jon Bernthal, Martin Sensmeier und James Jordan auf. Die deutsche Synchronisation entstand unter der Dialogregie von Lutz Riedel bei der Berliner Synchron GmbH.

Der Film läuft 107 Minuten und trägt in Deutschland die Freigabe FSK 16. Gedreht wurde in Park City, Utah, wo der Film im Januar 2017 beim Sundance Film Festival Weltpremiere feierte. Die Musik stammt von Nick Cave und Warren Ellis. In Cannes erhielt Sheridan den Regiepreis der Sektion Un Certain Regard. Der deutsche Kinostart folgte am 8. Februar 2018.

Handlung & Inhalt vom Film „Wind River“

Im Indianerreservat Wind River in Wyoming arbeitet Cory Lambert als weißer Wildhüter. Seine Aufgabe: Raubtiere erlegen, die Viehherden bedrohen. Auf einer seiner Pirschen stößt er auf die Leiche der achtzehnjährigen Natalie Hanson, barfuß im Schnee. Sie war die beste Freundin seiner eigenen Tochter, die drei Jahre zuvor unter ungeklärten Umständen ebenfalls in der Wildnis gestorben war. Dieser Verlust lastet auf ihm, hat seine Ehe mit der indigenen Wilma zerrüttet. Das Reservat selbst wirkt wie eine Wunde: geprägt von Armut, Perspektivlosigkeit und ethnischer Spannung. Der örtliche Polizeichef verwaltet mit sechs Beamten ein Gebiet von über 3000 Quadratkilometern.

Das FBI entsendet Agentin Jane Banner aus Las Vegas, um den Fall zu untersuchen. Sie ist weder auf den arktischen Winter noch auf die sozialen Realitäten des Reservats vorbereitet. Lambert wird ihr Begleiter und Fährtenleser. Die Obduktion ergibt, dass Natalie niedergeschlagen und mehrfach vergewaltigt wurde. Anschließend floh sie durch die Eiseskälte, bis eine Lungenblutung sie niederstreckte. Eine erste Spur führt zu Matt Rayburn, Natalies weißem Freund und Mitarbeiter einer nahen Ölbohrstelle. Als Banner und Lambert einem Hinweis in die Berge folgen, entdecken sie auch Matts Leiche. Die Verbindung zum Bohrgelände wird unübersehbar.

Die Wahrheit im Schnee

In einer Rückblende öffnet sich zunächst die Tatnacht. Dabei teilt Matt seinen Wohnwagen mit mehreren Kollegen der privaten Wachmannschaft. Als diese später betrunken zurückkehren, belästigt Pete Natalie, wodurch eine Schlägerei entbrennt. In der Folge überwältigen fünf Männer Matt, während Pete das Mädchen vergewaltigt und die anderen tatenlos zusehen. Als Matt sich schließlich losreißen kann, gelingt Natalie nur die Flucht in die Nacht – barfuß und schutzlos.

Zurück in der Gegenwart folgt Lambert zufällig einer Schneemobilspur, die vom Fundort der zweiten Leiche direkt zum Bohrgelände führt. Daraufhin funkt er eine Warnung, doch die Polizisten haben das Wachpersonal bereits gestellt. Am Wohnwagen eskaliert die Situation, als der Leiter der Wachmannschaft plötzlich Täterwissen preisgibt. In der anschließenden Schießerei sterben sämtliche Polizisten, während Banner dank seiner schusssicheren Weste schwer verletzt überlebt. Gleichzeitig nutzt Lambert die Distanz und schaltet vier der fünf Täter mit seinem Jagdgewehr aus, sodass nur Pete verwundet fliehen kann.

Im Anschluss versorgt Lambert Banner notdürftig und nimmt sofort die Verfolgung auf. Schließlich stellt er Pete auf einem Bergkamm und zwingt ihn zum Geständnis. Dabei gewährt er ihm bewusst dieselbe Chance, die auch Natalie hatte: barfuß im Schnee zu gehen. Jedoch bricht Pete nach wenigen hundert Metern zusammen und stirbt. Danach besucht Lambert Banner im Krankenhaus und fährt anschließend zu Martin, dem Vater der getöteten Natalie. Dort setzt er sich schweigend zu ihm, während der Abspann offenbart, dass Vermisstenstatistiken für indigene Frauen in den USA fehlen und ihre Zahl unbekannt bleibt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Wind River“

Wind River“ verweigert das übliche Thriller-Vokabular. Sheridan inszeniert mit erstaunlicher Strenge, ohne Kameragefälligkeit, ohne dramaturgische Beschleunigung. Die Kamera von Ben Richardson arbeitet zwangsläufig mit Handführung, weil in solch tiefem Schnee keine Schienen liegen. Daraus entsteht eine taktile Nähe zu den Figuren. Nick Caves und Warren Ellis‘ Score legt keine Emotionen über die Bilder, sondern unterhöhlt sie von innen. Jeremy Renner spielt seinen Cory Lambert mit jener zurückgenommenen Intensität, die Trauer erst lesbar macht. Elizabeth Olsen hält dagegen, ohne die übliche Tough-Cop-Attitüde zu bemühen.

Die Stärke des Films liegt in seiner Weigerung, Spannung zu fabrizieren, wo die Wirklichkeit selbst schon unerträglich ist. Der zentrale Shootout bricht mit brutaler Plötzlichkeit in die kontemplative Anlage ein und wirkt gerade deshalb schockierend. Danach kehrt Sheridan unbeirrt zu seiner Ruhe zurück. Problematisch wirkt allein die Auflösung der Täterfrage, die ermittlerisch knapp abgehandelt wird. Dafür gewinnt der Film seine wahre Tiefe aus dem Rand: aus Martin Hansons selbst erfundener Totenbemalung, aus Wilmas stummem Schmerz, aus der Architektur sozialer Vernachlässigung.

Sheridan gelingt ein Thriller, der seine Wirkung aus moralischer Präzision bezieht. Wer nach schnellen Antworten sucht, wird sich an der gemächlichen Ermittlung reiben. Wer bereit ist, sich der Kälte auszusetzen, erhält ein feinziseliertes Drama über Verlust und stillen Zorn. Für Genrefreunde des reduzierten, atmosphärischen Thrillers ist das Werk unverzichtbar. Die abschließende Tafel über verschwundene indigene Frauen verwandelt den Film in ein Mahnmal.

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