Tschick
Im deutschen Jugendfilm stellt sich oft die Herausforderung, zwischen Realität und Aufbruch zu vermitteln. „Tschick“ greift diese Spannung auf und setzt sie in ein Roadmovie voller Bewegung und Unschärfen. Zwischen Provinzlandschaften, jugendlichem Übermut und leisen Zwischentönen entsteht ein Film, der Herkunft und Identität nicht trennt, sondern parallel führt. Das Buch von Wolfgang Herrndorf prägte eine Generation, die filmische Adaption setzt auf Bilder statt Erklärungen.

| Dauer: | 93 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2016 |
| Kategorien: | Abenteuer |
| Regie: | Fatih Akin |
| Produzenten: | Marco Mehlitz |
| Hauptdarsteller: | Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller |
| Nebendarsteller: | Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading |
| Studio: | Lago Film, StudioCanal, RBB, NDR, ARD Degeto |
Zwei Vierzehnjährige, die sich kaum kennen, entfernen sich gemeinsam vom Alltag. Ein gestohlenes Auto wird zum Ausgangspunkt eines Sommers, in dem Orientierung keine Rolle spielt. Zwischen abgelegenen Dörfern, merkwürdigen Begegnungen und kleinen Grenzüberschreitungen entwickelt sich eine Dynamik, die von außen kaum greifbar wirkt. Maik und Tschick bewegen sich durch Ostdeutschland, als suchten sie nichts Bestimmtes, aber wüssten, dass sie etwas finden. Was bleibt nach einem Sommer, der alles verändert hat?
Besetzung, Regie und Drehorte
Der Spielfilm „Tschick“ erschien im Jahr 2016 und hat eine Laufzeit von 93 Minuten. Die Regie übernahm Fatih Akin, der auch gemeinsam mit Lars Hubrich und Hark Bohm am Drehbuch arbeitete. Die Musik stammt von Vince Pope, die Kamera führte Rainer Klausmann. Für den Schnitt war Andrew Bird verantwortlich, Marco Mehlitz produzierte den Film. Tristan Göbel spielt Maik Klingenberg, Anand Batbileg verkörpert Andrej „Tschick“ Tschichatschow. Mercedes Müller übernahm die Rolle von Isa Schmidt, Aniya Wendel spielte Tatjana Cosic. Anja Schneider trat als Maiks Mutter auf, Uwe Bohm als dessen Vater Josef. Die Altersfreigabe liegt bei 12 Jahren. Das Genre ist ein Jugend-Spielfilm mit starkem Fokus auf das Erwachsenwerden zweier Jungen in einem ungewöhnlichen Sommer.
Tschick gewann 2017 den „Bayerischen Filmpreis“ als bester Jugendfilm sowie den Europäischen Filmpreis als Publikumspreis für den besten Kinderfilm. Beim Deutschen Filmpreis erhielt der Film Nominierungen in vier Kategorien: Bester Spielfilm, Beste Kamera, Bester Schnitt und Beste Tongestaltung. Mercedes Müller wurde für den Deutschen Schauspielpreis nominiert. Anand Batbileg und Tristan Göbel gewannen den New Faces Award. Die Deutsche Film- und Medienbewertung verlieh dem Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Akin kam erst sieben Wochen vor Drehbeginn zum Projekt.
Handlung & Inhalt vom Film „Tschick“
Maik Klingenberg lebt in einem Vorort von Berlin und fühlt sich wie ein unsichtbarer Außenseiter. Seine Mitschüler meiden ihn, seine Eltern zeigen wenig Interesse an seinem Leben. Die Mutter trinkt, der Vater hat Schulden und verlässt das Haus mit seiner jungen Assistentin. Maik bleibt über die Sommerferien allein mit 200 Euro und einem leeren Pool zurück. Besonders schmerzt ihn, dass Tatjana, in die er heimlich verliebt ist, ihn nicht zu ihrer Geburtstagsparty einlädt. Um ihr dennoch nahe zu sein, zeichnet er tagelang ein Porträt für sie. Der Sommer beginnt trostlos – bis plötzlich Tschick in seinem Leben auftaucht.
Tschick, ein neuer russlanddeutscher Schüler mit chaotischem Verhalten und Alkoholgeruch, steht eines Tages mit einem alten Lada vor Maiks Tür. Er überredet Maik, zur Party zu fahren, ungeachtet der fehlenden Einladung. Gemeinsam tauchen sie kurz dort auf, überreichen das Bild und fahren wieder ab. Danach beschließen sie spontan, in die „Walachei“ zu reisen, zu Tschicks angeblichem Großvater. Ohne Ziel, ohne Karte, ohne Plan – aber mit einem klaren Bedürfnis nach Freiheit. Sie werfen Maiks Handy aus dem Fenster und folgen nur noch Tschicks Gefühl für Richtung. Ihre Reise wird zur Flucht aus dem Alltag und in ein neues Selbst.
