Neuer Österreichischer Trickfilm: Werkschau zum Ende des Studios
Wenn in der freien Wirtschaft oder auch im kreativen Rahmen Kapitel enden, dann tun sie es oft aufgrund von bestimmten Vorkommnissen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Umso schöner ist es, dass das Studio „Neuer Österreichischen Trickfilm“ ein tolles Ende markieren kann, das anlässlich des 10-jährigen Jubiläums stattgefunden hat. Somit kann man wirklich von einer runden Sache sprechen. Zehn Jahre lang wurden zahlreiche Projekte umgesetzt, wobei man den Fokus vor allem auf klassische narrative Trickfilme gelegt hat, wie es sie in Österreich in den letzten Dekaden seltener gegeben hat.

Im Laufe der Jahre konnte das Studio wachsen und auch weitere Aufgaben in der Welt des Kinos und Fernsehens übernehmen. Die Finanzierung der Projekte war oftmals ein Problem, weshalb man jetzt stolz zurückblicken kann. Für die Zukunft bedeutet es, dass sich die drei Gründer neue Herausforderungen suchen und diese mit demselben Elan angehen werden. Mehr dazu in diesem Artikel.
10-Jahre Werkschau im Filmhaus Spittelberg
Schöner kann man eigentlich gar nicht abtreten. Am 26. April 2021 fand im Filmhaus am Spittelberg die Eröffnung des Best Austrian Animation Festivals statt. Dafür hat man sich in diesem Jahr etwas Besonderes einfallen lassen. Es gab eine Werkschau. 10 Jahre „Neuer Österreichischer Trickfilm“. Das Studio, das 2011 gegründet wurde, konnte also sein Jubiläum feiern. Aber es war ein ganz besonderes Jubiläum, da damit auch der Abschied verkündet wurde. Nach 10 Jahren gemeinsamer Arbeit haben sich Conrad Tambour, Johannes Schiehsl und Benjamin Swiczinsky dazu entschlossen, das Studio ad acta zu legen, um in Zukunft neue Wege beschreiten zu können.
Um die letzten zehn Jahre gebührend zu feiern, hat man sich dafür entschieden, Werke aus dieser Zeit zu zeigen. Dabei konnte man gut erkennen, wie vielfältig die Arbeit war, die in diesem Zeitraum geschaffen wurde. Tatsächlich gab es an dem Abend sogar mit „NÖT-Time Lapse 1 + 2“ und „Er flog voraus“ Premieren. Die Time-Lapse-Filme wurden natürlich anlässlich des Jubiläums geschaffen. Eindrucksvoll hat die Werkschau gezeigt, dass es ganz unterschiedliche Projekte gegeben hat. Unter anderem Musikvideos, Werbespots, Kurzfilme und eben Animationsfilme. Die Bandbreite reichte dabei von Independentfilmen bis hin zu internationalen Koproduktionen.
Von der Gründung bis zur Auflösung
Das Studio wurde vor fast genau zehn Jahren gegründet. Im Juni 2011 gründeten Benjamin Swiczinsky, Conrad Tambour und Johannes Schiehsl das Studio. Gemeinsam hatten die drei, dass sie Regisseure waren, die ihren Abschluss an der Filmakademie Baden-Württemberg gemacht hatten und anschließend nach Wien zurückkehrten. Mit „Neuer Österreichischer Trickfilm“ wollte man österreichische narrative Animationsfilme schaffen, was zu der Zeit interessant war, da vor allem Experimentalfilme den Markt beherrschten. Die Filme sollten den Fokus auf intelligente und authentische Charaktere legen, deren anspruchsvolle Geschichten erzählt werden. Auch sollte dabei immer wieder der Blick auf österreichische Milieus gehen.

Der Start des Studios begann vielversprechend, da er mit drei Abschlussfilmen gleichzusetzen ist, die sogar preisgekrönt wurden. Im Wiener Filmcasino begann das Studio mit der Premiere der Filme. Die drei Filme waren „Heldenkanzler„, „366 Tage“ und „The Visit“. Alle drei Filme konnten mit guten Besetzungen punkten, wobei einige prominente Schauspieler und Kabarettisten mit ihren Stimmen an Bord waren. Über die Jahre hat sich das Arbeitsspektrum von „Neuer Österreichischer Trickfilm“ erweitert. Es entstanden auch Musikvideos und Werbespots. Unter anderem wurde auch Regie bei der 3. Staffel der Zeichentrickserie „Hexe Lilli“ geführt. Mit der Jubiläums-Werkschau im Filmhaus Spittelberg fand das Studio jetzt seinen krönenden Abschluss.
Besondere Werke in dieser Zeit
Zu den besonderen Filmen des Studios müssen auf jeden Fall die drei Filme gezählt werden, mit denen alles begann. Von Benjamin Swiczinsky stammt der Film „Heldenkanzler“, der sich animiert und satirisch mit dem österreichischen Diktator Engelbert Dollfuß im Jahr 1933 auseinandersetzt. „366 Tage“ ist dagegen der Abschlussfilm von Johannes Schiehsl. Darin geht es um traumatische und prägende Erlebnisse, die während des Zivildienstes als Rettungssanitäter entstanden sind. Der Film wurde im Rhythmus des Radetzkymarschs geschnitten und konnte unter anderem den Hamburg Animation Award 2012 gewinnen.
