Who Am I – Kein System ist sicher
Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Diese philosophische Frage stellt sich in deutschen Kinosälen selten mit solcher Dringlichkeit wie im Jahr 2014, als Regisseur Baran bo Odar seinen Berliner Cyber-Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ in die Kinos brachte. Ein unscheinbarer junger Mann, eine verschachtelte Erzählung, ein System aus Lügen und Identitäten – der Film verhandelt den digitalen Zeitgeist mit den Mitteln des klassischen Mindfuck-Kinos.

| Dauer: | 105 Min. |
|---|---|
| FSK: | 12 (DE) |
| Jahr: | 2014 |
| Kategorien: | Thriller |
| Regie: | Baran bo Odar |
| Produzenten: | Max Wiedemann, Quirin Berg |
| Hauptdarsteller: | Tom Schilling, Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring |
| Nebendarsteller: | Antoine Monot Jr., Hannah Herzsprung, Trine Dyrholm, Stephan Kampwirth |
| Studio: | Deutsche Columbia Filmproduktion, Wiedemann & Berg Film, SevenPictures Film |
Was macht einen Menschen sichtbar in einer Welt, die ihn nicht wahrnimmt? Diese Frage durchzieht den Film wie ein stiller Grundton, mal zur Nebensache degradiert, mal mit überraschender Wucht in den Vordergrund gerückt. Baran bo Odar erzählt von Hackern, die gegen ihre eigene Unsichtbarkeit ankämpfen – und dabei riskieren, sich selbst zu verlieren. Ob das Kalkül aufgeht, hängt nicht zuletzt davon ab, wie hoch man die Latte für originäres Erzählen ansetzt.
Besetzung, Regie und Drehorte
„Who Am I – Kein System ist sicher“ ist ein deutscher Thriller aus dem Jahr 2014. Regie führte Baran bo Odar, der auch gemeinsam mit Jantje Friese das Drehbuch verfasste – einem Duo, das später auch für die Netflix-Serie „Dark“ verantwortlich zeichnen sollte. Produziert wurde der Film von Quirin Berg und Max Wiedemann, die Kamera lag in den Händen von Nikolaus Summerer, den Schnitt verantwortete Robert Rzesacz. Gedreht wurde von Oktober bis Dezember 2013 in Berlin und Rostock.
Tom Schilling übernimmt die Hauptrolle des Hackers Benjamin Engel, ihm zur Seite stehen Elyas M’Barek als charismatischer Max, Wotan Wilke Möhring als aufgedrehter Stephan und Antoine Monot Jr. als Verschwörungstheoretiker Paul. Hannah Herzsprung spielt die Jurastudentin Marie, während die dänische Schauspielerin Trine Dyrholm die Europol-Ermittlerin Hanne Lindberg verkörpert. Stephan Kampwirth ist als BKA-Ermittler Martin Bohmer zu sehen, Leonard Carow gibt das mysteriöse Hacker-Idol MRX.
Der Film läuft 105 Minuten und ist ab FSK 12 freigegeben. Er wurde auf dem Toronto International Film Festival 2014 uraufgeführt und erreichte in Deutschland über 800.000 Kinobesucher. Die Auszeichnungen sind beachtlich: Bayerischer Filmpreis für die Beste Regie, vier Trophäen beim Deutschen Filmpreis 2015 – darunter Bester Schnitt und Beste Tongestaltung – sowie ein Bambi in der Kategorie Film national.
Handlung & Inhalt vom Film „Who Am I – Kein System ist sicher“
Der gesuchte Hacker Benjamin Engel, im Netz bekannt als WhoAmI, stellt sich freiwillig der Polizei. Er besteht jedoch darauf, nur mit der vom Dienst suspendierten Europol-Ermittlerin Hanne Lindberg zu sprechen. In einem Verhörraum beginnt er, ihr seine Geschichte zu erzählen. Benjamin wuchs ohne Vater auf, verlor seine Mutter mit acht Jahren durch Suizid und lebt seitdem bei seiner Großmutter. In der realen Welt nimmt ihn niemand wahr. Als Pizzabote fristet er ein blasses Dasein – doch im Digitalen ist er jemand. Sein Idol ist der sagenumwobene Hacker MRX, dessen drei Leitsätze er verinnerlicht hat: Kein System ist sicher. Strebe nach dem Unmöglichen. Begrenze deinen Spaß nicht auf die virtuelle Welt.
Als Benjamin seiner früheren Mitschülerin Marie begegnet und sich in die Uni-Server hackt, um ihr zu imponieren, wird er gefasst und zu Sozialstunden verurteilt. Dort trifft er Max, der sofort sein Talent erkennt und ihn in seinen Freundeskreis aufnimmt. Stephan und Paul vervollständigen das Quartett. Gemeinsam gründen sie das Hacker-Kollektiv CLAY – Clowns Laughing At You. Ihre ersten Aktionen zielen auf gesellschaftliche Missstände: Eine rechtsextreme Partei wird blamiert, ein Pharmakonzern vorgeführt. Die Aufmerksamkeit wächst, doch MRX schweigt. Max, getrieben von seinem Ego, fordert mehr. Benjamin schlägt den Bundesnachrichtendienst als nächstes Ziel vor.
