Carrie

Kaum ein Stoff aus dem Horror-Kanon wirkt so vertraut wie die Geschichte eines gedemütigten Mädchens, das seine Unterdrücker am Ende des Abschlussballs heimsucht. Kimberly Peirce wagt mit „Carrie“ von 2013 eine Neulesung, die sich nicht als bloßes Echo verstanden wissen will. Die Regisseurin verlagert den Stoff in eine Gegenwart aus Smartphones und viralen Videos. Damit rückt sie das Grauen näher an die Zuschauerinnen und Zuschauer heran. Die Frage ist, ob diese Verschiebung dem Mythos gerecht wird.

Carrie
Dauer: 100 Min.
FSK: 16 (DE)
Jahr: 2013
Kategorien: Horror
Regie: Kimberly Peirce
Produzenten: Kevin Misher
Hauptdarsteller: Chloë Grace Moretz, Julianne Moore, Gabriella Wilde
Nebendarsteller: Ansel Elgort, Alex Russell, Judy Greer, Portia Doubleday
Studio: Misher Films, Screen Gems, Metro-Goldwyn-Mayer

Peirce stellt nicht die Aura des Übernatürlichen ins Zentrum, sondern die soziale Mechanik der Demütigung. Sie tastet das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter mit psychologischem Ernst ab. Der Film verzichtet auf die opernhafte Stilisierung seines Vorgängers. Stattdessen erzählt er vom Schmerz einer Figur, die erst in ihrer Zerstörung Handlungsmacht findet. Telekinese wird hier zur Metapher für unterdrückte Pubertät. Wie belastbar ist dieser Zugriff jedoch im Kontext eines Genres, das vom Exzess lebt?

Besetzung, Regie und Drehorte

Die Regie dieser US-amerikanischen Produktion „Carrie“ aus dem Jahr 2013 übernimmt Kimberly Peirce, bekannt geworden mit „Boys Don’t Cry“. Das Drehbuch stammt von Lawrence D. Cohen und Roberto Aguirre-Sacasa und soll sich enger an Stephen Kings Romanvorlage von 1974 orientieren als die Verfilmung Brian De Palmas. Produzent ist Kevin Misher. Für die Kamera zeichnet Steve Yedlin verantwortlich, den Schnitt besorgen Lee Percy und Nancy Richardson. Die Filmmusik komponierte Marco Beltrami. Das Budget lag bei rund 30 Millionen US-Dollar.

In der Titelrolle ist Chloë Grace Moretz zu sehen, die das Projekt nach Aussage der Produktion als ihre bislang emotional forderndste Rolle bezeichnete. Julianne Moore verkörpert die fanatisch-religiöse Mutter Margaret White. Gabriella Wilde spielt die reumütige Sue Snell, Ansel Elgort ihren Freund Tommy Ross. Portia Doubleday und Alex Russell übernehmen die Rollen von Chris Hargensen und Billy Nolan. Judy Greer ist als Lehrerin Desjardin besetzt, Barry Shabaka Henley als Schulleiter Morton.

Gedreht wurde vom 28. Juni bis zum 7. September 2012, unter anderem in den Pinewood Toronto Studios in Ontario. Die Laufzeit beträgt 100 Minuten, die deutsche FSK-Freigabe liegt bei 16 Jahren. Weltweit spielte der Film in der Kinoauswertung 85 Millionen US-Dollar ein. Er wurde für Fright Meter Awards, einen Saturn Award, einen People’s Choice Award und einen Jupiter Award nominiert.

Handlung & Inhalt vom Film „Carrie“

Am Anfang steht eine Geburt, die keine Freude kennt. Margaret White bringt allein in ihrem Haus ein Mädchen zur Welt und hält die Geburt zunächst für einen Akt göttlicher Strafe. Ihr erster Impuls gilt einer Schere. Nur ein letzter Rest mütterlicher Liebe hält sie davon ab, das Neugeborene zu töten. Jahre später ist aus diesem Kind die sechzehnjährige Carrie geworden. Sie lebt in einem Haus voller Kruzifixe und religiöser Drohungen. Ihre Mutter hat sie nie über die Regeln des weiblichen Körpers aufgeklärt. In der Schule gilt Carrie als Außenseiterin, die jeder meidet.

Dann kommt der Moment, der alles verändert. Unter der Dusche nach dem Sportunterricht bemerkt Carrie Blut an ihren Händen und glaubt, sie müsse sterben. Ihre Mitschülerinnen reagieren nicht mit Hilfe, sondern mit Spott. Chris Hargensen filmt die zitternde Carrie mit dem Handy, andere werfen Tampons auf sie. Erst die Sportlehrerin Desjardin beendet die Szene. Zu Hause hört Carrie von ihrer Mutter nur, sie habe gesündigt. Kurz darauf entdeckt Carrie, dass sie Gegenstände mit Gedankenkraft bewegen kann. Diese Fähigkeit wächst.

