Napoleon

Große Männer auf der Leinwand sind ein riskantes Unterfangen. Ridley Scott weiß das – und wagt es trotzdem. „Napoleon“ von 2023 ist kein ehrfürchtiges Porträt eines Staatsmannes, kein klassisches Heldengemälde nach Art der Romantik. Es ist eher ein seltsam nüchternes Dokument über Ambitionen, die größer sind als ihr Träger. Joaquin Phoenix spielt den Korsiker nicht als Visionär, sondern als getriebenen Mann, der zwischen Schlachtfeldern und Liebesbriefen pendelt – oft ohne die eine Sphäre wirklich hinter sich lassen zu können.

Napoleon
Dauer: 158 Min.
FSK: 12 (DE)
Jahr: 2023
Kategorien: Action, Historisch
Regie: Ridley Scott
Produzenten: Mark Huffam, Joaquin Phoenix, Ridley Scott, Kevin J. Walsh
Hauptdarsteller: Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Tahar Rahim
Nebendarsteller: Rupert Everett, Mark Bonnar, Paul Rhys, Ben Miles
Studio: Apple Studios, Scott Free Productions

Der Film erschien am 22. November 2023 in den Kinos und wurde von Apple TV+ produziert, einem Streamingdienst, dem man nicht unbedingt zugetraut hätte, ein derart opulentes Historienepos zu finanzieren. Scott hat nun ein Jahrzehnte altes Herzprojekt umgesetzt. Was bleibt, ist ein Film, der zwischen Schaulust und Tiefenerzählung schwankt – und dabei die Frage aufwirft, ob ein Menschenleben von Napoleons Ausmaß überhaupt in zwei Stunden fassbar ist.

Besetzung, Regie und Drehorte

Napoleon“ ist ein biografisches Historiendrama von Ridley Scott aus dem Jahr 2023, produziert von Scott Free Productions und Apple Studios. Das Drehbuch stammt von David Scarpa, mit dem Scott bereits bei „Alles Geld der Welt“ (2017) zusammengearbeitet hatte. Hinter der Kamera stand Dariusz Wolski, der seit „Prometheus“ (2012) zu Scotts Stammteam gehört. Den Schnitt übernahmen Sam Restivo und Claire Simpson, die Filmmusik komponierte Martin Phipps. Das Budget lag Berichten zufolge zwischen 130 und 200 Millionen US-Dollar.

Die Hauptrolle des Napoleon Bonaparte übernahm Joaquin Phoenix, der zuletzt 2000 in Scotts „Gladiator“ mitgewirkt hatte. An seiner Seite spielt Vanessa Kirby die Kaiserin Joséphine – eine Besetzung, die ursprünglich für Jodie Comer vorgesehen war, die sich jedoch pandemiebedingt zurückzog. Weitere tragende Rollen übernehmen Tahar Rahim als Paul Barras, Rupert Everett als Wellington und Jannis Niewöhner als Joséphines Liebhaber Hippolyte Charles. Die deutsche Synchronfassung entstand bei FFS Film- & Fernseh-Synchron GmbH Berlin.

Die Kinofassung läuft 159 Minuten und ist ab FSK 12 freigegeben. Die Dreharbeiten fanden an zahlreichen europäischen Schauplätzen statt, darunter Lincoln, Malta, Marokko und mehrere englische Adelssitze. 2024 erschien ein 204 Minuten langer Director’s Cut. Bei der Oscarverleihung 2024 erhielt der Film Nominierungen in den Kategorien Szenenbild, Kostüme und visuelle Effekte.

Handlung & Inhalt vom Film „Napoleon“

Frankreich, 1793: Der junge Artillerieoffizier Napoleon Bonaparte verfolgt in Paris die Hinrichtung Marie Antoinettes und erlebt den Beginn einer Epoche der Gewalt. Kurz darauf bekommt er seinen ersten militärischen Auftrag – die Rückeroberung des von britischen Kräften besetzten Hafens von Toulon. Mit kühner Taktik gelingt ihm das Manöver, und Politikvermittler Paul Barras befördert ihn. Im gleichen Jahr schlägt Napoleon einen royalistischen Aufstand in Paris gewaltsam nieder. Er macht sich einen Namen. Wenig später lernt er die verwitwete Adelige Joséphine de Beauharnais kennen und wirbt um sie.

Napoleon heiratet Joséphine 1796, doch die Ehe bleibt kinderlos. Während er in Ägypten kämpft und bei den Pyramiden siegt, betrügt Joséphine ihn mit dem jüngeren Hippolyte Charles. Napoleon kehrt vorzeitig zurück. Das Direktorium wirft ihm vor, seine Truppen verlassen zu haben – er kontert, indem er die Regierung im Staatsstreich des 18. Brumaire 1799 stürzt. Gemeinsam mit Talleyrand, Fouché, Sieyès und Ducos etabliert er sich als Erster Konsul Frankreichs. Der Aufstieg beschleunigt sich.

