Fargo

Wenn Schnee fällt, verschluckt er Geräusche, Farben und manchmal auch die Moral. Joel und Ethan Coen haben diesen Umstand 1996 zu einem kinematografischen Prinzip erhoben. Ihr Film „Fargo“ ist ein Winterbild mit Blutspuren, eine Kriminalgroteske im Kostüm einer Provinzposse. Die Coens verlegen das Verbrechen in eine Region, die sonst nur auf Wetterkarten vorkommt. Gerade dort entfaltet ihr schwarzer Humor seine zersetzende Wirkung.

Fargo
Dauer: 98 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 1996
Kategorien: Krimi, Thriller
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Produzenten: Ethan Coen
Hauptdarsteller: Frances McDormand, William H. Macy, Steve Buscemi
Nebendarsteller: Peter Stormare, Harve Presnell, John Carroll Lynch, Kristin Rudrüd
Studio: PolyGram Filmed Entertainment, Working Title Films

Die titelgebende Stadt taucht im Film kaum auf, und das ist kein Versehen. Fargo meint weniger einen Ort als einen Gemütszustand. Die Coens beobachten ihre Figuren mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Entomologen-Kühle. Minnesota Nice trifft auf Mord, und beides existiert im selben Satz. Aus diesem Zusammenstoß entsteht eine Komik, die im Hals stecken bleibt. Wo endet die Satire, wo beginnt das Mitgefühl?

Besetzung, Regie und Drehorte

Die Regie zu „Fargo“ führte Joel Coen, während sein Bruder Ethan als Produzent fungierte. Das Drehbuch schrieben beide gemeinsam, ebenso übernahmen sie den Schnitt unter dem Pseudonym Roderick Jaynes. Die Kamera bediente Roger Deakins, der mit einer Arriflex 35 BL-4 arbeitete. Carter Burwell komponierte die Musik und stützte sein Hauptmotiv auf das norwegische Volkslied „Den bortkomne sauen“. Produziert wurde der Film von den USA und Großbritannien.

Frances McDormand verkörpert die schwangere Polizeichefin Marge Gunderson und erhielt dafür 1997 den Oscar als beste Hauptdarstellerin. William H. Macy spielt den verzweifelten Autoverkäufer Jerry Lundegaard, Steve Buscemi und Peter Stormare das ungleiche Entführerduo Carl Showalter und Gaear Grimsrud. Harve Presnell mimt den dominanten Schwiegervater Wade Gustafson, Kristin Rudrüd die entführte Ehefrau Jean. John Carroll Lynch, Steve Park und José Feliciano ergänzen das Ensemble. In einer nicht genannten Nebenrolle erscheint Bruce Campbell.

Der Film läuft 98 Minuten und trägt in Deutschland die Altersfreigabe FSK 16. Neben zwei Oscars gewannen die Coens 1996 in Cannes den Regiepreis. „Fargo“ wurde 2006 ins National Film Registry aufgenommen und belegte Platz 84 auf der Liste der 100 besten amerikanischen Filme des AFI. 2014 startete eine Serienadaption, die bis 2023 auf fünf Staffeln wuchs.

Handlung & Inhalt vom Film „Fargo“

Im Winter 1987 arbeitet Jerry Lundegaard als Verkaufsleiter im Autohaus seines Schwiegervaters Wade Gustafson, während hinter der Fassade des braven Familienvaters ein finanzielles Loch klafft. Jerry hat aus Fahrzeugfinanzierungen eine sechsstellige Summe abgezweigt, weshalb die Bank inzwischen unangenehme Fragen stellt. Auf Empfehlung des vorbestraften Werkstattmitarbeiters Shep Proudfoot fährt er deshalb nach Fargo, North Dakota. Dort trifft er Carl Showalter und Gaear Grimsrud in einer Bar. Die beiden sollen seine Ehefrau Jean entführen, dabei jedoch auf Brutalität verzichten. Als Gegenleistung erhalten sie sowohl einen Neuwagen als auch die Hälfte eines Lösegeldes von 80.000 Dollar. Tatsächlich plant Jerry jedoch, von Wade eine Million zu erpressen.

