Verblendung

Es gibt Regisseure, die einem Stoff etwas hinzufügen. David Fincher ist einer von ihnen. Mit „Verblendung“ kehrt er 2011 zu jenem Terrain zurück, das ihn groß gemacht hat: die durchdringende Kälte menschlicher Abgründe, eingefroren in makellos präzise Bilder. Stieg Larssons Roman war längst ein Weltbestseller, seine schwedische Verfilmung ein Achtungserfolg – und dennoch wagt Fincher die Neuinterpretation, ohne sich in sicherer Distanz zum Stoff zu halten.

Verblendung
Dauer: 152 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2011
Kategorien: Thriller
Regie: David Fincher
Produzenten: Søren Stærmose, Ole Søndberg, Scott Rudin, Ceán Chaffin
Hauptdarsteller: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer
Nebendarsteller: Stellan Skarsgård, Robin Wright, Yorick van Wageningen, Steven Berkoff
Studio: Columbia Pictures, Metro-Goldwyn-Mayer, Scott Rudin Productions, Yellow Bird

Was ihn antreibt, ist keine kommerzielle Logik, sondern eine ästhetische Verwandtschaft. Thriller, die nicht nur schocken, sondern verstören – das ist sein Metier. Kann eine Hollywood-Produktion dem skandinavischen Grundton gerecht werden, ohne ihn zu glätten? Und was passiert, wenn ein Regisseur mit dem Mut zur Kompromisslosigkeit auf einen Stoff trifft, der genau das verlangt?

Besetzung, Regie und Drehorte

Verblendung“ ist eine US-amerikanisch-schwedisch-britisch-deutsche Koproduktion aus dem Jahr 2011, entstanden unter der Regie von David Fincher nach einem Drehbuch von Steven Zaillian. Die Produktion liegt in den Händen von Scott Rudin, Ceán Chaffin, Ole Søndberg und Søren Stærmose. Für die Kamera zeichnet Jeff Cronenweth verantwortlich, der Schnitt stammt von Kirk Baxter und Angus Wall. Die Filmmusik komponierten Trent Reznor und Atticus Ross, die bereits für Finchers „The Social Network“ zusammengearbeitet hatten.

In der Hauptrolle des Journalisten Mikael Blomkvist ist Daniel Craig zu sehen, während Rooney Mara die Hackerin Lisbeth Salander verkörpert. Christopher Plummer spielt den Großindustriellen Henrik Vanger, Stellan Skarsgård dessen Neffen Martin. Yorick van Wageningen übernimmt die Rolle des Vormunds Nils Bjurman, Robin Wright spielt Erika Berger. In weiteren Rollen sind Steven Berkoff, Joely Richardson, Julian Sands und Joel Kinnaman zu sehen. Ein Großteil der Dreharbeiten fand in Schweden statt, unter anderem in Stockholm, Uppsala, Gnesta und Segersta; weitere Drehorte waren London, der Flughafen Oslo-Gardermoen und Zürich.

Der Film läuft 158 Minuten und ist ab 16 Jahren freigegeben. Bei der Oscarverleihung 2012 erhielt er die Auszeichnung für den besten Schnitt; nominiert wurden zudem Rooney Mara als Beste Hauptdarstellerin sowie die Kategorien Kamera, Ton und Tonschnitt. Das American Film Institute führte den Film in seiner Jahresbestenliste 2011. Trent Reznor coverte für die Eröffnungssequenz gemeinsam mit Karen O den Led-Zeppelin-Klassiker „Immigrant Song“.

Handlung & Inhalt vom Film „Verblendung“

Die Handlung setzt im Schweden des Jahres 2009 ein. Der hochbetagte Industrielle Henrik Vanger erhält seit Jahren zu seinem Geburtstag gepresste Blumen, eingerahmt und anonym versandt – ein Ritual, das er als grausamen Fingerzeig eines Mörders deutet. Seine Großnichte Harriet verschwand im Sommer 1966 spurlos von der Familieinsel, und Henrik ist überzeugt, dass jemand aus seinem eigenen Umfeld dafür verantwortlich ist. Für einen letzten Aufklärungsversuch verpflichtet er den Stockholmer Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist, der nach einem verlorenen Verleumdungsverfahren seinen Ruf und seine Ersparnisse eingebüßt hat. Als Gegenleistung verspricht Henrik ihm Insiderwissen über den Unternehmer Wennerström. Blomkvist bezieht ein Gästehaus auf der Insel und beginnt Henriks umfangreiche Akten zu sichten.

Parallel dazu verläuft ein zweiter Erzählstrang, der das Leben der Hackerin Lisbeth Salander zeigt. Sie steht wegen eines psychiatrischen Gutachtens unter Vormundschaft und wurde von Henriks Anwalt Frode beauftragt, Blomkvist zu überprüfen. Ihr neuer Vormund, Rechtsanwalt Bjurman, missbraucht seine Machtstellung rücksichtslos und vergewaltigt Lisbeth bei einem Besuch in seiner Wohnung. Was er nicht ahnt: Sie hatte eine versteckte Kamera dabei. Nach ihrer Erholung sucht Lisbeth Bjurman erneut auf, überwältigt ihn, zwingt ihn, das Vergewaltigungsvideo anzusehen, und rächt sich mit einer Gegengewalt, die ebenso brutal wie kalkuliert ist. Mit dem aufgezeichneten Material als Druckmittel bringt sie ihn dauerhaft unter ihre Kontrolle. Blomkvist und Lisbeth beginnen schließlich eine Zusammenarbeit, aus der eine Affäre wird.

