Warum werden Kinofilme immer länger? – Der Wegfall der Schere im heutigen Kino

Warum werden neue Kinofilme immer länger? Ist ein Wegfall der Schere zu sehen? Ob „Avengers: Endgame“ oder „The Wolf of Walls Street“. Sie alle haben eine Gemeinsamkeit: Die Laufzeit. Kinofilme sind in den letzten Jahren immer länger geworden, was vermuten lässt, das ein Wegfall der Schere mehr und mehr Einzug gehalten hat.

Früher dauerte ein normaler Hollywood-Film rund 90 Minuten, heute ist die Überlänge das Programm und dies kann gerade im Kino und je nach Film manchmal zur Geduldsprobe werden.

Die Länge ist das Ziel

In Hollywood gibt es viele Blockbuster, die schon allein mit ihrer Lauflänge viele Kinogänger abschrecken, da die Aufmerksamkeit des Zuschauers mit den fortschreitenden Minuten des Films abnehmen kann. So misst der letzte Star Wars Film „The Rise of Skywalker“ ganze 145 Minuten, während „Titanic“ sogar eine Lauflänge von 194 Minuten vorweisen kann.

Der Zuschauer bekommt bei diesen Lauflängen auch viel für sein Geld geboten, allerdings sind die Kinofilme mit der Handlung meist zu groß aufgezogen, um einen Film dieser Länge sinnvoll füllen zu können. Ein Wegfall der Schere ist also nicht zwingend zuträglich für den Zuschauer.

Der Hollywood-Blockbuster „Hobbs and Shaw“ zieht sich beispielsweise über lange Strecken des Films an einer sehr schmalen Story entlang, welche auch nach einer Stunde schon ihr Finale gefunden haben könnte. Dabei erstreckt sich der Film über eine Lauflänge von geschlagenen 136 Minuten.

Beim Prinzip der längeren Spannungsbögen und herausgezögerten Höhepunkte haben sich die Hollywood Produzenten dabei in der Glücksspielindustrie bedient. In den letzten Jahren wurden nämlich auch hier die Intervalle zwischen dem sogenannten Freispielen, aber auch der Spannungsaufbau intensiver. Besonders im Bereich der Online-Spielotheken haben sich die Entwickler in den vergangenen Jahren einige Tricks einfallen lassen, um die Zeit zwischen den Features möglichst aufregend zu gestalten.

Filme der Art von „Hobbs and Shaw“ würden sich vermutlich auch in 90 Minuten gut erzählen lassen, ohne dabei einen wichtigen Handlungsbogen auslassen zu müssen. Dies ist die Qual vieler aktueller Kinofilme, die heutzutage scheinbar mehr denn je auf eine vorher festgelegte Länge abgestimmt sind.

VHS-Kassetten waren der Anfang

Schon früher wurden die Kinofilme immer länger. Mit der Entstehung des Medium Films ließen sich bei fortschreitender Erfahrung, Budget und Technik immer größere und aufwendigere Geschichten erzählen. So wurden auch die Lauflängen größer, der Beginn vom Wegfall der Schere, da die Produzenten mehr Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Geschichte besaßen.

VHS-Kassetten waren der Anfang Gerade in den 50er und 60ern wollte sich die Filmindustrie vom aufkommenden TV-Markt abheben, was noch größere Filme hervorbrachte. So wurden zu dieser Zeit heutige Klassiker wie „Cleopatra“, aus dem Jahre 1963, mit einer Laufzeit von 233 Minuten, oder „Ben Hour“, aus dem Jahre 1959, mit einer Länge von 212 Minuten verfilmt. So sollte die Botschaft übertragen werden, dass wahre, epische Geschichten nur im Kino gesehen werden konnten und es im Fernsehen nichts Vergleichbares gäbe.

In den 70er und 80er Jahren beruhigte sich dieses Phänomen wieder und die Filmindustrie widmete sich ebenso kleinen Projekten, welche die Filmlängen wieder kürzer werden ließen. Die Regisseure ihrer Zeit kosteten die zurück gewonnenen Möglichkeiten aus und lieferten sich in der Kreativität einen erneuten Wettkampf. So wurden viele kürzere Filme produziert, die eine neue Technologie nutzen konnten und sich somit weiter verbreiten konnten: Die VHS-Kassette war geboren.

Mit der Kassette hatten die Filmproduzenten und -produktionsfirmen ein Limit von 120 Minuten, da längere Filme zwar technisch auf der Kassette gespeichert werden konnten, sich aber schwerer vermarkten ließen. So dauerte der Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ gerade einmal 93 Minuten, welcher mit dieser Laufzeit genau die richtige Länge hatte.

Die falsche Sichtweise

In den Zeiten von DVD und Blu-ray Disc sind die Beschränkungen der Kassette nicht mehr wichtig. Heutzutage könnte ein 4 Stunden-Film problemlos auf eine Blu-ray Disc gespeichert werden. Die Prämisse von damals war eine Unterhaltung der Zuschauer über mehrere Stunden, ähnlich einer Kirmes. Heutzutage gehen die Menschen geplanter ins Kino und nutzen ihre Zeit bewusst für die Ablenkung oder das Erlebnis eines Hollywood-Films.

Die falsche Sichtweise Dem typischen Zuschauer reicht dabei aber auch eine Ablenkung von rund 90 Minuten, um eine kurze Alltagspause einzulegen und sich kurz voll und ganz auf eine Geschichte einzulassen. Dabei spielen mehrere Faktoren wie ein anstehendes Treffen, oder ein wichtiger Termin eine Rolle bei der Entscheidung, ob man gerade jetzt doch die nötige Zeit für einen monumentalen Kinofilm von 170 Minuten hat.

Hollywood verfolgt heutzutage fälschlicherweise immer noch eine ganz ungewöhnliche Ansicht. So ist es in der Traumfabrik üblich, dass Filmproduzenten ihre Werke länger machen wollen, damit der Film eine größere Chance auf einen Oscar hat. Diese Anschauung zieht die Länge der Kunst vor und bestrebt das Denken, dass ein längerer Film besser ist als ein kurzer Film. Zudem begründen die Filmstudios ihre Lauflänge mit der größeren Gegenleistung für das Geld, welches der Zuschauer ausgibt.

Diese Beispiele veranschaulichen die, immer noch, falsche Sicht von Marktwissenschaftlern auf das Thema Kunst im Allgemeinen. Ein Film wird nicht automatisch besser, nur weil er länger ist. Ganz im Gegenteil kann dies genau die Langeweile hervorrufen, die bei einem Film der größte Feind neben den Logiklöchern ist.

Wegfall der Schere: Mehr Spektakel ist mehr…

Mehr Spektakel ist mehr... Der Anteil der Kinofilme mit Überlänge wird immer größer, was ein Wegfall der Schere unterstreicht. So ertappen wir uns bei der Wahl des Filmes immer öfter bei einem Blick auf die Laufzeit. Dies ist allerdings normal, da der Zuschauer sich die Zeit für einen guten Film bewusst nehmen will, wenn dieser es auch wert ist. Gute Filme sind aber nicht gleichzusetzen mit langen Filmen. Für gute Kinofilme bedarf es einer guten und kompakten Handlung. Wenn diese Handlung in 165 Minuten erzählt ist und den Zuschauer dabei dauerhaft unterhalten hat, ist der Film als Kunstform die Zeit jedes Mal wert.

X