Baby to Go
Was passiert mit dem Begehren nach Mutterschaft, wenn Technologie es vom Körper entkoppelt? „Baby to Go“ stellt diese Frage in einer nahen Zukunft, in der künstliche Gebärmuttern ganz selbstverständlich zum Angebot eines Konzerns gehören. Sophie Barthes entwirft darin eine Welt, die beunruhigend vertraut wirkt – pastellfarben, ordentlich, effizient. Ein Science-Fiction-Film, der keiner sein möchte.

| Dauer: | 110 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2023 |
| Kategorien: | Romantik, Science-Fiction |
| Regie: | Sophie Barthes |
| Produzenten: | Yann Zenou, Geneviève Lemal, Valerie Berlemont, Jean-François Camilleri, Tanguy Dekeyser, Philippe Logie, Martin Metz, Géraldine Ohana, Raphaël Perchet, Oliver Roskill |
| Hauptdarsteller: | Emilia Clarke, Chiwetel Ejiofor, Rosalie Craig |
| Nebendarsteller: | Vinette Robinson, Kathryn Hunter, Jean-Marc Barr, Verona Verbakel |
| Studio: | Quad Productions, SCOPE Pictures, BeTV, Proximus, RTBF, Echo Studio, Benuts, Aden Film, Multiversx, Magical Thinking Pictures |
Das Interessante an diesem Szenario ist nicht die Technologie selbst, sondern was sie über Paarbeziehungen, Körperkontrolle und gesellschaftliche Erwartungen verrät. Wie sehr ist Elternschaft eine persönliche Entscheidung, wenn Arbeitgeber die entsprechende Infrastruktur bereitstellen? Und ab welchem Punkt werden vermeintliche Erleichterungen zu sozialen Zwängen, gegen die man sich kaum noch wehren kann?
Besetzung, Regie und Drehorte
„Baby to Go“ ist eine europäische Koproduktion zwischen Belgien, Frankreich und dem Vereinigten Königreich aus dem Jahr 2023. Regie und Drehbuch stammen von Sophie Barthes, einer franko-amerikanischen Filmemacherin, die bereits mit „Cold Souls“ (2009) und „Madame Bovary“ (2014) auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Kamera übernahm Andrij Parekh, den Schnitt teilten sich Ron Patane und Olivier Bugge Coutté. Für die Musik zeichnen die Brüder Sacha und Evgueni Galperine verantwortlich. Gedreht wurde im März 2022 in Belgien.
Die Hauptrollen übernahmen zwei britische Darsteller von internationalem Format. Emilia Clarke, bekannt aus „Game of Thrones“ und „Ein ganzes halbes Jahr“, spielt Rachel, eine aufstrebende Technologiemanagerin mit unerschütterlichem Karrierefokus. An ihrer Seite steht Chiwetel Ejiofor als Alvy, ein Botaniker mit tiefem Naturbezug und wachsender Skepsis gegenüber dem System. In weiteren Rollen sind Rosalie Craig als Leiterin des Womb Centers, Vinette Robinson als Rachels Kollegin Alice und Jean-Marc Barr als Gründer des Technologiekonzerns zu sehen.
Der Film feierte seine Weltpremiere am 19. Januar 2023 beim 39. Sundance Film Festival in der Sektion Premieres. Noch vor dieser Uraufführung wurde Barthes‘ Arbeit mit dem Alfred P. Sloan Feature Film Prize ausgezeichnet, der herausragende Filmproduktionen aus dem Bereich Wissenschaft und Technologie würdigt. In Deutschland lief der Film ab dem 11. Januar 2024 in den Kinos. Die FSK-Freigabe liegt bei 12 Jahren, die Laufzeit beträgt 109 Minuten.
Handlung & Inhalt vom Film „Baby to Go“
New York, in nicht allzu ferner Zukunft: Das Stadtbild ist sauber, die Luft kühl und kontrolliert, lebende Bäume eine Rarität. Rachel und Alvy führen ein komfortables Leben, das ihnen eine allgegenwärtige künstliche Intelligenz organisiert – von der morgendlichen Teezubereitung über die Kleiderauswahl bis hin zur Therapiesitzung, die ein übergroßes digitales Auge an der Wohnzimmerwand übernimmt. Rachel ist Führungskraft in einem Technologieunternehmen, ehrgeizig und systemtreu. Alvy arbeitet in einer Art botanischem Museum, das jungen Menschen zeigt, wie echte Pflanzen aussehen. Ihre Weltsichten könnten kaum weiter auseinanderliegen.
Als das Thema Familiengründung aufkommt, handelt Rachel schnell. Ohne Alvys Wissen bewirbt sie sich bei einem begehrten Womb Center, das Paaren die Möglichkeit bietet, ihr Kind in einer abnehmbaren künstlichen Gebärmutter, einer sogenannten Kapsel, austragen zu lassen. Der Fötus wird dort computergesteuert versorgt, die werdende Mutter bleibt körperlich unberührt und damit beruflich voll einsatzfähig. Alvy ist entsetzt. Er wünscht sich eine natürliche Schwangerschaft, empfindet die Kapsel als Entfremdung vom Wesentlichen. Dennoch stimmt er aus Liebe zu Rachel und aus Respekt vor ihrem Wunsch nach einem Kind letztlich zu.
