Einer flog über das Kuckucksnest
Wann verliert ein Mensch seine Würde – wenn das System ihn bricht oder wenn er sich dem System unterwirft? „Einer flog über das Kuckucksnest“ stellt diese Frage mit einer Dringlichkeit, die 1975 nicht nur psychiatrische Anstalten meinte, sondern Autoritätsstrukturen jeder Art. Miloš Forman findet in Ken Keseys Roman eine Geschichte, die ohne ideologische Überhöhung auskommt und dennoch politisch wirkt. Der Film konfrontiert das Publikum mit einem Kampf, der keine Sieger kennt.

| Dauer: | 133 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 1975 |
| Kategorien: | Drama |
| Regie: | Miloš Forman |
| Produzenten: | Michael Douglas, Saul Zaentz |
| Hauptdarsteller: | Jack Nicholson, Brad Dourif, Louise Fletcher |
| Nebendarsteller: | Danny DeVito, William Redfield, Scatman Crothers, Christopher Lloyd |
| Studio: | Fantasy Films |
Formans Inszenierung verzichtet auf vereinfachende Gut-Böse-Muster und zeigt stattdessen, wie Macht funktioniert: subtil, systematisch, mit dem Anspruch zu heilen. Jack Nicholson verkörpert einen Antihelden, der sich der Anpassung verweigert, während Louise Fletcher eine Oberschwester spielt, die ihre Grausamkeit als Fürsorge tarnt. Zwischen diesen Polen entfaltet sich ein Drama über Freiheit, Kontrolle und die Grenzen menschlicher Selbstbestimmung. Kann Vitalität in einem System überleben, das Konformität zur Bedingung erklärt?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Einer flog über das Kuckucksnest“ entstand 1975 unter der Regie des tschechoslowakischen Regisseurs Miloš Forman, der mit diesem Film seinen internationalen Durchbruch in Hollywood feierte. Das Drehbuch verfassten Bo Goldman und Lawrence Hauben nach Ken Keseys gleichnamigem Roman aus dem Jahr 1962. Produziert wurde der Film von Michael Douglas und Saul Zaentz. Für die Kamera zeichneten Haskell Wexler und Bill Butler verantwortlich, den Schnitt übernahmen Sheldon Kahn, Lynzee Klingman und Richard Chew. Die Musik komponierte Jack Nitzsche.
In den Hauptrollen sind Jack Nicholson als Randle Patrick McMurphy und Louise Fletcher als Oberschwester Mildred Ratched zu sehen. Weitere bedeutende Rollen übernahmen Brad Dourif als Billy Bibbit, Danny DeVito als Martini, Christopher Lloyd als Taber, Will Sampson als Chief Bromden, William Redfield als Harding und Dean R. Brooks als Dr. Spivey. Die Besetzung zeichnet sich durch eine Mischung aus damals noch weitgehend unbekannten Schauspielern und später berühmt gewordenen Namen aus.
Die Dreharbeiten fanden ab Januar 1975 im State Hospital in Salem, Oregon statt. Der Film erreichte eine Laufzeit von 133 Minuten und erhielt in Deutschland eine Freigabe ab 12 Jahren. Bei der Oscarverleihung 1976 gewann er alle fünf Hauptpreise, die sogenannten Big Five. 1993 nahm die Kongressbibliothek den Film in das National Film Registry auf.
Handlung & Inhalt vom Film „Einer flog über das Kuckucksnest“
Der 38-jährige Randle Patrick McMurphy wird wegen Gewalt- und Sexualdelikten aus dem Gefängnis in eine psychiatrische Anstalt verlegt, um seinen Geisteszustand überprüfen zu lassen. Er hat seine psychische Erkrankung vorgetäuscht, um der harten Zwangsarbeit zu entgehen. In der geschlossenen Männerstation trifft er auf 17 weitere Insassen und die Oberschwester Mildred Ratched, die mit eiserner Hand über die Station herrscht. McMurphy nimmt an den täglichen Gruppensitzungen teil, die Ratched leitet und in denen sie Patienten gegeneinander ausspielt, anstatt therapeutisch zu arbeiten. Ihr Ziel ist nicht Heilung, sondern die Festigung ihrer Macht über die Gruppe.
