Melancholia
Das Ende der Welt als innerer Zustand – diese Paradoxie steht im Zentrum von „Melancholia„, Lars von Triers apokalyptischem Kammerspiel aus dem Jahr 2011. Der dänische Regisseur verweigert dem Endzeitgenre seine üblichen Adrenalinreflexe. Kein Countdown, keine Evakuierung, kein heroischer Widerstand. Stattdessen: zwei Schwestern, ein schwedisches Schloss, ein Planet, der sich unaufhaltsam nähert. Von Trier kehrt die Prioritäten um. Nicht das kosmische Ereignis ist das Eigentliche, sondern die menschliche Seele davor.

| Dauer: | 136 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2011 |
| Kategorien: | Drama, Science-Fiction |
| Regie: | Lars von Trier |
| Produzenten: | Louise Vesth, Meta Louise Foldager Sørensen |
| Hauptdarsteller: | Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Kiefer Sutherland |
| Nebendarsteller: | Alexander Skarsgård, Cameron Spurr, Stellan Skarsgård, John Hurt |
| Studio: | Zentropa Entertainments, Memfis Film, Zentropa International Sweden, Slot Machine, Liberator Productions, Zentropa International Köln, DR, Film i Väst, ARTE France Cinéma |
Was bedeutet es, dem Unabwendbaren ins Auge zu blicken? Und wer ist in diesem Moment klarer bei sich – der rational Funktionierende oder derjenige, den die Welt längst für verloren hält? Von Trier stellt diese Frage mit einer Konsequenz, die keine einfache Auflösung duldet. „Melancholia“ ist ein Film, der sich nicht erklärt. Er lässt sich spüren – ob man will oder nicht.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Melancholia“ entstand 2011 als dänisch-schwedisch-französisch-deutsche Koproduktion unter der Regie von Lars von Trier, der auch das Drehbuch verfasste. Die Kamera lag in den Händen von Manuel Alberto Claro, den Schnitt verantwortete Molly Malene Stensgaard. Produziert wurde der Film von Meta Louise Foldager und Louise Vesth. Die Dreharbeiten fanden vom 22. Juli bis 8. September 2010 in Schweden statt, wobei das Schloss Tjolöholm bei Kungsbacka als Außenkulisse diente und die Innenszenen in den Filmstudios von Trollhättan entstanden.
Die Hauptrolle der Justine übernahm Kirsten Dunst, deren Darstellung auf der Berlinale in Cannes mit dem Preis als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. An ihrer Seite spielt Charlotte Gainsbourg die Schwester Claire, Kiefer Sutherland verkörpert deren Ehemann John. Weitere Rollen bekleiden Alexander Skarsgård als Michael, Charlotte Rampling und John Hurt als die geschiedenen Eltern sowie Stellan Skarsgård, Brady Corbet und Udo Kier. Die musikalische Achse bildet Richard Wagners Vorspiel zu „Tristan und Isolde„, das eigens für den Film bearbeitet wurde.
Der Film läuft 135 Minuten und ist ab zwölf Jahren freigegeben. Er feierte seine Premiere bei den 64. Filmfestspielen von Cannes im Mai 2011. In deutschen Kinos war er ab dem 6. Oktober 2011 zu sehen. „Melancholia“ wurde für mehr als 70 internationale Filmpreise nominiert und gewann unter anderem drei Europäische Filmpreise sowie zehn Robert-Filmpreise. Bei einer BBC-Umfrage zu den bedeutendsten Filmen des 21. Jahrhunderts belegte er im Jahr 2016 Platz 43.
Handlung & Inhalt vom Film „Melancholia“
Bevor die eigentliche Erzählung beginnt, setzt von Trier eine achtminütige Ouvertüre voran. In extremer Zeitlupe zeigt sie Hauptfiguren, fallende Vögel, ein zusammenbrechendes Pferd und den Planeten Melancholia, der langsam auf die Erde zurast. Die Sequenz endet mit der Kollision beider Himmelskörper. Was folgt, ist keine Überraschung mehr, sondern eine Gewissheit. Der Film erzählt sein Ende, bevor er seinen Anfang zeigt. Diese Bilder stammen aus dem Traum der Protagonistin Justine, den sie später in Worte fasst. Zwei Handlungsteile schließen sich an, jeder nach einer der Schwestern benannt.