Während Jerry noch glaubt, von Wade einen lukrativen Immobilienkredit zu erhalten, versucht er zugleich vergeblich, die Entführung wieder abzublasen. Wade wickelt das Geschäft jedoch selbst ab und bietet seinem Schwiegersohn lediglich eine Vermittlungsgebühr. Unterdessen bringen Carl und Gaear Jean in eine abgelegene Hütte am Moose Lake. Nahe Brainerd hält sie ein Polizist an, weil Showalter keine Überführungskennzeichen angebracht hat. Nach einem plumpen Bestechungsversuch hört der Beamte allerdings Jean wimmern. Daraufhin erschießt Grimsrud ihn kaltblütig und tötet anschließend auch zwei zufällige Zeugen auf der Landstraße. Der Neuschnee bedeckt zwar die Leichen, nicht jedoch die Spuren.

Der Weg in die Katastrophe

Die hochschwangere Marge Gunderson, Polizeichefin von Brainerd, übernimmt die Ermittlungen. Mit stoischer Gründlichkeit deduziert sie, dass der tote Beamte einen Wagen mit Händlerkennzeichen kontrolliert hatte. Zwei Prostituierte liefern erste Hinweise auf die Täter und ihren Anruf bei Shep. Marge besucht das Autohaus, wo Jerry nervös jede Unregelmäßigkeit leugnet. Inzwischen fordert Carl von Jerry die volle Summe, nachdem drei Morde die Lage verschärft haben. Shep erwischt Carl mit einer Prostituierten in dessen Wohnung und verprügelt ihn. Carl verlangt am Telefon die sofortige Übergabe des Geldes.

Wade besteht darauf, das Lösegeld persönlich zu übergeben, und trifft Carl in einem Parkhaus. Er weigert sich, ohne Beweis für Jeans Leben zu zahlen. Carl erschießt Wade, wird selbst am Kiefer getroffen und tötet auf der Flucht einen Parkwächter. Unterwegs entdeckt er den wahren Inhalt des Koffers: eine Million Dollar. Er teilt 80.000 für Gaear ab und vergräbt den Rest in einer Schneewehe. Marge kehrt zum Autohaus zurück, wo Jerry in Panik flieht. Sie alarmiert die State Police.

In der Hütte hat Gaear inzwischen Jean getötet, weil sie ihm auf die Nerven ging. Ein Streit um den Wagen eskaliert. Gaear erschlägt Carl mit einer Axt. Ein Barkeeper meldet der Polizei einen verdächtigen Gast. Marge findet Gaear, wie er Carls Leiche in einen Gartenschredder füttert. Sie schießt ihm ins Bein und verhaftet ihn. Jerry wird in einem Motel bei Bismarck aufgegriffen. In der Schlussszene liegt Marge neben ihrem Mann Norm und freut sich auf das Baby, das in zwei Monaten zur Welt kommen soll.

Filmkritik und Fazit zum Film „Fargo“

Die Stärke von „Fargo“ liegt in der Diskrepanz. Roger Deakins fotografiert die Schneelandschaften mit der Ruhe eines Landschaftsmalers, während das Drehbuch der Coens Gewalt in kurzen, präzisen Ausbrüchen entlädt. Frances McDormand spielt Marge nicht als scharfsinnige Kommissarin klassischer Prägung, sondern als gutmütige Beobachterin mit unaufgeregter Autorität. William H. Macy zeichnet Jerry Lundegaard als Studie des kleinbürgerlichen Selbstbetrugs. Sein Lächeln funktioniert wie eine Fassade aus Eisblumen. Die Bilder sprechen leiser als die Figuren, und genau darin liegt ihre Wirkung.

Das Tempo folgt einer eigenwilligen Dramaturgie. Die Coens lassen Gesprächspausen stehen, ziehen Szenen in die Länge und schneiden dann abrupt in Gewalt um. Carter Burwells melancholisches Hauptmotiv auf einer norwegischen Volksweise legt einen sakralen Schleier über das Geschehen. Das Sounddesign arbeitet mit der Stille des Schnees als Resonanzraum. Die Szene am Parkhaus ist ein Lehrstück verdichteter Inszenierung. Der Dialekt wird zur zweiten Hauptfigur, wenngleich seine Komik in der deutschen Synchronfassung unvermeidlich verblasst.

Wer schwarzen Humor nur als Pointenlieferant versteht, wird an diesem Film scheitern. Die Coens verlangen einen Blick, der Tragik und Komik gleichzeitig aushält. Das Ergebnis ist eine Kriminalgroteske mit dokumentarischer Präzision und moralischer Ambiguität. Für Freunde anspruchsvoller schwarzer Komödien gehört der Film zu den prägendsten Arbeiten des Genres. Wer es tiefsinniger mag, findet hier weniger philosophische Tiefe als atmosphärische Dichte.

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