McMurphy verweigert sich von Beginn an den Regeln der Station und belebt seine Mitpatienten mit Aktivitäten wie Basketball, Kartenspielen und Wetten. Er versucht vergeblich, einen schweren Hydrotherapietisch vom Boden zu reißen, um einen Fluchtweg zu schaffen, und beeindruckt die anderen trotz seines Scheiterns mit seiner Halsstarrigkeit. Besonders zu Charlie Cheswick, dem stotternden Billy Bibbit und dem vermeintlich taubstummen Indianer Chief Bromden baut er eine Verbindung auf. Als Ratched seine Forderung nach Fernseherlaubnis für Baseballspiele ablehnt, kommentiert McMurphy das nicht existierende Spiel so mitreißend, dass die anderen mitspielen. Später kapert er den Stationsbus und unternimmt mit einigen Patienten einen Ausflug zum Hochseeangeln.
Eskalation und Konfrontation
Die Spannungen zwischen McMurphy und Ratched verschärfen sich zunehmend. Als Cheswick in einer Trotzreaktion seine konfiszierten Zigaretten verlangt und Ratched ablehnt, holt McMurphy sie gewaltsam. Die daraus resultierende Schlägerei mit den Pflegern führt dazu, dass Ratched für McMurphy, Cheswick und Bromden Elektroschocks anordnet. In einer späteren Gruppensitzung erfährt McMurphy entsetzt, dass die meisten Patienten freiwillig in der Anstalt sind, während er selbst auf unbestimmte Zeit festgehalten werden kann. Diese Erkenntnis verändert seine Perspektive grundlegend.
McMurphy plant seine Flucht zusammen mit Chief Bromden, der ihm offenbart, seine Taubstummheit nur vorzutäuschen. Er schmuggelt zwei Freundinnen, Candy und Rose, mit Alkohol auf die Station, um während der Party zu verschwinden. Als der junge Billy Interesse an Candy zeigt, ermutigt McMurphy ihn, mit ihr zu schlafen, und verschiebt die Flucht. Die Gruppe schläft alkoholisiert ein, sodass Ratched am nächsten Morgen die verwüstete Station vorfindet. Sie entdeckt Billy mit Candy und konfrontiert ihn vor allen anderen.
Billy antwortet zunächst ohne Stottern, doch als Ratched androht, seine Mutter zu informieren, kehrt das Stottern zurück. Kurz darauf findet man ihn tot in seinem Blut – er hat sich mit einer Scherbe die Kehle durchgeschnitten. Ratched fordert die Insassen auf, mit dem normalen Tagesablauf fortzufahren. McMurphy rastet aus und versucht, Ratched zu erwürgen, bis ein Pfleger ihn niederschlägt. Tage später wird er in die Station zurückgebracht, nicht mehr ansprechbar, mit vernähten Schnitten einer Lobotomie auf der Stirn. Chief Bromden erstickt ihn aus Mitleid mit einem Kissen, reißt den Hydrotherapietisch aus dem Boden und wirft ihn durch ein Fenster, um in die Freiheit zu fliehen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Einer flog über das Kuckucksnest“
„Einer flog über das Kuckucksnest“ funktioniert dramaturgisch präzise, weil Forman auf melodramatische Überhöhung verzichtet und stattdessen auf Authentizität setzt. Die Dreharbeiten im echten State Hospital in Salem erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, die nicht künstlich wirkt. Nicholson verkörpert McMurphy ohne heroische Gesten – sein Charakter bleibt ambivalent, manchmal egoistisch, manchmal solidarisch. Fletcher spielt Ratched nicht als Monster, sondern als Funktionärin eines Systems, die ihre Macht mit vermeintlicher Fürsorge legitimiert. Diese Subtilität verleiht dem Film eine Durchschlagskraft, die weit über Genregrenzen hinausreicht.
Die Inszenierung arbeitet mit langen Einstellungen und reduzierter Kamerabewegung, wodurch die Isolation der Figuren spürbar wird. Besonders eindrücklich ist die Szene, in der McMurphy das nicht existierende Baseballspiel kommentiert – ein Moment, der Widerstand als imaginären Akt zeigt, der dennoch Gemeinschaft stiftet. Jack Nitzsche verwendet ungewöhnliche Instrumente wie eine singende Säge, um Verfremdung zu erzeugen. Der Schnitt lässt Szenen ausatmen, statt sie zu beschleunigen, was dem Film eine dokumentarische Qualität gibt. Formans Verzicht auf eindeutige Perspektiven zwingt das Publikum, selbst Position zu beziehen.
Der Film endet ohne Erlösung, sondern mit einem Akt der Gnade, der gleichzeitig eine Niederlage markiert. Chief Bromdens Flucht ist kein Triumph, sondern die einzig verbliebene Option in einem System, das keinen Ausweg zulässt. Formans Meisterschaft liegt darin, dass er keine Lösungen anbietet, sondern Mechanismen offenlegt. Für Zuschauer, die sich mit psychologischen Dramen auseinandersetzen wollen, bleibt dieser Film unentbehrlich.