Der Hauptmann
Wenige Wochen trennen das Dritte Reich noch von seinem Untergang, als sich ein namenloser Gefreiter in eine Uniform zwängt, die ihm nicht gehört. Robert Schwentke nimmt dieses historisch verbürgte Moment und macht daraus keinen Schelmenroman. „Der Hauptmann“ ist ein Stoffbrocken aus Schwarz und Weiß. Die Kamera weigert sich, hinzusehen. Der Ton übernimmt, was das Bild verschweigt.

| Dauer: | 119 Min. |
|---|---|
| FSK: | 16 (DE) |
| Jahr: | 2018 |
| Kategorien: | Historisch, Thriller |
| Regie: | Robert Schwentke |
| Produzenten: | Frieder Schlaich, Irene von Alberti, Paulo Branco |
| Hauptdarsteller: | Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau |
| Nebendarsteller: | Alexander Fehling, Britta Hammelstein, Waldemar Kobus, Sebastian Rudolph |
| Studio: | Filmgalerie 451, Alfama Films, Opus Film, Facing East, Worst Case Entertainment, hands-on producers, Maria Films |
Deutschland 2017, auf fremdsprachigem Boden gedreht, mit französischem und polnischem Geld finanziert. Der Regisseur kehrt aus Hollywood zurück. Was er mitbringt, ist kein Trostpflaster. Schwentke erzählt die letzten Kriegstage aus der Täterperspektive, ohne Erlösung, ohne moralische Geländer. Max Hubacher trägt die Uniform. Frederick Lau, Milan Peschel und Alexander Fehling formen das Ensemble ringsum. Wie weit reicht die Macht eines Kostüms, wenn niemand mehr bereit ist, es zu entlarven?
Besetzung, Regie und Drehorte
Robert Schwentke verantwortet Regie und Drehbuch dieser deutsch-französisch-polnischen Koproduktion „Der Hauptmann„aus dem Jahr 2017. Die Kamera führt Florian Ballhaus, der dafür beim San Sebastián International Film Festival den Jurypreis erhielt. Michał Czarnecki übernahm den Schnitt, Martin Todsharow komponierte die Musik. Produziert wurde der Film von Frieder Schlaich und Irene von Alberti. Das Gesamtbudget lag bei rund 5,8 Millionen Euro. Gedreht wurde chronologisch zwischen Februar und April 2017, unter anderem in Zgorzelec, Breslau, Görlitz und Großschönau.
In der Hauptrolle des hochstapelnden Gefreiten agiert der Schweizer Max Hubacher. An seiner Seite spielt Milan Peschel den Gefreiten Freytag, während Frederick Lau den enthemmten Kipinski verkörpert. Alexander Fehling übernimmt die Rolle des Feldgendarmeriehauptmanns Junker, Waldemar Kobus den Lagerleiter Hansen. Weitere Rollen besetzen Bernd Hölscher als SA-Führer Schütte, Britta Hammelstein als seine Frau Gerda sowie Samuel Finzi als gefangener Schauspieler Roger. Für den Nachwuchsdarsteller Hubacher war „Der Hauptmann“ der bisherige Karrierehöhepunkt.
Die Laufzeit beträgt 119 Minuten, die Altersfreigabe liegt bei FSK 16. Beim Deutschen Filmpreis 2018 gewann der Film die Auszeichnung für die Beste Tongestaltung bei mehreren Nominierungen. Der Europäische Filmpreis 2018 prämierte ebenfalls den Ton. Hubacher erhielt den Bayerischen Filmpreis als Bester Nachwuchsdarsteller. Schwentke wurde beim Traverse City Film Festival mit dem Stanley Kubrick Award ausgezeichnet.
Handlung & Inhalt vom Film „Der Hauptmann“
Zwei Wochen vor Kriegsende wird der deutsche Gefreite Willi Herold zunächst von einer Gruppe Feldgendarmen unter Hauptmann Junker über ein Feld gejagt. Dabei entkommt der neunzehnjährige Soldat nur knapp und flieht in ein nahegelegenes Waldstück. Dort irrt er hungrig und unzureichend bekleidet hinter der Frontlinie umher, während ihn die ständige Angst begleitet, als Deserteur erkannt und erschossen zu werden. In dieser verzweifelten Lage versucht er später gemeinsam mit einem weiteren Versprengten nachts eine Scheune zu plündern, doch der Begleiter wird vom Bauernpaar Görner erschlagen. Herold flieht erneut und stößt kurz darauf auf ein verlassenes Wehrmachtsfahrzeug, in dem er eine Offiziersuniform findet und an sich nimmt.