Ein Ende, das Hoffnung schenkt
Auf ihrer Fahrt begegnen sie Menschen, die so unterschiedlich sind wie ihre Lebenswelten. Eine Familie lädt sie zum Essen ein, ein Polizist will sie kontrollieren, Adelige auf Rädern kreuzen ihren Weg. Trotz fehlender Orientierung entsteht zwischen Maik und Tschick eine tiefe Freundschaft. Sie lachen, streiten, vertrauen sich. In einer sternenklaren Nacht fantasieren sie über zwei Außerirdische, die ihnen ähneln. Auf einer Müllkippe treffen sie Isa, ein verwahrlostes Mädchen mit scharfer Zunge und einer rauen Schale. Sie beschimpft die Jungs, schließt sich ihnen aber dennoch an. Gemeinsam erleben sie einen Tag voller Leichtigkeit, Nähe und neuen Gefühlen.
Isa wird von Maik im See gewaschen, er schneidet ihr die Haare, und dabei fragt sie ihn direkt, ob er mit ihr schlafen wolle. Maik, überfordert und verlegen, weicht aus, doch ein Kuss zum Abschied bleibt unvergessen. Sie verabschiedet sich an einem Parkplatz, fährt mit dem Fernbus nach Prag. Die Jungen fahren weiter, bis ein Unfall auf der Autobahn alles beendet. Tschick verletzt sich, Maik fährt weiter und verliert die Kontrolle über das Auto. Nach dem Aufwachen im Krankenhaus übernimmt er Verantwortung vor Gericht und widerspricht sogar seiner eigenen Anwältin. Sein Vater schlägt ihn öffentlich und verlässt die Familie endgültig.
Maik und seine Mutter schmeißen schließlich alle Möbel in den Pool – ein wilder, aber befreiender Akt. Sie erkennen, dass sie trotz allem zusammengehören. Als Maik am letzten Ferientag zur Schule gebracht wird, erfährt er, dass Tschick erneut ein Auto gestohlen hat. Für Maik ist das ein Gruß seines Freundes. Er steigt aus dem Polizeiwagen, gezeichnet vom Sommer, aber verändert. Die Mitschüler bestaunen ihn, Tatjana zeigt Interesse. Doch Maik bleibt distanziert. Er hat in Isa, Tschick und in sich selbst etwas viel Wertvolleres gefunden. Die Verabredung, sich in 50 Jahren wiederzusehen, schenkt ihm Zuversicht für alles, was kommt.
Filmkritik und Fazit zum Film „Tschick“
Fatih Akins „Tschick“ bewegt sich sicher zwischen treuer Romanadaption und eigenständiger Kinoerzählung. Trotz später Übernahme des Projekts prägt Akin den Film spürbar, ohne ihm seinen eigenen Stil aufzuzwingen. Visuell arbeitet er mit Kameramann Rainer Klausmann eine sommerlich aufgeladene Provinzästhetik heraus, die zwischen Magie und Realität pendelt. Farben, Lichtstimmungen und Bildkompositionen tragen das zentrale Gefühl von jugendlicher Freiheit. Obwohl der Film episodisch angelegt ist, entwickelt er einen durchgehenden Fluss, der ruhige Passagen und treffsicheren Humor geschickt austariert. Der Soundtrack verstärkt diesen Eindruck, auch wenn er keine eigenen Akzente setzt.
Die Inszenierung der einzelnen Stationen bleibt kontrolliert, fast minimalistisch. Selbst skurrile Episoden wie der Auftritt der Rad fahrenden Adelsgruppe oder die Begegnung mit der Ökofamilie verlieren nie den Realitätsbezug. Akin überzeichnet nicht, sondern beobachtet. Die Szene auf der Müllhalde, in der Isa erstmals auftritt, markiert einen emotionalen Wendepunkt. Sie wirkt zunächst unangenehm, doch entwickelt sich zu einer der eindrücklichsten des Film. In solchen Momenten gelingt Akin die Verbindung von Groteske und Gefühl, ohne in Kitsch oder Übertreibung abzudriften. Einzelne Nebenfiguren geraten jedoch klischeehaft, etwa Maiks Vater, der kaum mehr als ein einseitiges Feindbild bleibt.
Die beiden jugendlichen Hauptdarsteller tragen den Film. Tristan Göbel spielt zurückhaltend, aber nuanciert. Anand Batbileg wirkt ungebremst, roh und unmittelbar. Ihre Gegensätzlichkeit erzeugt Spannung und Glaubwürdigkeit. Akin inszeniert sie mit Raum zur Entfaltung, verzichtet auf erklärende Dialoge und überlässt vieles der Körpersprache. „Tschick“ bleibt eine konventionelle, aber solide Literaturverfilmung. Sie wagt stilistisch wenig, überzeugt jedoch durch emotionale Klarheit und darstellerische Präsenz. Für jugendliches Publikum und Romanfans funktioniert sie als zugänglicher, unterhaltsamer Einstieg in Herrndorfs Welt. Wer formale Innovation oder mutige Umsetzungen sucht, wird enttäuscht. Ein sehenswertes, handwerklich sicheres Jugenddrama mit emotionalem Kern.