Der erste Akt trägt den Titel „Justine“ und schildert deren Hochzeit mit Michael auf dem Landsitz ihrer Schwester Claire und deren wohlhabendem Ehemann John. Das Brautpaar verspätet sich bereits bei der Ankunft; die Stimmung ist von Beginn an gespannt. Justine entdeckt am Himmel einen auffällig strahlenden Stern – John klärt sie auf, es handle sich um Antares. Die Feier verläuft chaotisch: Die geschiedenen Eltern Gaby und Dexter streiten offen vor den Gästen, Justine zieht sich immer wieder zurück. Ihr Vorgesetzter Jack erwartet noch während der Feier einen Werbeslogan von ihr. Sie kündigt schließlich ihren Job, betrügt Michael mit einem Kollegen und wird am Ende der Nacht von ihrem Mann verlassen. Antares ist da längst nicht mehr am Himmel zu sehen.
Der Planet rückt näher: Eskalation und Auflösung
Im zweiten Akt, „Claire“ betitelt, holt die Schwester die schwer depressive Justine zurück auf den Landsitz. Mühsam unterstützt Claire sie bei der Rückkehr in den Alltag; gemeinsam reiten sie aus. John erklärt, Antares werde durch den vagabundierenden Planeten Melancholia verdeckt. Der Planet, so versichert er, werde die Erde lediglich passieren – eine Kollision sei ausgeschlossen. Claire verfolgt dennoch beunruhigt abweichende Berechnungen im Netz. Justine hingegen scheint keinerlei Angst zu verspüren. Sie badet nachts nackt im blauen Licht des sich nähernden Planeten, als berge er keine Bedrohung, sondern eine Verheißung.
Seltsame Zeichen häufen sich: Der Strom fällt aus, das Personal bleibt weg, die Pferde werden unruhig, das Wetter schlägt unvermittelt um. Melancholia fliegt zunächst an der Erde vorbei. John scheint recht behalten zu haben. Doch der Planet kehrt zurück. Er kreuzt die Erdumlaufbahn ein zweites Mal und bewegt sich nun direkt auf die Erde zu. Als John dies erkennt, nimmt er sich heimlich das Leben. Claire verheimlicht seinen Tod, versucht mit Leo zu fliehen – doch kein Fahrzeug springt mehr an. Die Außenwelt ist abgeschnitten. Es gibt keinen Ausweg mehr.
In den letzten Minuten vor der Kollision verweigert Justine Claires Wunsch nach einem sentimentalen Abschied bei Kerzenschein. Stattdessen baut sie mit dem kleinen Leo aus Ästen eine „magische Höhle“, die ihn beschützen soll. Die drei setzen sich hinein, halten sich an den Händen. Melancholia trifft auf die Erde. In einem Flammenmeer geht die Welt unter. Was bleibt, ist das Bild dreier Menschen, die einander halten – nicht aus Hoffnung, sondern aus dem einzigen, was am Ende noch möglich ist: Anwesenheit.
Filmkritik und Fazit zum Film „Melancholia“
„Melancholia“ ist ein Film, der sein Handwerk in den Dienst einer philosophischen Zumutung stellt. Manuel Alberto Claros Kameraarbeit bewegt sich zwischen entrückter Schönheit und dokumentarischer Nähe; die Ouvertüre in Zeitlupe wirkt wie ein Gemälde, das man nicht begreifen, nur erfahren kann. Kirsten Dunst trägt den Film mit einer Präsenz, die alle Sentimentalität verweigert: Ihre Justine ist kein Opfer, sondern eine Figur von dunkler Klarheit. Charlotte Gainsbourg hält dagegen als Claire – die Vernünftige, die am Ende zerbricht. Das Wagnersche Tristan-Vorspiel zieht sich als Leitmotiv durch fast ein Viertel des Films und erzeugt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann.
Das Tempo ist bewusst gedehnt, manchmal bis an die Grenze der Zumutung. Von Trier verweigert Katastrophenkino-Konventionen konsequent: Keine Spannungskurven, keine Rettungsfantasien. Wer Beschleunigung sucht, wird hier nicht fündig. Doch gerade diese Verweigerung ist das Kalkül. Die Inszenierung macht den Druck des Kommenden körperlich spürbar, nicht durch Effekte, sondern durch Stille und Dehnung. Der Verweis auf Andrei Tarkowski – etwa durch Bruegels „Die Jäger im Schnee“ in Justines Traum – ist kein Zitatspiel, sondern eine ernsthafte Verwandtschaft: Auch hier regiert die Zeit als dramaturgisches Prinzip.
„Melancholia“ ist kein Film für alle – und das mit voller Absicht. Er belohnt Zuschauer, die bereit sind, sich seiner langsamen Wucht zu überlassen. Für Liebhaber des anspruchsvollen Endzeitgenres, die im Kino nicht Flucht, sondern Reibung suchen, ist er unvermeidlich. Ein Werk, das nachwirkt, weil es nicht erklärt, was es bedeutet – sondern zeigt, wie es sich anfühlt, das Ende zu kennen und trotzdem da zu sein.