Daraufhin wird er wenig später von dem Gefreiten Freytag entdeckt, der ihn fälschlicherweise für einen echten Hauptmann hält. Zunächst zögert Herold, nutzt jedoch schnell die Gelegenheit und gibt sich als Offizier aus. In der Folge gewinnt er Freytag als Fahrer und beginnt, seine Rolle weiter auszubauen. Gleichzeitig stößt er auf weitere versprengte Soldaten, die sich ihm anschließen, wodurch allmählich die sogenannte „Kampfgruppe Herold“ entsteht. Als zusätzlich eine Flugabwehrmannschaft hinzukommt, wächst seine Autorität weiter, bis er schließlich auch eine Feldgendarmerie-Patrouille täuscht und sich als Sondereinsatzführer im Auftrag Hitlers ausgibt.
Das Lager und die Maschinerie des Tötens
Im weiteren Verlauf eskaliert die Situation zunehmend, als Herold Kontakt zum Emslandlager II erhält. Dort nutzt er seine vermeintlichen Vollmachten, um gemeinsam mit anderen Offizieren ein repressives System aufzubauen. Anschließend werden die Gefangenen brutal misshandelt und schließlich in einem Massaker getötet, wobei sogar schwere Waffen zum Einsatz kommen. Obwohl einzelne Beteiligte wie Freytag die Wahrheit erkennen, halten sie weiterhin zu Herold, wodurch die Gewalt ungehindert weiterläuft.
Nachdem das Lager schließlich durch britische Angriffe zerstört wurde, zieht die Gruppe als sogenannte „Schnellgericht Herold“ weiter in eine nahegelegene Stadt. Dort setzen sie ihre Taten fort und töten unter anderem den Bürgermeister. Gleichzeitig zerfällt jedoch zunehmend die Ordnung innerhalb der Gruppe, während Misstrauen und Gewalt eskalieren.
Schließlich stellt die Feldgendarmerie Herold und bringt ihn vor ein Militärgericht, doch dieses setzt das Verfahren aus politischen Gründen wieder aus. Daraufhin gelingt ihm erneut die Flucht, und er verschwindet schließlich über eine von Leichen geprägte Waldlichtung. Später vermerkt man seine Festnahme durch die Royal Navy sowie seine Hinrichtung im Jahr 1946, womit sein Weg endgültig endet.
Filmkritik und Fazit zum Film „Der Hauptmann“
„Der Hauptmann“ entfaltet seine Wucht nicht durch Blut, sondern durch dessen konsequente Auslassung. Florian Ballhaus‘ Schwarzweißkamera verweigert den voyeuristischen Blick auf die Opfer und richtet das Objektiv stattdessen auf die schwitzenden Gesichter der Täter. Martin Todsharows Musikdesign wird zum zweiten Protagonisten. Industrial-Klänge reiben sich an Schlagerzeilen vom „schönen Westerwald“. Das Ergebnis klingt wie eine Werksirene, die den Schrecken verwaltet. Hubacher spielt Herolds Verwandlung vom gehetzten Tier zum Machtrauschigen mit beunruhigender Sparsamkeit.
Schwentkes Inszenierung arbeitet mit Zeitlupen-Tableaus und grotesken Brechungen, die den Wahnsinn nicht psychologisieren, sondern ausstellen. Das Tempo ist streckenweise zäh – ein Zugeständnis an die Absicht, den Zuschauer nicht entkommen zu lassen. Frederick Lau liefert als Kipinski eine entgrenzte Studie über Gewalt ohne Hemmschwelle. Die Entscheidung des Regisseurs, den Film in den letzten Minuten durch eine Abspannsequenz in der Gegenwart zu verankern, irritiert. Dieser Griff ins Heute wirkt zu laut für ein Werk, das ansonsten auf Überzeichnung durch Form setzt.
Dieser Film versöhnt nicht. Er bietet keine Identifikationsfigur, keine Läuterung, keinen moralischen Ausweg. Für Liebhaber historisch verankerter Filmbiografien, die bereit sind, sich einem unbequemen Stoff auszusetzen, ist Schwentkes Arbeit unverzichtbar. Wer Geschichtskino als Erbauung sucht, wird hier enttäuscht. Der Kinosaal leert sich nicht erleichtert – er leert sich schweigend.