Verrat, Verfolgung und die Wahrheit hinter dem Verschwinden

Bei seinen Recherchen entdeckt Blomkvist, dass die in Harriets Tagebuch notierten Namen und Zahlen keine Telefonnummern sind, sondern Bibelzitate – und dass diese auf eine Serie ungeklärter Frauenmorde verweisen. Mit Lisbeths Hilfe gelingt es, die Morde einem gemeinsamen Täter zuzuordnen: Spuren führen auf Gottfried Vanger, den verstorbenen Vater des aktuellen Firmeninhabers Martin. Gottfried starb jedoch bereits vor dem letzten der dokumentierten Morde. Die Frage, wer danach weitergemordet hat, drängt sich zunehmend in den Mittelpunkt. Lisbeth und Mikael nähern sich einer Wahrheit, die tiefer in die Familienstrukturen reicht als zunächst angenommen.

Als Blomkvist nachts Martins Haus aufsucht, wird er dort von Martin überrascht und überwältigt. In einem gesicherten Folterkeller enthüllt Martin freimütig seine Verbrechen – er hat die Morde seines Vaters fortgeführt. Bevor er Blomkvist töten kann, erscheint Lisbeth und schlägt Martin nieder. Martin flieht mit dem Auto, kommt von der Straße ab und stirbt im brennenden Wrack. Lisbeth schaut zu. Es gibt jedoch keine Belege, dass Martin auch Harriet getötet hat.

Blomkvist schließt daraus, dass Harriet noch leben könnte. Gemeinsam mit Lisbeth reist er nach London, um Henriks Nichte Anita zu konfrontieren. Sie überwachen ihre Reaktion auf Martins Tod – und tatsächlich stellt sich heraus, dass Anita in Wirklichkeit Harriet ist. Sie hatte einst ihren Vater Gottfried getötet, der sie und ihren Bruder missbraucht hatte, und war mithilfe Anitas geflohen. Martin hatte den Tod des Vaters beobachtet und die Untaten übernommen. Harriet lebte seither unter falscher Identität in London und schickte Henrik jedes Jahr Blumen als stummes Lebenszeichen. Mikael führt sie und Henrik wieder zusammen. Lisbeth gelingt es unterdessen, Wennerström durch Hacken zu überführen; sie leitet sein Vermögen auf eigene Konten um. Den erhofften Neuanfang mit Mikael muss sie begraben, als sie ihn mit Erika Berger sieht – und die Lederjacke, die sie ihm mitgebracht hatte, in einen Mülleimer wirft.

Filmkritik und Fazit zum Film „Verblendung“

Was „Verblendung“ von vielen Thriller-Verfilmungen unterscheidet, ist die konsequente Weigerung Finchers, den Stoff zu domestizieren. Die Vergewaltigungsszene und ihre Umkehrung durch Lisbeth werden nicht abgemildert, sondern mit klinischer Präzision inszeniert – eine Entscheidung, die dem Film seinen moralischen Ernst sichert. Rooney Maras Darstellung von Lisbeth Salander trägt diese Schwere mit stiller Wucht: Sie zeigt eine Figur, die nicht als Ikone posiert, sondern als verletzter Mensch agiert, dessen Stärke aus einer Geschichte des Verlusts erwächst. Daniel Craig nimmt sich klug zurück und lässt seiner Partnerin den Raum, den die Rolle verlangt.

Jeff Cronenweths Kamera taucht Schwedens Winterlandschaften in ein blau-graues Licht, das Schönheit und Bedrohung gleichzeitig transportiert. Die Weite der Panoramen steht in hartem Kontrast zur Enge der Kellertüren und der versiegelten Familiengeheimnisse. Trent Reznor und Atticus Ross liefern einen Score, der unter die Haut kriecht, ohne aufzudrängen – pulsierend, metallisch, ohne Sentimentalität. Das Pacing ist trotz der Laufzeit von fast 160 Minuten bemerkenswert diszipliniert; Steven Zaillians Drehbuch verdichtet die Vorlage, ohne ihre Komplexität zu verschleifen. Wo die schwedische Erstverfilmung Ermittlungsschritte mitunter unvermittelt wirken ließ, gewinnt Finchers Version an innerer Logik.

„Verblendung“ ist kein Film für jedes Publikum – und das ist sein Verdienst. Wer Thriller schätzt, die ihren Figuren Würde lassen und gleichzeitig keine Schonung versprechen, findet hier ein formal durchdachtes, schauspielerisch starkes Werk. Fincher zeigt, dass Neuverfilmungen nicht zwingend Verdünnung bedeuten. Manchmal bedeuten sie Schärfung.

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