Zwischen Zuneigung und Kontrollverlust
Was dann geschieht, trägt eine feine Ironie: Alvy, der Skeptiker, entwickelt eine innige Zuneigung zur Kapsel. Er nimmt sie überallhin mit, behandelt sie wie ein Lebewesen, spricht mit ihr. Rachel hingegen, die das System selbst gewählt hat, distanziert sich zunehmend. Träume von einer echten Schwangerschaft verfolgen sie. Und in der Öffentlichkeit, wenn sie die Kapsel mit zur Arbeit bringt, sieht sie sich dem Spott von Kollegen ausgesetzt. Die Rollenverteilung zwischen den beiden kehrt sich still und fast unmerklich um. Das Womb Center erweist sich zunehmend als wenig vertrauenswürdig. Denn als die Nachfrage nach seinen Dienstleistungen steigt, verändert das Unternehmen einseitig die Vertragsbedingungen.
Dabei drängt es darauf, die Gestation auf 39 Wochen zu verkürzen, um die Kapsel möglichst schnell für das nächste Paar freizumachen. Folglich wächst das Misstrauen zwischen allen Beteiligten, während der Druck stetig zunimmt. Gleichzeitig erkennen Rachel und Alvy, nun enger vereint in ihrer Sorge um das Wohl ihres Kindes, die Risiken dieser Entwicklung. Deshalb verweigern sie konsequent jede weitere Kooperation mit dem Zentrum. Stattdessen entscheiden sie sich, die Kapsel an einen geheimen Ort zu bringen, fernab des Zugriffs der Organisation. Als Reaktion darauf verschärft das Unternehmen seine Maßnahmen. Schließlich sperrt es schlichtweg den digitalen Zugangscode, wodurch Rachel und Alvy vollständig von der Kontrolle des Systems abgeschnitten werden.
Rachel und Alvy stehen vor einer Kapsel, die sie nicht öffnen können, und einem Kind, das zur Welt kommen möchte. Sie greifen zu einem Schraubenzieher. Die Geburt gelingt. Am nächsten Morgen, während Alvy und das Neugeborene schlafen, verpackt Rachel die kaputte Kapsel sorgfältig und schickt sie per Post an das Womb Center zurück. Eine kleine Geste – und doch eine, die alles über ihren langen Weg von naiver Systemgläubigkeit zu einem eigenen Urteil erzählt. Das Kind ist da. Der Vertrag ist beendet.
Filmkritik und Fazit zum Film „Baby to Go“
„Baby to Go“ verdient Anerkennung für das, was es konsequent verweigert: den dystopischen Furor. Sophie Barthes inszeniert ihre nahe Zukunft mit einer kühlen Zurückhaltung, die dem Stoff gut steht. Andrij Parekhs Kamera bevorzugt helle, leicht entsättigte Bilder, die eine Welt zeigen, der der Schmutz abhanden gekommen ist – nicht durch Katastrophe, sondern durch lückenlose Optimierung. Die Galperine-Brüder unterlegen das mit einer unauffälligen, funktionalen Musik, die keine Emotionen vorschreibt. Emilia Clarke spielt Rachel mit einer Mischung aus Überzeugung und unterschwelliger Unruhe, die dem Charakter Tiefe gibt. Chiwetel Ejiofor liefert als Alvy einen Gegenpol, der nie zur Karikatur verkommt.
Dabei liegt das Kernproblem des Films weniger in seiner Absicht als in seiner Dosierung. Die satirischen Spitzen – die KI-Therapeutin, das Laufband vor dem Schreibtisch, die Natur als museales Exponat – zünden einzeln, finden aber keinen gemeinsamen Rhythmus. Das mittlere Drittel verliert an Dichte, Konflikte werden angedeutet und dann fallengelassen. Der Rollentausch zwischen Rachel und Alvy in ihrer Beziehung zur Kapsel ist das stärkste dramaturgische Element des Films – er hätte mehr Raum verdient. Stattdessen plätschert die Handlung über weite Strecken gleichmäßig dahin, und das Finale mit dem Schraubenzieher bleibt seltsam unbetont, obwohl es das emotionale Zentrum der Geschichte sein könnte.
Wer eine pointierte Gesellschaftssatire mit klaren Kanten erwartet, wird enttäuscht sein. Wer hingegen eine ruhige, gut gespielte Science-Fiction-Romanze sucht, die ihre Fragen nicht selbst beantwortet und Raum zum Nachsinnen lässt, findet in „Baby to Go“ einen lohnenden Kinoabend. Für ein Publikum, das Ideen mehr schätzt als Spektakel, lohnt sich dieser Film trotz seiner Schwächen.