Der Vorname

Wenn sich das Bürgertum an einem Dinnertisch versammelt, scheint die Welt für einen Moment in Ordnung. Zwischen Servierplatten und Rotweinflaschen glaubt man sich sicher vor den groben Verwerfungen der Gegenwart. Sönke Wortmann greift in „Der Vorname“ genau diese trügerische Ruhe auf. Seine Komödie aus dem Jahr 2018 adaptiert einen französischen Stoff, der selbst bereits auf einem Theaterstück basiert. Das Kammerspiel verlegt die Eskalation in eine Bonner Altbauwohnung. Was dort beginnt als Plauderei, endet als Inventur seelischer Restbestände.

Der Vorname
Dauer: 91 Min.
FSK: 6 (DE)
Jahr: 2018
Kategorien: Komödie
Regie: Sönke Wortmann
Produzenten: Tom Spiess
Hauptdarsteller: Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters
Nebendarsteller: Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben, Serkan Kaya
Studio: Constantin Film

Die Pointe ist bekannt, der Mechanismus ebenso. Ein provokanter Name, ein Schwager mit Hang zur Provokation, eine Gastgeberin mit Geduldsfäden aus Seide. Genau darin liegt die Herausforderung für jede Neuverfilmung eines derart präzisen Stoffes. Wortmann verlässt sich auf ein Ensemble, dessen komödiantische Kompetenz als Markenzeichen gilt. Er verleiht dem französischen Original eine unverkennbar deutsche Grundierung, geprägt von Statusangst und verdrängten Lebenslügen. Gelingt ihm dabei mehr als eine gut geölte Konversationsmaschine?

Besetzung, Regie und Drehorte

Sönke Wortmann inszeniert „Der Vorname“ nach einem Drehbuch von Claudius Pläging und Alexander Dydyna. Die Vorlage liefert der französische Film gleichen Titels aus dem Jahr 2012, der wiederum auf einem zwei Jahre älteren Pariser Bühnenstück beruht. Produziert wurde das Projekt von Tom Spieß und Marc Conrad. Für die Kamera verantwortlich zeichnet Jo Heim, den Schnitt verantwortet Martin Wolf. Die Filmmusik komponierte Helmut Zerlett. Die internationale Premiere fand am 6. Oktober 2018 beim Zurich Film Festival statt.

Die Hauptrollen besetzte Wortmann mit prominenten Gesichtern des deutschen Kinos. Christoph Maria Herbst verkörpert den Literaturprofessor Stephan Berger, Florian David Fitz spielt seinen Schwager Thomas Böttcher. Caroline Peters übernimmt die Rolle der Gastgeberin Elisabeth Berger-Böttcher, Justus von Dohnányi den Hausfreund René König. Janina Uhse tritt als Annas Figur erst in der zweiten Filmhälfte auf. Iris Berben verleiht der Mutter Dorothea am Telefon eine Stimme. Serkan Kaya erscheint in einer kurzen Nebenrolle als Pizzabote.

Der Film läuft 91 Minuten und trägt eine Altersfreigabe ab sechs Jahren. Gedreht wurde überwiegend in Bonn, darunter in der Südstadt, im anatomischen Institut der Universität und in der Skybar des Marriott-Hotels. Weitere Schauplätze waren Bergisch Gladbach und Köln-Rodenkirchen. Dem Kinostart am 18. Oktober 2018 folgten zwei Fortsetzungen „Der Nachname“ und „Der Spitzname“ unter gleicher Regie.

Handlung & Inhalt vom Film „Der Vorname“

Der Immobilienmakler Thomas wird von seiner Schwester Elisabeth und ihrem Mann Stephan zum Abendessen gebeten. Stephan lehrt Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Bonner Universität, Elisabeth unterrichtet Deutsch an einem Gymnasium. Als dritter Gast erscheint René König, Orchestermusiker und Pflegebruder der Geschwister. Thomas genießt die Aufmerksamkeit der Runde, denn er erwartet bald einen Sohn. Nach dem Namen befragt, fordert er die anderen zum Raten auf. Er gibt einen Anfangsbuchstaben und verweist auf einen historischen Bezug. Keiner kommt auf die Lösung. Thomas verkündet schließlich: Adolf.

Zunächst halten die Gäste das Ganze für einen schlechten Scherz. Im Zuge der Debatte verhärten sich die Fronten, und aus dem vermeintlichen Witz wird ein Tabubruch. Stephan übernimmt die Rolle des moralischen Wortführers, scheitert jedoch daran, seinen Schwager argumentativ zu stellen. Tatsächlich blufft Thomas, doch nur René kennt die Wahrheit. Die Gemüter beruhigen sich vorübergehend. Dann trifft Anna ein, Thomas‘ Frau, die gerade von einem Casting zurückkehrt. Ein Missverständnis entzündet einen neuen Streit. Stephan sticht gegen Anna wegen des geplanten Namens, ohne diesen zu nennen.

