Wir sind die Nacht
Vampire haben die Popkultur in Wellen durchzogen – mal als gotische Schreckgestalten, mal als romantisierte Unsterbliche im Teenagerdrama. In Dennis Gansels „Wir sind die Nacht“ aus dem Jahr 2010 ist der Blutsauger weiblich, und das aus gutem Grund. Berlin bei Nacht, Clubs mit Donnerbass, Luxuslimousinen auf leeren Autobahnen: Gansel entwirft eine Welt, in der das Vampire-Sein weniger Fluch als Konsumrausch ist.

| Dauer: | 96 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2010 |
| Kategorien: | Action, Horror |
| Regie: | Dennis Gansel |
| Produzenten: | Christian Becker, Oliver Nommsen |
| Hauptdarsteller: | Karoline Herfurth, Nina Hoss, Jennifer Ulrich |
| Nebendarsteller: | Anna Fischer, Max Riemelt, Arved Birnbaum, Steffi Kühnert |
| Studio: | Celluloid Dreams, Constantin Film, Rat Pack Filmproduktion |
Dabei war der Weg zum fertigen Film lang. Fast fünfzehn Jahre arbeitete Gansel an dem Stoff, der ursprünglich unter dem Titel „The Dawn“ als Liebesgeschichte geplant war. Der Hype um Twilight beschleunigte die Produktion – und zwang gleichzeitig zu einer grundlegenden Umschreibung des Drehbuchs. Was am Ende entstand, ist ein Film, der mit Genrekonventionen spielt, sie manchmal bricht und manchmal an ihnen scheitert. Ob das mehr Stärke als Schwäche ist?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Wir sind die Nacht“ ist ein deutscher Spielfilm unter der Regie von Dennis Gansel, der gemeinsam mit Jan Berger das Drehbuch verfasste. Produziert wurde der Film von Christian Becker und Oliver Nommsen für Rat Pack Filmproduktion und Constantin Film. Die Filmmusik stammt von Heiko Maile, die Kamera führte Torsten Breuer, den Schnitt übernahm Ueli Christen.
In den Hauptrollen sind Karoline Herfurth als die kleinkriminelle Lena und Nina Hoss als Vampiranführerin Louise zu sehen. Weitere zentrale Rollen übernehmen Jennifer Ulrich als Charlotte, Anna Fischer als Nora sowie Max Riemelt als Kommissar Tom Serner. Arved Birnbaum spielt Toms Kollegen Lummer.
Gedreht wurde im Herbst 2009 in Berlin, mit einem Budget von etwa 6,5 Millionen Euro. Als Schauplätze dienten unter anderem das alte Stadtbad Lichtenberg, das Hotel Cumberland am Kurfürstendamm, der Bahnhof Zoo, der Spreepark und schließlich der Teufelsberg. Der Film hatte seine Weltpremiere beim Festival de Cinema Fantàstic de Sitges 2010, wo er den Sonderpreis der Jury erhielt. Der reguläre Kinostart in Deutschland war am 28. Oktober 2010.
Handlung & Inhalt vom Film „Wir sind die Nacht“
Lena ist zwanzig Jahre alt und lebt von der Hand in den Mund. Die Berlinerin klaut Geldbörsen, weicht der Polizei aus und kennt keine andere Welt als Bahnhofstreppen und Plattenbauflure. Bei einem Diebstahl auf einem illegalen Rave gerät sie ins Visier des jungen Kommissars Tom Serner – kann ihm aber entwischen. Ebendieser Rave findet unter dem Motto „Wir sind die Nacht“ statt und wird zum Wendepunkt ihres Lebens. Die Clubbetreiberin Louise beobachtet Lena, flirtet sie an und beißt sie schließlich. Lena flieht, verstört und ahnungslos, doch die Veränderungen in ihr beginnen sofort.
Als Lena Louise zur Rede stellt, offenbart sich die Wahrheit: Louise ist über zweihundert Jahre alt und Anführerin eines weiblichen Vampirtrios, zu dem die ehemalige Stummfilmschauspielerin Charlotte und die lebenslustige Nora gehören. Männliche Vampire, so erfährt Lena, wurden von den Frauen vor Jahrhunderten ausgerottet – zu wild, zu auffällig. Seitdem gilt ein Schwur: Kein Mann wird mehr zum Vampir gemacht. Lena verwandelt sich nun langsam selbst, und Louise finanziert ihren Einstieg in ein Leben aus Partys, Luxushotels und rauschenden Nächten. Die Verwandlung ist abgeschlossen, ehe Lena wirklich entschieden hat, ob sie das überhaupt will.