Zwischen Anerkennung und Abgrund
Der BND-Hack gelingt – doch Benjamin handelt eigenmächtig: Er stiehlt vertrauliche Agentendaten und übergibt sie im Darknet an MRX. Die Konsequenzen sind fatal. Ein BND-Maulwurf namens Krypton wird tot aufgefunden, seine Identität war in den gestohlenen Daten enthalten. Offenbar hat MRX die Informationen an die russische Cybermafia-Gruppe FR13NDS verkauft. Die Ermittlungen rücken CLAY ins Visier, Hanne Lindberg übernimmt den Fall. Um sich zu schützen, wollen Benjamin und seine Mitstreiter MRX den Behörden ausliefern. Als MRX ihnen dafür den Auftrag erteilt, einen Trojaner in der Europol-Zentrale in Den Haag zu installieren, sehen sie ihre Chance – doch der Plan wird zum Wettlauf auf Leben und Tod.
Die Operation in Den Haag gelingt nur durch einen riskanten Trick Benjamins. Sie schleusen einen manipulierten WLAN-Zugangspunkt ein und verstecken ihren eigenen Trojaner im Code von MRX, um dessen Identität zu enthüllen. MRX durchschaut das Manöver. Bewaffnete Männer der FR13NDS verfolgen Benjamin bis in die Berliner U-Bahn-Tunnel. Als er ins Hotelzimmer zurückkehrt, findet er Max, Stephan und Paul erschossen auf dem Boden.
Damit ist die Rahmenhandlung in der Gegenwart angekommen. Benjamin bietet Lindberg an, MRX zu liefern – im Tausch gegen Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm. Der Plan gelingt: MRX wird in New York festgenommen. Doch Lindberg beginnt zu zweifeln. Das angeblich abgebrannte Haus steht unversehrt, die drei Leichen sind spurlos verschwunden, Marie erklärt, Benjamin seit der Schulzeit nicht mehr gesehen zu haben. Der Psychiater seiner Mutter bestätigt eine erbliche Disposition zur dissoziativen Identitätsstörung. Lindberg konfrontiert Benjamin mit dem Verdacht, dass Max, Stephan und Paul nie existiert haben. Sie lässt ihn dennoch frei – und gibt ihm die Möglichkeit, sich ins Zeugenschutzprogramm zu hacken. Auf einer Fähre nach Kopenhagen erscheinen seine Freunde an Deck. In Rückblenden enthüllt sich: Alles war ein Plan, Lindberg zu täuschen. Benjamin hat gewonnen.
Filmkritik und Fazit zum Film „Who Am I – Kein System ist sicher“
„Who Am I – Kein System ist sicher“ zeigt einen Regisseur, der visuell sicher unterwegs ist, aber erzählerisch auf bekannte Vorlagen setzt. Baran bo Odar inszeniert mit Gespür für Atmosphäre: Die Szenen im fiktiven Darknet-Chatroom, dargestellt als maskentragende Anonyme in einem heruntergekommenen U-Bahn-Waggon, gehören zu den originellsten Einfällen des Films. Kameramann Nikolaus Summerer findet für das Berliner Setting einen kühlen, urban-stylisierten Look, der dem preisgekrönten Schnitt von Robert Rzesacz präzise Schnittflächen bietet. Tom Schilling spielt den scheuen Benjamin mit glaubwürdiger Zurückgezogenheit, auch wenn seine Figur dem Typus des Außenseiters nicht entwächst.
Der erste Akt schwankt zwischen Teenie-Drama und Thriller-Ambition, ohne eine klare Haltung zu finden. Elyas M’Barek und Wotan Wilke Möhring spielen ihre bekannten Paraderollen – charismatischer Draufgänger hier, enthemmter Proll dort – mit Routine, jedoch ohne Überraschung. Trine Dyrholm als Ermittlerin Lindberg kämpft gegen eine überfüllte Figurenbiografie, die ihr kaum Raum lässt, Kontur zu gewinnen. Die eigentliche Stärke des Films liegt im Social Engineering: Wenn CLAY nicht vor dem Bildschirm sitzt, sondern physisch in Unternehmen einbricht und Menschen manipuliert, gewinnt der Thriller das Tempo und die Körperlichkeit, die ihm sonst fehlen. Die Tongestaltung – zu Recht mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet – unterstützt die Spannungsbögen wirkungsvoll.
Für Thriller-Fans, die mit den großen Mindfuck-Klassiker der 1990er-Jahre vertraut sind, wird die finale Wendung kaum überraschend kommen. Odars Referenzen sind deutlich – ein im Hintergrund hängendes Filmplakat macht sie sogar explizit. Wer diese Nähe akzeptiert, erlebt dennoch einen sehenswerten deutschen Genrebeitrag, der in seiner zweiten Hälfte mit Konsequenz und Tempo überzeugt. Als erster deutscher Thriller seit Jahrzehnten auf Platz eins der Kinocharts ist das keine leere Auszeichnung.