Kaiserkrone, Krieg und Verbannung

1804 lässt Napoleon sich vom Papst zum Kaiser krönen – und setzt sich die Krone demonstrativ selbst aufs Haupt. Ein Jahr später besiegt er das österreichisch-russische Heer bei Austerlitz auf spektakuläre Weise: Er lockt die Truppen auf einen zugefrorenen See und lässt das Eis durch Kanonenbeschuss aufbrechen. Nach dem Frieden von Tilsit 1807 steht Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Mutter drängt ihn, eine Mätresse zu schwängern, um Joséphines Unfruchtbarkeit zu beweisen. 1810 lässt er sich scheiden und heiratet Marie-Louise von Österreich, die ihm 1811 einen Sohn gebiert.

Der Russlandfeldzug 1812 markiert die Wende. Napoleon dringt tief in russisches Territorium vor, gewinnt die verlustreiche Schlacht von Borodino, findet Moskau jedoch verlassen und brennend vor. Der Rückzug durch den russischen Winter kostet etwa eine halbe Million Soldaten das Leben. Die europäischen Koalitionsmächte nutzen die Schwäche. 1814 erzwingen sie Napoleons Abdankung, er wird nach Elba verbannt.

1815 erfährt Napoleon, dass Joséphine krank ist. Er entkommt von Elba, die gesandten Truppen laufen zu ihm über, und er kehrt für die Herrschaft der Hundert Tage nach Frankreich zurück. Joséphine stirbt, bevor er sie erreicht. Bei Waterloo stellt er sich dem britischen Heer unter Wellington – doch die französischen Kavallerieattacken brechen sich an den britischen Infanterievierecken, und Blüchers preußische Verstärkung besiegelt die Niederlage. Napoleon kapituliert, grüßt Wellington im Abzug und wird endgültig auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt. Dort schreibt er seine Memoiren, debattiert mit Kindern über Geschichte und stirbt 1821. Ein Abspann beziffert die Kriegsopfer auf rund drei Millionen Menschen.

Filmkritik und Fazit zum Film „Napoleon“

Was „Napoleon“ am deutlichsten offenbart, ist die Spannung zwischen Schauspiel und Erzählung. Joaquin Phoenix spielt den Kaiser nicht als Feldherrn aus dem Geschichtsbuch, sondern als emotional unterentwickelten Mann, der Macht mit Zuneigung verwechselt und Joséphine mit infantilen Briefen bombardiert, während seine Armeen Kontinente überqueren. Diese Interpretation ist mutig – und sie funktioniert in Momenten. Vanessa Kirby hält dagegen mit kühler Überlegenheit, und die gemeinsamen Szenen entwickeln eine eigentümliche Schärfe. Kameramann Dariusz Wolski rahmt das alles in kühlen, präzisen Bildkompositionen, die dem Chaos der Schlachten ebenso gerecht werden wie den stillen Momenten der Zweisamkeit.

Die Schlachtensequenzen sind das unbestrittene Rückgrat des Films. Scotts Inszenierung der Belagerung von Toulon, vor allem aber die Austerlitz-Szene mit dem brechenden Eis, erreicht eine visuelle Wucht, die im Kino körperlich spürbar ist. Martin Phipps‘ Musik arbeitet dabei mit ruhigen Spannungsbögen statt dramatischer Überwältigung. Die Kinofassung leidet jedoch unter ihrem eigenen Tempo: Politische Konstellationen werden angerissen, nicht entwickelt; die Jahre zwischen den Schlachten überfliegt Scott wie Untertitel in einem Stummfilm. Das Drehbuch von David Scarpa verfehlt die Möglichkeit, die innere Logik von Napoleons Aufstieg begreifbar zu machen – historische Ungenauigkeiten stören dabei weniger als die dramaturgischen Lücken.

Wer Ridley Scott für seine Arbeit in Schlachtfeldern schätzt, findet hier einige seiner stärksten Bilder seit Jahren. Wer eine biografische Vertiefung sucht, dürfte mit dem Director’s Cut besser bedient sein, der 45 Minuten mehr Raum für Joséphine und den politischen Kontext bietet. Die Kinofassung ist ein bildgewaltiges Episodendrama, das seine Hauptfigur in einem eigenartig modernen Licht zeigt – als Mann, der Geschichte macht, ohne sie wirklich zu verstehen.

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