Conrad Tambour schuf „The Visit“. In der tragisch-komischen Geschichte geht es um das Altern. Eine alte Frau kocht in der Nacht für ihre verstorbenen Freunde. Über die Jahre sind viele verschiedene Werke entstanden, von denen man jetzt einige bei der letzten Werkschau bestaunen durfte. Unter anderem:
Ausgewählte Werke
- 📺 Zeichentrickserie „Hexe Lilli“
- 🎬 „Der Maulwurf und der Regenwurm“
- 🎬 „Sternenjäger“
- 🎵 „Die Telefonbuchpolka“
- ▶️ Musikvideo „Ein Hologram für den König“
- 📢 Werbespot für die „Wiener Zeitung“
- 🚀 Kurzfilm „Zweisitzrakete“
Viele Werke können auch weiterhin auf dem YouTube-Kanal von „Neuer Österreichischer Trickfilm“ angeschaut werden.
Heldenkanzler
Der animierte Kurzfilm erzählt den Aufstieg von Engelbert Dollfuß, der 1933 in Wien die parlamentarische Demokratie aushebelte und einen autoritären Ständestaat errichtete. Dollfuß wird als komplexbehafteter Möchtegern-Diktator gezeigt, der linke Parteien ausschaltet und die Todesstrafe einführt. Archivmaterial und Animationssequenzen wechseln sich ab und begleiten ihn auf seinem Weg zur Macht – ohne pädagogischen Zeigefinger, aber mit deutlich satirischem Blick.
Die Off-Stimme des Dollfuß, gesprochen vom österreichischen Schauspieler Erwin Leder, erzählt die letzten Jahre seines Lebens aus der Ich-Perspektive. Die zweidimensionalen Zeichnungen in überwiegendem Schwarz-Weiß verstärken die düstere Atmosphäre der Zeit. Trotz der historischen Schwere bleibt der Ton des Films satirisch: Dollfuß und die Figuren um ihn herum werden als lächerliche Gestalten gezeichnet, die dennoch Anerkennung in der Öffentlichkeit finden.
366 Tage
Der junge Patrick leistet seinen Zivildienst als Rettungssanitäter ab. An der Seite eines zunächst grummeligen, unnahbaren Kollegen fährt er täglich zu Einsätzen und gelangt in die Wohnungen älterer Menschen. Dort begegnet er weniger schweren Verletzungen als einer anderen Last: der Einsamkeit. Das durchkalkulierte Gesundheitssystem lässt keinen Raum für lange Gespräche, obwohl genau das wäre, was viele der Patienten bräuchten. Der Zwiespalt zwischen dem Wollen und dem Dürfen zehrt an Patrick.
Die Rettung kommt von dort, wo er sie am wenigsten erwartet: sein älterer Kollege macht ihm ein unerwartetes Geschenk und öffnet ihm damit einen Zugang zur Welt des Rettungsdienstes – den Radetzkymarsch. Der gesamte Film ist im Rhythmus dieses Stücks geschnitten, was dem ernsten Stoff eine eigentümliche, fast tröstliche Leichtigkeit verleiht. Schiehsl verarbeitete in dem zwölfminütigen Animationsfilm eigene Erlebnisse aus seiner Zeit als Zivi.
The Visit
Mitten in der Nacht ruft eine alte Frau ihren Sohn Wolfgang zu sich, weil sie angeblich den Herd nicht ausschalten kann. Doch darum geht es ihr nicht wirklich. Sie kocht für Gäste – für Freunde, die längst verstorben sind. Der Sohn, wenig begeistert vom nächtlichen Ausflug zur Mutter, schaltet den Herd ab, bringt sie ins Bett und glaubt, die Sache erledigt zu haben. Dann klingelt es an der Tür. Die Freunde erscheinen tatsächlich.
Was zunächst wie eine harmlose Verwirrung einer älteren Frau wirkt, entfaltet sich zu einer tragikomischen Geschichte über Demenz, Einsamkeit und die Frage, wo die Grenze zwischen Erinnerung und Wirklichkeit verläuft. Tambour lässt bewusst offen, was real ist und was nicht. Die Stimmen österreichischer Schauspielgrößen wie Erni Mangold, Erwin Steinhauer, Klaus Ofczarek und Ingrid Burkhard verleihen dem achminütigen Kurzfilm eine besondere Wärme.
Neuer Österreichischer Trickfilm: das Fazit
Das Studio „Neuer Österreichischer Trickfilm“ verabschiedet sich nach einer Dekade, in der zahlreiche interessante Projekte geschaffen werden konnten. Es fing mit Animationen an, doch über die Jahre wurden viele verschiedene Werke geschaffen, die auch heute noch die enorme Kreativität und das Handwerk des Studios belegen. Im Filmhaus Spittelberg gab es eine abschließende Werkschau, die noch einmal die beeindruckende Bandbreite zeigte. Es ist ein sauberer und erfolgreicher Abschluss. Dieses Ende ist auch ein Anfang, denn die drei Gründer Conrad Tambour, Johannes Schiehsl und Benjamin Swiczinsky schauen jetzt nach neuen Herausforderungen. Schiehsl plant unter anderem die Gründung eines eigenen Animationsstudios.