Der lange Abend der Wahrheiten

Anna glaubt, Stephan meine jenen Namen, den ihr Sohn tatsächlich tragen soll: Paul, nach dem verstorbenen Vater. Das Missverständnis eskaliert, weil Stephan weiterhin im Irrtum bleibt und Thomas zugleich zu spät eingreift. Verletzungen fliegen durch den Raum, während Anna mit einem Seitenhieb auf Stephans Kinder namens Caius und Antigone kontert. Ab hier bleibt kein Stein mehr auf dem anderen, denn die Schwäger entlarven einander wechselseitig, der eine als geizig, der andere als egoman. Schließlich finden beide in René ein gemeinsames Opfer.

Stephan offenbart dem Hausfreund, wie Thomas ihn hinter seinem Rücken nenne: Königin. Dahinter steht die Unterstellung, René sei schwul. Der Angegriffene weist das jedoch zurück. Weil ihm dennoch niemand Glauben schenkt, offenbart er schließlich die eigentliche Wahrheit: Seit Jahren unterhalte er heimlich eine Liebesbeziehung zu Dorothea, der leiblichen Mutter von Elisabeth und Thomas. Daraufhin breitet sich Entsetzen aus. Thomas verliert die Fassung und streckt René mit einem Faustschlag nieder, während Elisabeth den Verletzten versorgt und ihren Bruder zugleich mit dessen Vertrauensbruch konfrontiert.

Am Telefon fertigt Elisabeth dann ihre Mutter mit ungewohntem Sarkasmus ab. Sie referiert sämtliche Enthüllungen des Abends samt der Liaison mit René. Vollends erzürnt reagiert sie, als Stephan eine Entschuldigung von ihr einfordert. In einer Brandrede hält sie ihm vor, wie er ihre Bedürfnisse über Jahre zu seinem Vorteil ignoriert habe. Sie geht zu Bett, und die Gesellschaft löst sich auf. Drei Monate später bringt Annas Entbindung alle wieder zusammen. Thomas empfängt die Gäste in der Klinik mit der Nachricht, es sei ein Mädchen geworden. Nach dem Namen gefragt, zögert er, lächelt, und der Film blendet ab.

Filmkritik und Fazit zum Film „Der Vorname“

Dass „Der Vorname“ ein Remake ist, lässt sich nicht verhehlen. Wortmann verzichtet auf inszenatorische Experimente und vertraut dem dialogischen Mechanismus der Vorlage. Die Kamera von Jo Heim umkreist den Esstisch in gleichmäßigen Bewegungen, statt die Kontrahenten durch harte Schnitte voneinander abzusetzen. Diese Entscheidung nimmt der Auseinandersetzung etwas von ihrer Schärfe. Das Drehbuch kompensiert den inszenatorischen Konservatismus mit präziser Dialogführung. Eine frühe Szene mit dem Pizzaboten etabliert Stephans spitzfindige Pedanterie in wenigen Sekunden. Hier zeigt sich Herbsts Gespür für jene kultivierte Unausstehlichkeit, die er seit Stromberg verfeinert hat.

Der eigentliche Reiz des Films liegt im Zusammenspiel der Hauptdarsteller. Fitz gibt seinem Thomas eine schlaksige Überlegenheitspose, die mit Herbsts akademischer Verbissenheit angenehm kollidiert. Caroline Peters bleibt über weite Strecken auf die Küche reduziert, gewinnt jedoch im Finale an Statur, wenn Elisabeth ihre Wutrede hält. Justus von Dohnányi wirkt als René mitunter zu weich gezeichnet, sodass die Figur in ihrer Scharnierfunktion etwas verblasst. Helmut Zerletts Musik bleibt gefällig, ohne Akzente zu setzen. Das Tempo zieht nach einem entspannten Vorspann merklich an, verliert gegen Ende jedoch an Biss.

Wortmann liefert eine sehenswerte, wenn auch keine kompromisslose Komödie. Das versöhnliche Finale wirkt in einem Film, der zuvor mit Rigorosität glänzt, auffallend weich gespült. Wer pointierte Dialoge, gepflegten Streit und deutsche Charakterstudien schätzt, wird hier gut unterhalten. Freunde bissiger Gesellschaftsanalysen nach Art des „Gott des Gemetzels“ könnten sich jedoch mehr Unerbittlichkeit wünschen. Ein empfehlenswerter Film für ein Publikum, das Wortwitz über Wagnis stellt.

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