Carol
Todd Haynes‘ „Carol“ beginnt mit einer Begegnung, die das Kino liebt: Eine junge Frau trifft eine ältere, zwischen beiden entsteht sofort eine Anziehung, die mehr ist als bloße Faszination. Was im New York der frühen Fünfzigerjahre geschieht, ist gesellschaftlich unmöglich und existenziell notwendig zugleich. Die elegante Ehefrau und die unsichere Verkäuferin – zwei Frauen, die sich über Standesgrenzen und Konventionen hinweg begehren. Haynes erzählt diese Liebesgeschichte nicht als Skandal, sondern als intime Erkundung zweier Menschen, die erst zueinander finden müssen.

| Dauer: | 118 Min. |
|---|---|
| FSK: | 6 (DE) |
| Jahr: | 2015 |
| Kategorien: | Drama, Romantik |
| Regie: | Todd Haynes |
| Produzenten: | Stephen Woolley, Elizabeth Karlsen, Christine Vachon |
| Hauptdarsteller: | Cate Blanchett, Rooney Mara, Kyle Chandler |
| Nebendarsteller: | Jake Lacy, Sarah Paulson, John Magaro, Cory Michael Smith |
| Studio: | Killer Films, Number 9 Films, Film4 Productions, Dirty Films |
Doch die Liebe zwischen Carol und Therese findet in einer Zeit statt, in der Homosexualität nicht nur moralisch geächtet, sondern auch juristisch verfolgbar ist. Harge, Carols Ehemann, nutzt ihre Orientierung als Waffe im Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter. Ein Detektiv wird auf die beiden Frauen angesetzt, ihre intimsten Momente werden heimlich aufgezeichnet. Was als zartes Annähern beginnt, wird zur Bedrohung für beide Leben. Kann eine Liebe überleben, wenn sie das Kostbarste fordert, was eine Mutter besitzt?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Carol“ basiert auf Patricia Highsmiths teilweise autobiografischem Roman „Salz und sein Preis„, den sie 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan veröffentlichte – ein Kunstgriff, der nötig war, weil das Thema einer gleichgeschlechtlichen Liebe ihre aufkeimende Karriere als Krimiautorin hätte zerstören können. Todd Haynes übernahm die Regie, das Drehbuch stammt von Phyllis Nagy, die bereits 1996 einen ersten Entwurf verfasste – auf ausdrücklichen Wunsch von Highsmith selbst, einer persönlichen Freundin. Edward Lachman führte die Kamera und verlieh dem Film durch den Einsatz von Super-16mm-Material jene körnige, traumversunkene Textur, die das New York der Fünfzigerjahre so greifbar werden lässt. Die Filmmusik schrieb Carter Burwell, ergänzt durch Originaltitel von Billie Holiday und The Clovers.
Cate Blanchett spielt die elegante, innerlich zerrissene Carol Aird, Rooney Mara die aufstrebende Fotografin und Kaufhausverkäuferin Therese Belivet. Sarah Paulson überzeugt als Carols treue Vertraute Abby Gerhard, Kyle Chandler verkörpert mit schmerzhafter Überzeugungskraft den Ehemann Harge, dessen kalkulierte Verletzungen tiefer gehen als jeder Wutausbruch. Die Kostüme entwarf Sandy Powell, dreifache Oscar-Preisträgerin und langjährige Vertraute von Haynes, deren maßgeschneiderte Damengarderobe der Fünfzigerjahre zur zweiten Sprache des Films wurde.
Die Dreharbeiten dauerten 34 Tage; gedreht wurde in Cincinnati, Ohio, und den umliegenden Stadtteilen, die als Kulisse für das winterliche New York von 1952 dienten. Der 118 Minuten lange Film feierte im Mai 2015 bei den Filmfestspielen in Cannes Weltpremiere, wo Rooney Mara als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, der Film die Queer Palm gewann und für die Goldene Palme nominiert war. Bei den Oscars 2016 folgte die Anerkennung in sechs Kategorien: beste Hauptdarstellerin, beste Nebendarstellerin, bestes adaptiertes Drehbuch, beste Kamera, beste Filmmusik und beste Kostüme.
Handlung & Inhalt vom Film „Carol“
Im Dezember 1952 arbeitet die junge Therese Belivet als Verkäuferin in einem New Yorker Kaufhaus. Eines Tages betritt Carol Aird, eine elegante verheiratete Frau, die Spielzeugabteilung, um ein Geschenk für ihre vierjährige Tochter Rindy zu kaufen. Therese empfiehlt statt der gewünschten Puppe eine Modelleisenbahn. Carol ist einverstanden und lässt dabei ihre Handschuhe auf dem Tresen liegen. Therese schickt sie ihr mit der Post nach, woraufhin Carol sie zum Mittagessen einlädt. Während des Essens fragt Carol, ob Therese sie am Sonntag, dem 21. Dezember, zu Hause besuchen möchte. Therese sagt sofort zu.