Der Ball und das Blut

Sue Snell, die bei der Demütigung mitgemacht hat, wird im Nachhinein von starken Schuldgefühlen geplagt. Deshalb bittet sie ihren Freund Tommy Ross als Wiedergutmachung, Carrie zum Abschlussball einzuladen. Tommy überwindet zunächst sein Zögern und fragt Carrie schließlich tatsächlich. Carrie wiederum misstraut dem Angebot anfangs, nimmt es jedoch trotzdem an.Währenddessen versucht ihre Mutter, sie davon abzuhalten. Daraufhin wird sie von Carrie per Telekinese in eine Abstellkammer verbannt. Chris hingegen schmiedet zusammen mit ihrem Freund Billy einen bösartigen Plan. Infolgedessen präparieren die beiden einen Eimer voll Schweineblut, der über der Bühne angebracht wird. Parallel dazu wird die Wahl zur Ballkönigin manipuliert.

Als Carrie schließlich auf der Bühne steht, trifft die Flüssigkeit genau ihr Ziel. Für einen Moment entsteht ein Schock, doch kurz darauf bricht im gesamten Saal Gelächter aus. Unmittelbar danach fällt der Eimer herab und erschlägt Tommy. Carrie reagiert darauf, indem sie die Türen versiegelt und ein Feuer entfacht, wodurch sich das Geschehen zu einem Blutbad entwickelt. Chris und Billy versuchen daraufhin zu fliehen, werden jedoch von Carrie gestoppt und sterben schließlich in einer brennenden Tankstelle. Der Abschlussball, ursprünglich als feierliche Krönung gedacht, kippt somit in ein regelrechtes Strafgericht. Carrie selbst erscheint in diesem Moment weniger als Monster, sondern vielmehr als eine Art Richterin.

Sie kehrt blutverschmiert nach Hause zurück und sucht Trost bei der Mutter. Margaret aber sieht in ihrer Tochter nur noch eine Ausgeburt der Sünde und stößt ihr ein Messer in die Schulter. Carrie wehrt sich mit fliegenden Klingen und tötet die Mutter. Dann lässt sie das Haus einstürzen. Sue eilt verzweifelt herbei und wird in letzter Sekunde aus den Trümmern geschweigt. Vor Gericht verteidigt Sue das Andenken Carries als das eines Mädchens, das zu lange gelitten hat. Am geschändeten Grab legt sie eine weiße Rose nieder, während der Stein mitten durchreißt.

Filmkritik und Fazit zum Film „Carrie“

Carrie“ lebt von einer Spannung, die das Regiekonzept selbst erzeugt. Peirce will das Unheimliche ins Alltägliche übersetzen und den sozialen Kern der Vorlage freilegen. Dieser Ansatz funktioniert dort am besten, wo die Kamera von Steve Yedlin nüchtern bleibt und den Raum der Schule als Kältekammer zeigt. Chloë Grace Moretz spielt Carrie mit einer Zurückhaltung, die zunächst überrascht. Ihre Verwandlung am Ballabend gewinnt dadurch an Kontur. Julianne Moore verleiht der Mutter eine selbstverletzende Verzweiflung, die über reine Fanatikerklischees hinausweist.

Problematisch wird es dort, wo der Film seine eigene Psychologisierung mit grellem Effektkino kreuzt. Die Telekinese-Szenen wirken streckenweise wie aus einem Superheldenkontext geliehen, mit digitaler Glätte statt traumhafter Verfremdung. Marco Beltramis Musik unterstützt solide, entfaltet aber keine eigene Signatur. Das Tempo stockt im Mittelteil, wenn die Handlung zwischen Schule, Kirche und Schlafzimmer pendelt. Stark bleibt dagegen die Inszenierung des Duschvorfalls, dessen Brutalität durch das eingeschnittene Handyvideo eine beklemmend zeitgenössische Note erhält. Diese Szene ist das heimliche Herz des Films.

Peirces Fassung ist keine Offenbarung, aber auch nicht der oft kolportierte Totalausfall. Wer den Klassiker von 1976 kennt, wird die Opernhaftigkeit De Palmas vermissen. Wer unbefangen zusieht, findet ein gut gespieltes Coming-of-Age-Drama mit horrorhaftem Rand. Für Genre-Liebhaber, die psychologische Präzision über stilistische Wucht stellen, lohnt sich der Film. Als eigenständige Lesart eines bekannten Stoffes verdient er mehr Aufmerksamkeit, als ihm gemeinhin zuteilwird.

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