Zwischen Faszination und Abgrund
Das neue Leben zeigt bald seine dunklen Seiten. Louise tötet beiläufig, Charlotte ist von tiefer Schwermut gezeichnet, und Nora kämpft mit der Unmöglichkeit, einen Menschen zu lieben, ohne ihn zu gefährden. Lena versteht die Faszination – und findet sich gleichzeitig zunehmend unwohl in einer Gemeinschaft, die jeden Abend Leichen hinterlässt. Hinzu kommt Louises krankhaft besitzergreifende Haltung: Sie glaubt, in Lena ihre wiedergeborene große Liebe gefunden zu haben – ein Irrglaube, den sie schon bei Charlotte und Nora hegte. Charlotte warnt Lena, dass Louise sich irgendwann von ihr abwenden wird. Derweil ermittelt Tom weiter, ohne zu ahnen, womit er es wirklich zu tun hat.
Die Situation eskaliert, als die Polizei die Vampirinnen aufspürt und ihre Suite stürmt. Bei der Flucht verbrennt Nora im Sonnenlicht. Louise gibt Lena die Schuld. Charlotte verabschiedet sich still von ihrer inzwischen sterbenden Tochter – der lebende Beweis, dass sie selbst keine Zeit hat – und wählt den Freitod in der Morgensonne. Lena flieht zu Tom und offenbart ihm ihr Vampirdasein. Er glaubt ihr, dennoch nimmt sein Kollege Lummer beide fest.
Das Finale spielt auf dem Teufelsberg. Louise hat Tom entführt und wartet auf Lenas Liebesbekenntnis. Lena spricht die Worte – Louise erkennt die Lüge und schießt auf Tom. Im anschließenden Kampf auf einem der alten Radartürme schleudert Lena Louise in die aufgehende Sonne. Als die Polizei eintrifft, sind Lena und der verletzte Tom verschwunden. Lummer, der mittlerweile ahnt, was wirklich vorging, verzögert die Fahndungsmeldung und wünscht beiden leise Glück. Ein alternatives Ende zeigt, wie Lena Tom beißt – den ersten männlichen Vampir seit Jahrhunderten.
Filmkritik und Fazit zum Film „Wir sind die Nacht“
„Wir sind die Nacht“ trägt eine ungewöhnliche Prämisse mit sich: ein Vampirfilm ohne männliche Blutsauger, der den Mythos konsequent feministisch umschreibt. Gansel und Berger entwickeln daraus eine Reihe reizvoller Ideen, die jedoch selten zu Ende gedacht werden. Karoline Herfurth trägt den Film mit einer rohen, glaubwürdigen Präsenz – ihre Lena pendelt überzeugend zwischen Straßenmädchen und unfreiwilliger Unsterblichen. Nina Hoss als Louise hingegen wirkt oft zu glatt, ihre angeblich jahrhundertealte Sehnsucht bleibt Behauptung. Die stärksten Momente gehören Anna Fischer, deren stille Szene am Krankenbett ihrer gealterten Tochter mehr Gewicht hat als jede Verfolgungsjagd.
Visuell setzt Torsten Breuers Kamera auf kontrastreiche Nachtaufnahmen, die Berlin zwischen Glamour und Verfall zeigen – das funktioniert. Heiko Mailes Score und die Auswahl elektronischer Tracks passen zum Puls des Films. Was dagegen unrund bleibt, ist das Erzähltempo: Der Film wechselt zwischen Club-Exzess, romantischer Spannung und düsterer Figurenstudie, ohne diese Ebenen wirklich zu verbinden. Manche Dialoge verfehlen die angestrebte Coolness und kippen ins Unfreiwillig-Komische. Das Berliner Lokalkolorit – vom alten Stadtbad Lichtenberg bis zum Teufelsberg – gibt dem Film dagegen eine konkrete, erdige Textur, die den abstrakten Vampirmythos angenehm erdet.
Für Genrefans, die deutschen Vampirfilmen eine Chance geben wollen, lohnt sich der Film trotz seiner Unebenheiten. Er ist weder konsequentes Arthouse-Kino noch reibungsloser Unterhaltungsfilm – sondern ein ambitionierter Versuch, der mehr gewinnt als verliert. Wer sich auf Herfurths Lena einlässt und die Berliner Nächte mit ihr erlebt, findet hier einen Film, der in Erinnerung bleibt – nicht makellos, aber lebendig.