Am verabredeten Tag wird Therese Zeugin eines Streits zwischen Carol und ihrem Ehemann Harge, von dem sie sich scheiden lässt. Harge holt die gemeinsame Tochter vorzeitig ab, obwohl vereinbart war, dass Rindy bis Heiligabend bei Carol bleibt. Er möchte, dass Carol mit zu seinen Eltern kommt, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Carol weigert sich und lässt ihren Unmut an Therese aus, die weinend mit dem Zug zurückfährt. Noch am selben Abend ruft Carol sie an, bittet um Verzeihung und fragt, ob sie Therese am nächsten Abend besuchen darf. Bei diesem Treffen schenkt Carol ihr eine neue Kamera und bestärkt sie in ihrem Wunsch, Fotografin zu werden. Thereses Freund Richard Semco zeigt hingegen kein Interesse an ihren beruflichen Plänen, sondern möchte, dass sie im Sommer mit ihm nach Europa fährt und seine Frau wird.
Die Reise nach Westen
Carol erfährt von ihrem Anwalt, dass Harge das alleinige Sorgerecht für Rindy beantragt hat – mit Verweis auf ihre Homosexualität und eine frühere Affäre mit Abby. Sie erzählt Therese von einer geplanten Reise in den Westen der USA und fragt sie, ob sie mitkommen möchte. Therese sagt sofort zu. Richard wirft ihr daraufhin vor, in Carol verliebt zu sein, und warnt, sie werde bald enttäuscht werden. Therese entgegnet ruhig, sie sei noch nie so wach gewesen. Während der Fahrt lernen sie den Kurzwarenhändler Tommy Tucker kennen.
Zum Jahreswechsel in Waterloo, Iowa, kommt es zum ersten Kuss und ihrer gemeinsamen Liebesnacht. Am nächsten Morgen warnt ein Telegramm von Abby: Carol wird beschattet – der Detektiv ist Tommy Tucker. Das Tonband ihrer Nacht ist bereits auf dem Weg zu Harge. Carol beschließt, nach New York zurückzukehren. Im Auto gibt sich Therese weinend die Schuld. Carol wischt ihr die Tränen ab und sagt: Sie habe nur genommen, was Therese freiwillig gegeben habe.
Am nächsten Morgen ist Carol abgereist, und Abby überreicht Therese einen Abschiedsbrief. Darin erklärt Carol, dass es keinen Kontakt mehr zwischen ihnen geben dürfe. Mehrere Monate sehen sich die beiden Frauen nicht. Therese bekommt eine Stelle als Fotografin bei der New York Times. Bei der Vorverhandlung um das Sorgerecht stellt Carol klar, dass sie den Inhalt der Tonbänder nicht bestreiten werde. Sie schlägt vor, dass Harge das Sorgerecht erhalten soll, besteht aber auf regelmäßigen Besuchsterminen. Nach der Verhandlung bittet Carol um ein Treffen im Ritz. Carol erzählt von ihrer neuen Wohnung, die groß genug für zwei sei, doch Therese lehnt ab. Später verlässt Therese eine Party, um Carol im Oak Room zu treffen. Die beiden sehen einander in die Augen, und ein zartes Lächeln umspielt Carols Mund, während Therese näherkommt.
Filmkritik und Fazit zum Film „Carol“
„Carol“ lebt von der Präzision seiner Inszenierung und der subtilen Intensität seiner beiden Hauptdarstellerinnen. Cate Blanchett verkörpert Carol als selbstbewusste Frau, die ihre Verletzlichkeit hinter Eleganz verbirgt. Rooney Mara spielt Therese mit einer Zurückhaltung, die sich erst allmählich öffnet. Edward Lachmans Kamera beobachtet die Figuren durch Scheiben, Spiegel und halbgeöffnete Türen, was die gesellschaftliche Isolation der beiden Frauen visualisiert. Carter Burwells Musik begleitet die Szenen dezent, ohne sich je aufzudrängen.
Haynes inszeniert die Begegnungen zwischen Carol und Therese mit einer visuellen Raffinesse, die das Unausgesprochene spürbar macht. Blicke werden zu Berührungen, Gesten zu Geständnissen. Die Sexszenen sind freizügig, aber niemals voyeuristisch, sondern von einer Intimität getragen, die der Authentizität der Beziehung dient. Das Tempo ist gedrosselt, die Erzählung folgt der inneren Logik der Figuren. Haynes verzichtet auf jede Form von Sensationshascherei und konzentriert sich auf die emotionale Wahrheit einer Liebe, die gesellschaftlich unmöglich ist.
Der Film vermeidet es, seine Protagonistinnen zu Märtyrerinnen zu stilisieren oder vor einen Propaganda-Karren zu spannen. Es geht nicht um einen politischen Kampf, sondern um zwei Menschen, die sich gegen alle Widerstände füreinander entscheiden. Wer sich auf das gemächliche Erzähltempo einlässt, wird mit einem der elegantesten und emotional dichtesten Liebesdramen der letzten Jahre belohnt. „Carol“ ist ein Film für alle, die Intimität der Inszenierung über spektakuläre Gesten schätzen.